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Ich kann staunen
Bild: blanca rovira/Pixabay

Ich kann staunen

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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Mal so richtig staunen können, das wünsche ich mir manchmal wieder. In meiner Kindheit konnte ich das, wenn ich etwas Neues entdeckt habe oder überrascht war. Ich habe mit offenem Mund dagestanden und war einfach begeistert.
So wie Paula, unser Nachbarskind.

Ich bin gerade dabei, Löwenzahn aus dem Rasen auszustechen. Er soll sich nicht noch mehr vermehren.
Paula pflückt nebenan den verblühten Löwenzahn, der zur Pusteblume geworden ist. Staunend sieht sie ihn an. "Oooooh", sagt sie plötzlich, und vorsichtig pustet sie und schaut den kleinen Schirmchen nach. Sie fliegen in die Luft und dann landen sie irgendwo und verteilen ihren Samen.

Jetzt weiß ich, warum der Löwenzahn sich ausgerechnet immer wieder auf unserer grünen Wiese und in den Ritzen des Pflasters bei unserer Garageneinfahrt verteilt. Aber mein Ärger verfliegt schnell. Ich bin beeindruckt, was sich bei dieser Blume abspielt.
Ich lese nach: Vom Wind getragen kann der Samen des Löwenzahns mit seiner haarigen Federkrone etliche Meter zurücklegen. Die Aerodynamik der Pusteblumenschirme ist anders als bei den üblichen Fallschirmen.

Wissenschaftler wollen aus diesen Erkenntnissen die Entwicklung von winzigen Flugrobotern weiter vorantreiben. Naturwissenschaften betrachten die Schöpfung analytisch-nüchtern. Daraus leiten sie ihre Erkenntnisse ab. Das ist hilfreich. Doch Paula erinnert mich: Die Dinge der Natur nicht nur nach ihren Funktionen zu betrachten. Sie verhilft mir zum Staunen:

  • Dass es überhaupt Löwenzahn gibt.
  • Dass er sich verwandelt
  • Dass sein Samen in diesen wunderbaren Schirmchen leicht
    durch den Wind weht
  • Dass sein Leben weitergeht und er sich neu aussamt.
  • Dass Gott jedes Geschöpf wie den Löwenzahn wunderbar
    geschaffen hat.

Bisher habe ich es nicht als etwas Besonderes wahrgenommen, wenn die Schirmchen des Löwenzahns fliegen. Habe mich geärgert, wenn ich den Löwenzahn nicht rechtzeitig vor dem Aussamen erwischt und ausgegraben habe. Doch Paula hat mir eine neue Sichtweise geschenkt. Paula kann staunen.

Und durch sie, staune ich auch wieder wie als Kind. Ich bin ehrfürchtig vor dem, was ich sehe und erlebe. Ich möchte eine Haltung einnehmen, die das Staunen ermöglicht. Ich möchte meine Sinne schärfen, damit sie ins Staunen geraten können. Neugierig und offen sein und Gott dem Schöpfer danken für seine Schöpfung.

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