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Folgt dem Schönen
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Folgt dem Schönen

Lisa Neuhaus
Ein Beitrag von

Lisa Neuhaus,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt am Main
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Ich höre Radio auf einer Autofahrt, einen Gesang von fast überirdischer Schönheit. Die Sprache, in der gesungen wird verstehe ich nicht, der Gesang wirkt dafür umso stärker. Nach kurzer Zeit verklingt er. Ich hätte gern mehr davon gehabt!

Eine Stimme sagt: „Folgt dem Schönen“. Zu meiner Überraschung erfahre ich, dass ich eine Rezitation aus dem Koran gehört habe. Ein Religionswissenschaftler aus Münster erzählt dann, wie ihn als Kind die Schönheit solchen Gesangs ergriffen habe. Vor 30 Jahren war er voller Sehnsucht in eine Moschee in Kabul gegangen. Er berichtet: „Um uns herum herrscht Krieg, und ich höre etwas so unglaublich Melodisches und Klangvolles. So bin ich der Religion durch den Wohlklang begegnet. „Folgt dem Schönen“ heißt es im Koran.“

Ich stelle mir die Situation vor: Draußen wird geschossen, es ist nicht sicher, ob alle Betenden den Heimweg überleben. Aber im Schutzraum des Gesangs gibt es Trost durch die Schönheit anderer Klänge und Worte. Eine Gegenwelt. Ein Raum des Friedens mitten im Krieg.

Gehen wir  am Morgen dieses Adventssonntags mit Worten und Klängen auf die Suche nach Schönheit. Worte aus dem Buch des biblischen Propheten Jesaja werden uns begleiten. Folgen wir jetzt dem Schönen! Und suchen darin auch Trost.

G.F.Händel, Comfort ye, comfort ye my people

Schutzraum aus Klängen
Comfort ye, singt die Stimme. Tröstet! Tröstet mein Volk. Langsam, leise setzt die Stimme an, sie nähert sich sacht und vorsichtig. Der Klang erreicht das Ohr und geht ins Herz, noch ehe die Worte beim Verstand ankommen. Langgezogene Töne schaffen dem Atem Raum, beim Hören helfen sie aufzuatmen. Dann wird die Stimme kräftiger, sie drängt nach vorne und wird ganz eindringlich: „So spricht euer Gott.“ Der Trost soll unüberhörbar sein und laut weitergesagt werden. Aus der Verbindung von Worten und Klängen entsteht große Kraft.
Sie bewirkt das, wovon die Rede ist, nämlich einen Schutzraum aus Klängen. Trost. Oder zumindest die Sehnsucht danach.

Trost! So ein schönes, rundes Wort! Trost braucht es bei allen irgendwann im Leben. Wenn das Herz weh tut wegen eines Verlusts. Wenn eine Krankheit die Lebenskraft bedroht, wenn Perspektiven zerronnen sind und das Leben nur noch ermüdet. Trost tut oft Not angesichts der trostlosen Bilder und Nachrichten, die uns ständig erreichen. Erst recht: Was für ein großes Maß an Trost brauchen diejenigen, von denen in solchen trostlosen Nachrichten die Rede ist!

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ heißt es in einem Adventslied. Im Jahr der Kirche ist der Advent die Zeit des Wartens und Erwartens. Da wird oft schmerzhaft bewusst was fehlt, was vielleicht auch nach langem Warten nicht eintrifft. Auch nicht zu Weihnachten. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ 

Menschsein heißt Trost brauchen
Menschen warten auf Trost, auch im Advent. Und in der Bibel lerne ich: Es gehört ganz elementar zum Menschsein, Trost zu brauchen und Trost weiterzugeben. Ich bin ein Mensch, das heißt: Ich brauche Trost, ich brauche Menschen, die mich trösten. Am Anfang des Lebens als schreiender Säugling. Am Ende im Stöhnen oder Aufschreien des Sterbens. Und an jedem Tag dazwischen. Jeden Tag brauchen wir, was wir nicht haben, was von außen zu uns kommen muss.  Menschen, die in diesem Sinn menschlich sind, werden sich nie selbst genug sein, sie sind immer angewiesen auf andere. Am Anfang des Lebens, am Ende des Lebens und an jedem Tag dazwischen.

