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Joe Cocker: Summer in the city
Bild: Free-Photos/Pixabay

Joe Cocker: Summer in the city

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau
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Musik:

Für mich ist es der Song für die heißen Tage, in vielerlei Beziehung. Das Gitarrenriff groovt mich ein. Auf einen Schlag folgen kräftige Beats von den Drums. Die Rockröhre von Joe Cocker versetzt mich in Schwingungen. Genau richtig für "Summer in the City". Sofort nickt mein Kopf mit. Ja, gerade im Sommer möchte ich beschwingt leben. Gerade im Sommer wird die Sehnsucht groß – nach verliebt sein, lieben, jemanden haben zum Liebhaben.

Moment mal. Das ist kein Sommer wie jeder andere! Natürlich ist da auch die Hitze, die einem in den Nacken fällt. Da schleiche ich schon mal mit einem streichholzkopfroten Gesicht über die Bürgersteige, so treffend beschreibt das der Songtext. Das verstärkt sogar die Sehnsucht. Wie ich das kenne: Hitzestau. Naja, und Joe Cocker ist ja auch dafür bekannt, dass er sein Hemd durchgeschwitzt hat.

Abhilfe gesucht. Aber wie soll das gehen in schwierigen Zeiten? Da wird auch die Liebe schwierig: Abstandsregel, Ansteckungssorge, maskierte Gegenüber – wie soll man sich da verlieben, und überhaupt: lieben?

Kein Wunder, dass ich an die Scherzfrage denke: Wie lieben sich die Igel? Antwort: Mit Abstand und ganz vorsichtig. Kann ich da was von lernen, auch wenn ich kein Stacheltier bin?

Dringend Abhilfe gesucht für die Sehnsucht nach Liebe in diesem Summer. Ob Joe Cocker Rat weiß?  

Musik:

"But at night it’s a different world" – Nachts wird’s kühler. Das nehme ich mal als gutes Bild, als Anleitung. "Cool" bleiben, trotz widriger Umstände. Wär ja schon mal ein Anfang.

Als hätte er die besonderen Umstände dieses Sommers geahnt, agiert Joe Cocker im Musikvideo zum Lied. Er tritt aus einem Hauseingang auf den Bürgersteig, stellt einen Ghettoblaster vor sich hin und singt seine Sehnsucht heraus. Er will raus aus der Hitze, einen Menschen finden zum Tanzen, später vielleicht mehr.

Aber er steht allein, Passanten bleiben auf Abstand. Wird der Sehnsuchtssong zum wehmütigen Abgesang? Ich will leben und lieben im summer in the city. Aber wie soll das jetzt gehen?

Musik:

Eigentlich ist alles bereit für die Liebe. "Dressed so fine and looking so pretty" - Er hat sich schick gemacht, sieht gut aus‚ denn er ist "cool cat, looking for a kitty".

Kater sucht Kätzchen oder Kätzchen sucht Kater. Und das in schwierigen Zeiten für die Liebe. Nach wie vor gibt es die Straße der Sehnsucht, auf der ich manchmal hechelnd an einer Bushaltestelle ankomme, so wie es im Song heißt: "till I‘m wheezing at the bus stop". Endstation Sehnsucht, oder geht’s weiter? Gibt‘s da die Treppe nach oben aufs heiße Blechdach, wo ich dich treffe? Running up the stairs gonna meet you on the roof-top.

Tolle Bilder, toller Traum. "Summer in the city" ist ein Powersong der Lebenslust. So einen Sommer wünsche ich mir. Summer in the city macht Lust zum Tanzen, auch, wenn ich selbst kein junge Hüpfer mehr bin. Joe Cocker ist auch schon ein Best-Ager, als er den Song in den 90ger Jahren übernimmt.

Eigentlich ist es ein Song der 60ger-Jahre-Band "Lovin spoonful" – ein "Löffelchen Liebe" kann man den Namen übersetzen. Hey, die 60ger: Flowerpower, freie Liebe. Das waren noch Zeiten …

"Summer in the city" ist eine der Hymnen des "Summer of Love". Lebens-Lust. Betonung auf dem Wort "Lust". Lust haben und Lust ausleben. Es geht um Sexualität. Das wurde in den 60gern nicht so direkt gesagt. Dafür fand man Bilder, sonst wäre der Song nicht im Radio gespielt worden. Für diese Bilder lässt das Gitarrensolo, in dem die Saiten ekstatisch gezogen werden, reichlich Platz:

Musik:

Lebens-Lust. Betonung auf "Lust". Lust haben und Lust ausleben. Alles andere als einfach. Heute nicht und früher auch nicht. Aber es kann gelingen. Und es ist auch schon früher gelungen.

