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Mit Gott über Mauern springen
pixabay/Bernd Hildebrandt

Mit Gott über Mauern springen

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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"Evangelisch - katholisch: Was sie trennt und verbindet"

Reihe zum Ökumenischen Kirchentag - Teil 2: Frauen in der Kirche

Ökumenische Sonntagsgedanken von Pfarrerin Pia Baumann, Frankfurt, und Pastoralreferentin Anke Jarzina, Wiesbaden

 

Pia Baumann:
Laura und Emmi tuscheln. Dann fasst sich eine ein Herz. Sie schaut mich an und fragt: „Stimmt es, dass es in der evangelischen Kirche Pfarrerinnen gibt?“ Ich schließe die letzten Knöpfe an meinem Talar und muss lächeln. „Ja, das stimmt. Ich zum Beispiel bin eine davon.“ Sage ich.

Keine Pfarrerinnen in der katholischen Kirche - keine Messdienerinnen in der evangelischen Kirche

Emmi und Laura sind Messdienerinnen in der katholischen Gemeinde bei mir im Stadtteil. Ich habe sie dieses Frühjahr kennengelernt. Ich war im katholischen Gottesdienst als Gastpredigerin eingeladen. Zuerst war ich belustigt über diese Frage. Aber dann ist mir aufgefallen: Ich war für die beiden Mädchen genauso exotisch wie sie für mich. In der katholischen Kirche gibt es keine Pfarrerinnen und in der evangelischen keine Messdienerinnen.

Ich fand es spannend, ihnen bei ihrem Dienst zuzuschauen. Zu sehen, wie sie ihre weiß-lila Gewänder angezogen haben. Beim Betreten der Kirche sind sie vor mir hergelaufen. Den ganzen Gottesdienst über saßen sie rechts und links vom Altar. Sie waren hoch aufmerksam. Alles, was sie zu tun hatten, haben Emmi und Laura anmutig und konzentriert getan. Ich konnte sehen, wie wichtig es ihnen war, diesen Gottesdienst zu feiern. Ich war beeindruckt.

Von der Messdienerin zur Pastoralreferentin

Anke Jarzina:
Das erinnert mich total mich! Ich war genauso damals als Messdienerin. Naja, vielleicht nicht immer „hoch aufmerksam“ – aber ich hab den Dienst am Altar geliebt! Es war total schön für mich, eine Aufgabe zu haben im Gottesdienst, gebraucht zu werden und ganz aktiv dabei zu sein. Ich glaube: Ohne diese Erfahrung wäre ich nie Pastoralreferentin geworden. Irgendwann hab ich nämlich gewusst: Ich will noch mehr „machen“ in der Kirche, will mitgestalten, mich einbringen, mittendrin sein statt nur dabei. Ich hatte das Gefühl: Gott braucht mich da! Nur ist es ja leider so: Pfarrerinnen gibt’s bei uns halt einfach nicht. Da merkst du: Das wär genau meins – aber die Tür ist zu. Das ist schon ein blödes Gefühl. Ich hab erst später Frauen kennengelernt, denen es ähnlich gegangen ist und die ihren Weg in der katholischen Kirche trotzdem irgendwie gemacht haben. Das hätte mir damals bestimmt auch schon geholfen.

Musik

Vorbilder sind wichtig

Pia Baumann:
Vorbilder, Menschen, die zeigen, wie es gehen kann, sind wichtig. Ich hatte als Jugendliche ein Vorbild. Eine junge Frau mit dem Namen Katrin. Sie war Pfarrerin in der Gemeinde, in der ich konfirmiert wurde. Sie war toll. Ich erinnere mich daran, dass wir als Jugendliche mit ihr über alles Mögliche diskutiert haben. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, das waren damals wichtige theologische Schlagworte. Wir wollten herausfinden, was das mit uns, der Welt und unserem Glauben zu tun hat. Und wenn mal eine oder einer von uns Liebeskummer hatte, dann gab es bei ihr zu Hause auf dem Sofa immer einen Platz zum Reden und einen Kirschtee zur Beruhigung. Ich wusste damals: So wie sie, so wollte ich auch werden, wenn ich groß bin.

Frauen in der Bibel

Anke Jarzina:
Das klingt nach einem tollen Vorbild! Solche Vorbilder gibt es auch in der Bibel: Frauen, die mir imponieren. Und: Ich finde es immer wieder faszinierend, wie viel Gott den Frauen zutraut. Nehmen wir doch nur mal Maria, die Mutter Jesu! Ohne sie und ihr Gottvertrauen wäre Jesus nie auf die Welt gekommen. Oder die Frauen, die nach der Kreuzigung todtraurig zum Grab gehen – und dort als Allererste von der Auferstehung erfahren. Lange vor den Männern. Wären die Frauen nicht gewesen, wäre die Osterbotschaft nie weitererzählt worden.

Lydia - die erste Christin Europas

Pia Baumann:
Und das geht ja noch weiter: Ohne eine Frau wäre diese frohe Botschaft auch bei uns in Europa nie angekommen. Der Name dieser Frau war Lydia. Sie war Geschäftsfrau in einer Stadt namens Philippi. Im heutigen Nord-Griechenland. Sie kaufte und verkaufte Luxusprodukte. Das ist fast 2000 Jahre her. Eines Tages begegnet Lydia dem Apostel Paulus. Der ist auf der Reise und erzählt allen von seinem Glauben an Jesus Christus. Paulus ist das erste Mal in Europa unterwegs. Auch hier will er Menschen zum Christentum bekehren. Er kommt nach Philippi, und dort ist auch Lydia unter seinen Zuhörerinnen. Sie hörte Paulus aufmerksam zu. Und Gott öffnete ihr das Herz, steht in der Bibel. (Apg. 16,14) Das Ergebnis: Lydia ließ sich taufen. Sie wurde die erste Christin Europas. Man vermutet heute sogar, dass Lydia die nach und nach entstehende Gemeinde in Philippi geleitet hat.