Doch was ist eigentlich Trost? Das deutsche Wort, das so schön rund klingt, bedeutet Sicherheit und Schutz. In der hebräischen Sprache der Bibel geht es um gefährdete Lebenskraft, die durch Trost  gestärkt wird. Trost stärkt beide, Tröstende und Getröstete, und führt sie zusammen aus der Enge in die Weite. Vielleicht heißt ja deswegen in manchen Gegenden von Hessen das Zusammensein nach einer Beerdigung so schön „Trösterkaffee“ oder „Tröster“: Etwas Warmes zu trinken, etwas zu essen, ein wärmendes Zusammensein mit anderen. Der „Tröster“.

Die meisten von uns haben sich zu allererst von der Mutter trösten lassen. Mütter trösten sinnlich, körperlich. Sie stillen Schmerz oder Kummer durch ihre Wärme, mit Trostlauten, Tönen, Worten: Oj oj oj. Schu schu schu. Heile heile Segen. Nicht alle haben das so erlebt, nicht alle Mütter können trösten. Aber ich bin sicher: alle kennen die Sehnsucht nach solchem Trost. Und ich glaube: wer sich trösten lässt, kann Trost auch weitergeben ohne leere Floskeln und vorschnelles Aufmuntern.

Als Studentin habe ich in dem Theaterstück „Hölderlin“ von Peter Weiß mitgespielt. Als seine heimliche Geliebte musste ich dem untröstlichen Hölderlin den Satz sagen: „Trost? Trost weiß ich dir keinen zu geben.“ Schreckliche Worte, die beim Sprechen weh getan haben. Und erst recht beim Hören.

Vielleicht bin ich vor allem deswegen Pfarrerin geworden, um gegen diesen Satz zu arbeiten. Dagegen, dass Menschen zueinander sagen: Trost weiß ich dir keinen zu geben. Dafür, dass Menschen die Hoffnung festhalten für einander: bei Gott ist nichts und niemand untröstlich.

Folgen wir  also dem Schönen, auch auf der Spur tröstlicher Musik, die etwas in Bewegung bringt. Und danach auf den Spuren des Propheten Jesaja.  

G.F.Händel, Every valley shall be exalted  

Trostworte von weit her
„Nachamu, nachamu ami. Tröstet! Tröstet mein Volk.“So klingen Trostworte, auf Hebräisch überliefert im Alten Testament. Der Trost ist wohl von außen, von weit her gekommen, wie aus dem Äther, aus dem Himmel ins Ohr eines Menschen. Konkret: Ins Ohr des Propheten Jesaja im 6. Jahrhundert vor Christus. Prophet oder auch Prophetin werden in der Bibel Menschen genannt, die andere Worte hören als die üblichen. Und sie können nicht anders: Sie müssen diese Worte weitersagen, ob sie nun beunruhigend und verstörend sind oder kraftvoll und tröstlich. Bis heute werden diese Worte weitererzählt und gesungen, in Synagogen, Kirchen und Konzertsälen auf der ganzen Welt. "

"Tröstet mein Volk! Redet freundlich zum Herzen Jerusalems.“  So heißt es im Buch des Propheten Jesaja. Ich stelle mir vor, wie solche Worte hörbar werden: Da gibt es den Propheten und um ihn eine kleine Gruppe von Männern und Frauen. Sie haben gelernt, auf Worte von außen zu warten und üben sich darin, sie in sich aufzunehmen. Dabei brauchen sie Abstand zum alltäglichen Gerede, brauchen Zeit zum Hören. Und Stille.
Schon lange hat diese Gruppe nichts mehr gehört, zuletzt waren es harte Worte und trostlose Aussichten: Der Stadt Jerusalem wurde eine Katastrophe angekündigt, der Untergang. Keiner wollte solche Ansagen hören, kaum jemand hat ihnen geglaubt. 