Deshalb jetzt: Szenenwechsel. Eine Stadt vor 2.500 Jahren. Im alten Orient, in Israel. Da war’s auch heiß. Einer setzt sich hin, vielleicht im Schatten unter einem Baum, macht sich so seine Gedanken über Lust und Leben. Und er fasst sie in ein Gedicht:

"Meine Freundin – wie schön du bist! Deine Augen sind wie Taubenaugen. Deine Haare wie eine Herde Ziegen, die vom Gebirge hinabsteigt. Zähne wie frisch geschorene Schafe, Lippen wie Scharlach." Bilder aus einer anderen Lebenswelt, aber sie lassen sich verstehen: große Augen, lockiges Haar, weiße Zähne, rote Lippen. Dann wird’s lustbetont: "Deine Brüste sind wie Gazellen, die unter den Lilien weiden." – das heißt: sie sind fest, und wenn sie sich bewegen, ist das sehr erotisch. Am Schluss wird’s eindeutig zweideutig: "Wenn der Tag kühl wird, will ich zum Myrrhenberg gehen und zum Weihrauchhügel."

Das ist Erotik vom Feinsten. Lust ist gut, Lust ist schön. Das Gedicht steht in der Bibel. Im Alten Testament, im Hohen Lied der Liebe.

Das ist für mich gerade jetzt wichtig: Lust und leben sind keine Fremdwörter für die Bibel. Da geht es körperbetont zu. Und das ist gut so. Erotik und Sexualität sind Geschenke Gottes. Und ich denke, Gott möchte, dass seine Geschenke ankommen. Auch jetzt.

Musik:

Mit Lebenslust, Lust und Liebe bin ich in guter biblischer Gesellschaft. In der Bibel bekommt das Liebesgedicht des Mannes eine Antwort von ihr. Die Geliebte schreibt zurück: "Wenn der Tag kühl wird, komm her wie ein junger Hirsch! Und ich will aufstehen und umhergehen in den Gassen und suchen, den meine Seele sucht."

Katze sucht Kater und umgekehrt, damals in der Bibel. Und heute, wo es herausfordert, meine Lebenslust in diesem Sommer zu leben.

Wie sich die beiden Liebenden aus dem Alten Testament wohl kennen gelernt haben? Im Alten Orient gibt’s Regeln. Anstand und Abstand. Manchmal Verschleierung. Es braucht Zeit, vertraut zu werden. Zuerst wirbt man umeinander, umarmt sich mit Worten. Dann, wenn es passt zwischen Kater und Katze, darf auch der Schleier fallen.

Ich bin Pfarrer in der Schule und habe meine Abiturienten gefragt, wie sie es so halten mit der Liebe in Zeiten von Corona. Einer sagt: "Ich lasse es langsam angehen, nehme mir Zeit zum Kennenlernen." Eine andere meint: "Ich bin wählerischer geworden." Und eine andere junge Frau sagt: "Partys und Club ist ja nicht. Aber zum Glück gibt’s das Internet, ist zwar anders, aber geht, und mit meiner Clique bin ich ständig online". Da stimmen viele zu,  so überbrücken sie den Abstand. Dann gibt jemand einen praktischen Tipp: "Warum nicht nach einem Corona-Test fragen? Sicherheit und Vertrauen gehören zusammen."

Natürlich wurde ich auch gefragt. Zum Glück liegt die Suche nach der richtigen Partnerin für mich schon lange zurück. Aber ich habe mich an meine Jugend in den 80gern erinnert. Aids hat damals unser Liebesleben verändert. Neue Regeln und Verhaltensweisen wurden eingeübt. Gar nicht so unähnlich den Herausforderungen heute. Und die Liebe hat überlebt.

Ich bin froh, dass Erotik und Sexualität in der Bibel wunderbare Worte bekommen. Gottes Geschenk auspacken bedeutet für mich zu jeder Zeit: Sexualität ist Vertrauenssache. Braucht Einverständnis und Verantwortung. Lebenslust bedeutet innig miteinander sein. Zeit für Zärtlichkeit und heiße Nächte. Dann kann’s wunderbar werden, auch jetzt. 

Musik:

Summer in the city muss kein Sehnsuchtslied bleiben. Nach Gottes Willen soll Liebe Erfüllung finden – ganz und gar. Sexualität und Erotik sind Geschenke Gottes. Ich will sie behutsam auspacken, nicht nur in diesem Sommer.

Mit dem Kopf zum Rhythmus von "Summer in the city" nicken wär schon mal ein guter Anfang. Vielleicht wird’s ja doch noch was mit dem Tanzen – eben erst mal auf Abstand. Und, um auf die Igel zurückzukommen: Die sind trotz stacheliger Liebe nicht ausgestorben, und das freut mich.

Musik:

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