Ohne Lydia wäre das Christentum vielleicht nie in Europa angekommen

Zwei Dinge daran finde ich bemerkenswert. Zum einen: Dass wir uns hier und heute überhaupt über christlichen Glauben und Kirche unterhalten, dass wir Pastoralreferentin und Pfarrerin sind, das verdanken wir unter anderem dieser Frau. Ohne Lydia wäre das Christentum vielleicht nie in Europa angekommen.

Und das zweite Bemerkenswerte ist: Schon in der Bibel steht: Beim Zusammentreffen von Paulus und Lydia, da hatte Gott die Finger im Spiel. Es war kein Zufall. Gott hat Lydia, eine Frau, ausgesucht.

Musik

Gott hat viele Frauen berufen

Anke Jarzina:
„Gott hat Lydia ausgesucht.“ Ich wünschte, meine Kirche hätte so einen Blick auf die vielen Frauen, die Gott ausgesucht hat. Die er berufen hat, zum Beispiel zu einem priesterlichen Dienst, zur Pfarrerin oder zur Diakonin. Ich kenne da einige. Ich lese gerade ein ganz tolles Buch, in dem katholische Frauen davon erzählen: von ihrer Berufung. Und davon, wie schwer das ist: nicht verstanden, nicht ernst genommen zu werden. Irgendwie das zu leben, wovon sie glauben: Gott will mich da – aber letztlich bin ich immer eingeschränkt und darf nicht das tun, was ich eigentlich tun will – und auch tun könnte, wenn ich nur dürfte (Sr. Philippa Rath (Hg.): „Weil Gott es so will…“ Freiburg 2021).

"Gott traut mir was zu - wieso tut es dann meine Kirche nicht?"

Einige Frauen haben gewechselt, sind evangelisch oder altkatholisch geworden. Einige wollen das aber nicht, weil sie sich in der katholischen Kirche beheimatet fühlen und immer noch hoffen, dass sich was ändert. Das geht mir auch so. Aber ich versteh eine Kollegin, die in dem Buch schreibt: Sie fühlt eine „zunehmende Distanz zu (ihrer) Kirche“ (vgl. S. 83). Wie schade! Menschen wie sie bringen so viel mit und könnten so viel Freude und Lebendigkeit einspeisen in diese Kirche! Das ist so eine Vergeudung von Talenten und Begabungen! Gott traut mir was zu - wieso tut es dann meine Kirche nicht? In der Bibel heißt es: „Mit meinem Gott spring ich über Mauern“ (Ps 18,30). Aber in Bezug auf die Frauen in der Kirche hab ich manchmal das Gefühl: Die Mauern werden immer höher.

Erst seit 60 Jahren: Pfarrerinnen in der evangelischen Kirche

Pia Baumann:
Es muss diese Mauern nicht geben. Das hat die evangelische Kirche gezeigt. Bei uns ist es mittlerweile ganz normal, dass es Pfarrerinnen und Pfarrer gibt. Aber das war ein weiter Weg. Und auf dem standen auch so einige Mauern rum, die erstmal überwunden werden mussten. Frauen als Pfarrerin gibt es nämlich noch gar nicht so lange. Erst seit gut sechzig Jahren. (1)

Die ersten Pfarrerinnen durften nicht heiraten

Als damals die ersten Frauen Pfarrerinnen wurden, hat das vielen nicht gefallen. Sie haben misstrauisch gefragt: Kann das eine Frau überhaupt? Pfarrerin sein? Ist das den Männern zuzumuten? Und den Gemeinden? Was ist dann mit ihrer Familie? Mutter sein, Ehefrau und dann noch Pfarrerin – dass das geht, das wollten sich viele nicht vorstellen. Die ersten Pfarrerinnen durften deshalb nicht heiraten. Es gab tatsächlich ein Zölibat.

Dass es in der evangelischen Kirche so ist wie jetzt, das hat Generationen von Frauen viel Kraft und Nerven gekostet. Ihnen verdanke ich, dass ich eine Wahl hatte, dass ich Pfarrerin sein kann.

Es gibt immer noch die klassischen Männer- und Frauenberufe - nicht nur in der Kirche

Es gibt sie immer noch, die klassischen Männer- und Frauenberufe – nicht nur in der Kirche. Ich persönlich kenne keine KFZ-Mechatronikerin und auch keine Dachdeckerin. Es gibt wenig Frauen in den Vorständen großer Unternehmen und in den Naturwissenschaften. Ganz aktuell: Bei der Oskar Verleihung bekam dieses Jahr erst die zweite Frau überhaupt einen Oskar in der Kategorie „beste Regie“. Und das liegt nicht daran, dass es keine Regisseurinnen gibt.

Mädchen und Frauen sollten frei entscheiden können, was sie möchten. In allen Bereichen des Lebens. Das gilt auch für Emmi und Laura. Die beiden Messdienerinnen.

Ich weiß nicht, wo ihr Weg sie mal hinführen wird. Welchen Beruf sie ergreifen wollen. Aber ich wünsche Ihnen, dass Gott ihnen das Herz öffnet. Genau wie bei Lydia. Und Emmi und Laura stärkt, damit sie Mauern überspringen und ihren Platz im Leben finden. Wo auch immer der ist.

Und wenn eine von ihnen Pfarrerin werden möchte, ich würde mich freuen. Das Zeug dazu haben sie.


(1)  www.deutschlandfunk.de/gleichberechtigung-der-herr-pastor-ist-eine-frau.2540.de.html

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