Dass dann alles wahr geworden ist, dass die Stadt zerstört und die Bevölkerung vertrieben worden ist, das hat diese Gruppe, die den Untergang kommen sah, nicht etwa tief befriedigt, weil der Gang der Geschichte ihnen recht gegeben hat. Sie sind genauso niedergeschlagen und hoffnungslos wie alle anderen im Volk.

Vertrieben nach Babylon, in der Fremde, ohne Rechte, ohne die vertrauten Riten im Tempel, die früher dem Leben in der Gemeinschaft Halt und Rhythmus  gaben. Das ist jetzt alles vorbei. Andere Kräfte, andere Gottheiten haben sich als mächtiger erwiesen. Riesige Götterbilder und große Tempel schüchtern alle ein. Kein Raum mehr für Bilder und Worte aus einer anderen Welt, für die Gottheit der Mütter und Väter, für Trost und Hoffnung. Alle sind dort in der Fremde in Babylonien nur noch mit dem alltäglichen Durchkommen beschäftigt, viele sind nicht mehr so ganz bei Trost. Mit neuen Worten rechnet da keiner mehr in der Gruppe der Hörenden. Vielleicht haben sie in dieser neuen Welt ausgedient mit ihrer altmodischen Art von Wortempfang und Verkündigung.
 

Schöne Worte und große Skepsis
„Nachamu, nachamu ami. Tröstet mein Volk, spricht eure Gottheit. Der Kampf ist zu Ende, die Schuld abgetragen. Es ist genug mit den Folgen der Verfehlungen.“ Hörst du das auch? Woher kommen diese Worte? Wer spricht uns so an, so zugehörig: Mein Volk, eure Gottheit. Trösten. Die Gruppe der Hörenden merkt auf. Schuld sei bezahlt, Verfehlungen vergeben. Sie fragen sich: Waren wir etwa selber schuld an unserem Unglück? Soll es Folge unseres eigenen  Tuns gewesen sein? Wo war Gott - das ist doch die Frage!
 

„Horch, eine Stimme ruft laut:  Bahnt Gott den Weg in der Wüste. Macht die Straße gerade für unseren Gott.  Der Glanz und die Schönheit Gottes werden sich zeigen und alles, was lebt, wird es gemeinsam sehen!“

Was für schöne Worte! Sie schaffen einen Raum der Schönheit und des Trostes. In der Gruppe der Hörenden in Babylon werden aber Einwände dagegen laut, auch gegen den Propheten, der zuerst gehört hat: Das hast du dir bestimmt alles nur ausgedacht, Jesaja.
Du erträgst es einfach nicht, dass wir sprachlos geworden sind. Wo soll der Trost denn herkommen, es wird ja nie mehr so werden, wie es einmal war! Du willst nur vertrösten, du aus der Zeit gefallener Prophet. Doch Jesaja fragt die anderen: Wollt ihr behaupten, Gott habe aufgehört zu sprechen? Meint ihr, die Gottheit sei vielleicht selber nicht mehr bei Trost? Ist es etwa leichter für euch, schlechte Nachrichten zu verbreiten  als der Schönheit des Trostes zu folgen? Ruft endlich. Folgt dem Schönen. Gebt diesen Trost weiter. Schafft Schutz durch Worte!

Die Gruppe bleibt skeptisch: Was sollen wir denn rufen, mit nichts in der Hand? Alles, was lebt, ist doch wie  Gras. Alle Schönheit, alles Vertraute, alles Lebendige  ist endlich. Die Worte sind so hohl geworden. Was einmal Gewicht hatte - unser Ansehen, unser Besitz, unsere Arbeit, unser Glaube - alles hat sich in Luft aufgelöst, liegt in Trümmern. Ja, sagt Jesaja:Wie Gras ist das Volk. Gras vertrocknet, Blumen verwelken.Aber das Wort unserer Gottheit steht immer wieder auf.“   Folgt dem Klang, folgt den Worten, der Stimme. 

