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Hier wohnt Gott
Foto: pixabay / barakbro

Hier wohnt Gott

Pater Ansgar Wucherpfennig SJ
Ein Beitrag von

Pater Ansgar Wucherpfennig SJ,

Professor für Neues Testament, Hochschule Sankt Georgen Frankfurt
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Essfeld ist ein kleines fränkisches Dorf bei Würzburg, und dort hat die Kirche eine ganz normale Hausnummer. Es gibt keinen Briefkasten, in den der Postbote Briefe einwerfen könnte, aber Gott hat hier sein Haus. In diesem Dorf habe ich ein paar Jahre in der Seelsorge mitgearbeitet und habe mich immer gefreut, wenn ich Gottes Hausnummer gesehen habe. Das heißt doch: Menschen können dort ein- und ausgehen, wie in einem ganz normalen Haus in einer ganz normalen Straße. Sie können dort sitzen bleiben und … ja, was: und? Ein Kaffeekränzchen halten können sie nicht und auch keine Party feiern, aber sie finden jemand, der dort wohnt, und ihnen auch zuhört. Es ist das „Haus Gottes“. In Essfeld wohnt Gott wie ein Nachbar unter Nachbarn. Natürlich ist Gott ein unsichtbarer Nachbar, denn sehen lässt sich Gott dort nicht, oder nur unter verschiedenen Zeichen. Und hören kann ich Gott dort noch weniger. Unter Lärmbelästigung durch Gott brauchen die Nachbarn der Kirche in Essfeld nicht zu klagen. Es ist eher, wie es Rilke in seinem Gedicht „Du Nachbar Gott“ beschreibt: „Nur eine schmale Wand ist zwischen uns, durch Zufall, denn es könnte sein: ein Rufen deines oder meines Munds und sie bricht ein ganz ohne Lärm und Laut.“

Im Freilichtmuseum im Hessenpark gibt es auch eine Synagoge. Sie ist 1866 in Groß-Umstadt errichtet worden. Am 21. Mai 1874 hat sie der Landesrabbiner eingeweiht. Unter einem Fenster heißt es auf einer Inschrift in Sandstein: „WIE EHRFURCHT GEBIETEND IST DIESE STÄTTE; HIER IST NICHTS ANDERES ALS DAS HAUS GOTTES; UND HIER IST DIE PFORTE DES HIMMELS.“ So begrüßt die hebräische Inschrift über dem Eingang jeden, der die Synagoge betritt. Auch diese Synagoge ist ein Haus Gottes. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde sie nicht niedergebrannt. Nicht weil die Brandstifter damals Rücksicht genommen hätten auf Gott, der darin wohnt, sondern weil sie zu nahe an den benachbarten Häusern stand. Die Gefahr war zu groß, dass sie auch Feuer gefangen hätten. Unzählige andere jüdische Gotteshäuser wurden in dieser Nacht schonungslos angezündet, zertrümmert und niedergebrannt. Die jüdische Gemeinde in Groß-Umstadt wurde gezwungen, ihr Gotteshaus im Dezember 1938 an den benachbarten Bauern und Bürgermeister zu verkaufen. Dieser hat das Haus, in dem Gott wohnt, dann als Lagerschuppen benutzt. So ist sie aber erhalten geblieben und wurde dann im Hessenpark wieder aufgebaut.

Hier wohnt Gott, so heißt es über vielen Synagogen, Kirchen und Gotteshäusern. Als am 9. November die Synagogen gebrannt haben, da haben sich die Zerstörer der Gotteshäuser vielleicht nicht gedacht, dass Gott dort wohnt, aber sie haben Häuser zerstört, in denen Juden gebetet haben. Juden haben sie auf die Straßen gezerrt, geschlagen, und Millionenfach ermordet. Und es ist keine zwei Wochen her: Am 27. Oktober hat ein 46-Jähriger in einer Synagoge in Pittsburgh 11 Juden beim Schabbat-Gebet niedergeschlossen.

Auch heute werden noch Gotteshäuser niedergebrannt und mit Steinen beworfen, oder sie müssen durch Polizei und Wachtposten geschützt werden. Was geschieht dann mit Gott? … Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Schlimm ist für mich aber: Wenn Gotteshäuser brennen, werden Menschen in ihrem tiefsten Inneren verletzt, denn dort, wo Gott wohnt, haben auch Menschen ein Zuhause und zwar mit allem, was sie bewegt. Menschen dieses Zuhause zu nehmen, gehört deshalb für mich zu dem Schlimmsten, was Menschen einander antun können.  

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