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Gott ist nicht im Donnern, sondern in der Stille

Gott ist nicht im Donnern, sondern in der Stille

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Eigentlich habe ich vor Blitz und Donner keine Angst. Aber dieses Jahr waren die Gewitter schlimm. Durch Gewitter sind in den letzten Monate mehrere Menschen schwer verletzt worden, zum Beispiel auf Fußballfelden oder bei großen Konzerten. Es sind sogar einige durch Blitzschlag oder Überschwemmungen nach Gewittern gestorben. Auch mir war es manchmal mulmig. Ohne Vorwarnung kam ein Blitz und ganz schnell der Donner hinterher, so dass ich wusste: jetzt ist das Gewitter wirklich sehr nah. Schnell habe ich mich in Sicherheit gebracht. Ich habe nochmal neu gelernt: man muss sich gut schützen. Ganz so harmlos ist ein Gewitter nicht.

Lange Zeit haben Menschen geglaubt, dass Gott ihnen in Donner und Blitz droht. Die Psalmen in der Bibel erzählen davon. Da heißt es zum Beispiel: „Gott donnerte im Himmel, der Höchste ließ seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen“ (Ps 18,14) Auch ansonsten mutige Leute wie Martin Luther flehten bei Gott um Gnade, sie im Gewitters zu verschonen. Noch meine Oma hat uns beigebracht: „Im Gewitter redet Gott, im Donner droht der Allmächtige.“ Deshalb ist es umso bemerkenswerter, dass die Bibel auch ganz anders von Gott redet. Sie verbindet Gott nicht durchgängig mit Donnern und schon gar nicht mit Angst. Im Gegenteil. Das zeigt die Geschichte, wie der Prophet Elia Gott erlebt.

Elia war verzweifelt. Er war unsicher über seinen Lebensweg. Er hatte Angst vor Gott, denn er glaubte: Gott zeigt sich im Sturm, im Erdbeben oder im Feuer. Die Bibel erzählt: Elia versteckte sich in einer Höhle. Aber Gott wollte, dass er herauskommt und ins Freie tritt. Ich stelle mir vor, wie Elia gezittert hat vor Angst. Er hatte erwartet: Gott zeigt sich ihm nun in Donner und Blitz. Tatsächlich kam zuerst ein starker Wind. Der zerriss Felsen und Berge. Ob darin Gott ist? Aber Gott war da nicht. Dann kam ein Erdbeben. Danach ein großes Feuer. Aber auch darin war Gott nicht. Doch dann kam, so wörtlich, ein „stilles, sanftes Sausen“ (1. Könige 19,12).

In diesem stillen, sanften Sausen – darin hat der Prophet Elia Gott erlebt. Gott, der Feuer, Wasser, Erde, Luft geschaffen hat, zeigt sich in der Stille. Gott kommt nicht mit vernichtender Naturgewalt, sondern still. Der jüdische Theologe und Philosoph Martin Buber hat das so übersetzt: Gott zeigt sich „mit der Stimme verschwebenden Schweigens“.

Ich glaube: Das ist bis heute so. Gottes Stimme wird hörbar in leisen Tönen oder im Schweigen. Dafür muss ich selbst den Weg in das eigene Innere finden. Da ist es oft gar nicht leise. Manchmal dauert es lange, bis ich wirklich zur Ruhe komme. Aber wenn ich ruhig geworden bin, breitet sich in mir und um mich herum Stille aus. Das Wort Gottes ist manchmal zart wie ein Hauch. Ich kann es mehr erahnen als deutlich hören.

Vielleicht kommt es unangekündigt und ungebeten. Wie aus heiterem Himmel. Darin ist es ähnlich wie die Gewitter. Aber es zerstört nicht, sondern klärt. Ich habe das einmal erlebt: Ich saß am Küchentisch und spürte, wie Gott in die Stille hinein mir etwas sagte. Das war ganz kurz, nur ein Moment. Aber so kräftig und stark, dass es mich seit dem nicht mehr loslässt. Plötzlich stand alles ganz klar vor meinen Augen. Ich habe erlebt: Ganz gleich, wie Gott kommt: er kommt freundlich. Ich muss keine Angst vor ihm haben.

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