G.F.Händel, And the glory of the Lord shall be revealed   

Das Wort unserer Gottheit steht immer wieder auf
„Der Glanz, die Schönheit unserer Gottheit wird sich zeigen! Alle werden es sehen.“
Der Walzertakt der Musik bringt die Worte zum Tanzen. Die Stimmen werfen sich die Worte zu wie Bälle, immer wieder hin und her. Und wie Glockenschläge geht es dann ans Ohr:

„Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Das Wort unserer Gottheit steht immer wieder auf.“  

Das Wort unserer Gottheit steht immer wieder auf: Das hat der Prophet Jesaja  behauptet.    Die Götterbilder im Tempel von Babylon sind lang verschwunden, Jesajas Worte des Trostes werden bis heute gesungen, gesprochen und gehört.
„Das Wort unserer Gottheit steht immer wieder auf“. Wie soll ich mir das vorstellen? Ich erinnere mich an den Ruf im Radio: „Folgt dem Schönen!“ und suche Schönes zu den Worten, die aufstehen wollen. Auf der Suche stoße ich auf eine alte Darstellung des Propheten Jesaja, in Stein gemeißelt, an der Wand einer romanischen Kirche in Frankreich. Dieses Relief hat mich überrascht. Zum sprichwörtlichen Bild eines Propheten passt es, dass Jesaja  mit langem Bart gezeigt wird, als alter Mann. Der Bart ist sehr gepflegt, in Zöpfe geflochten und Jesajas langes Gewand ist mit besonderen Ornamenten verziert. Was mich so überrascht: Dieser Prophet tanzt! Die Bewegung von Armen und Beinen und Gewand ist sogar in Stein gehauen deutlich zu erkennen.

Ein alter Mann, der alles gesehen hat, tanzt! Die Worte, die er gehört hat richten ihn anscheinend auf und bringen ihn in Bewegung. Erst hat er gesprochen, dann vielleicht gesungen und als er Ohren und Herzen der anderen immer noch nicht erreicht, bringt er das Wort zum Tanzen. Er bewegt sich auf die zu, die nicht mehr bei Trost sind und will sie in Gang bringen, zum Tanzen bringen. Jesaja scheint einen ersten Schritt zu zeigen, eine Geste, mit der sich die Arme öffnen, und dabei öffnet sich vielleicht auch das Herz. Als suchte er gemeinsam mit den Ungetrösteten den Takt des Trostes, der sie zurück ins Leben holt.

So könnte es gehen, wenn das Wort unserer Gottheit aufsteht, denke ich mir. Und ich glaube, es wäre auch ein Trost für die Ewige, für unsere Gottheit, wenn diese Worte immer wieder aufstehen. Wenn sie Resonanz  finden, gesungen und rezitiert, bedacht, gemurmelt und gerufen werden, und wenn sie Menschen in Bewegung bringen, vielleicht sogar zum Tanzen bringen.

Vom Ohr ins Herz
Heute ist der zweite Sonntag im Advent. Ich habe ihm das Motto gegeben: „Folgt dem Schönen.“ Wie wäre es wohl, wenn ich im Advent morgens als erstes etwas richtig Schönes höre. Wenn ich mich übe im Empfang von Wohlklängen und Worten, die vom Ohr ins Herz gehen wollen.

Vom Ohr ins Herz ging auch das Wort des Engels, der zu Maria kommt und ihr prophezeit, dass durch sie neues Leben in die Welt kommen wird. So wird es auf alten Gemälden oft dargestellt. Vom Ohr ins Herz!  So kann Neues in die Welt kommen. Bei Maria. Und bei uns allen. Vielleicht auch in diesem Advent. 

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