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Feindbilder
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Feindbilder

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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Mein Onkel Heini war ein grandioser Erzähler. Selbst schlimme Erlebnisse verpackte er in humorige Worte, über die ich mich erst viel später gewundert habe. In meiner Kindheit verging keine Familienfeier, ohne dass er von seiner Gefangenschaft in Russland erzählte, in die er als Soldat der Wehrmacht gekommen war.

Zeitlebens von Alpträumen geplagt

„Keini, Kose runter“ zitierte er die russische Lagerärztin, die das „H“ nicht aussprechen konnte und ihn wegen einer Untersuchung aufforderte, sich seiner Hose zu entledigen. Wir Kinder lagen auf dem Boden vor Lachen. Heute weiß ich, dass derselbe Onkel zeitlebens von Alpträumen nachts schreiend aufwachte. Das Grauen des Krieges wirkte fort im Körper und in der Seele. 

Erzählungen von Krieg und Gewalt, aber auch von Dankbarkeit

In diesen Wochen jährt sich der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion zum 80. Mal. Mein Onkel Heini hat ihn miterlebt. Als ich größer wurde, erzählte der Onkel mir, wie er als Soldat Menschen erschossen hat, Gewalt ausgeübt hat. Selber Gewalt erlebt und mit angesehen hat. Das war dann gar nicht mehr zum Lachen. Zur Geschichte mit der Lagerärztin gehörte für ihn die tiefe Dankbarkeit, überlebt zu haben und von eben jener Frau einmal ein Stück Brot zugesteckt bekommen zu haben. Feinde sind auch nur Menschen.

An Schuld erinnern und um Vergebung bitten

27 Millionen Menschen in der Sowjetunion starben im Zweiten Weltkrieg. Für mich als Deutsche bleibt es historisch eine besondere Verantwortung, diesem fernen nahen Land respektvoll zu begegnen. Um zu heilen, muss der Geschichten und der Geschichte erinnert werden. Sich an Schuld zu erinnern und um Vergebung zu bitten, darum geht es in der ganzen Bibel. Auch im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

"Re-Humanisierung geschieht durch Mit-Teilen, Erzählen, Zeugenschaft"

Die Journalistin Carolin Emcke hat Menschen in Kriegsgebieten interviewt. Sie hat erforscht, wie wichtig es ist, zu erzählen, Zeugnis abzulegen. Sie hörte Menschen zu, die keine Worte fanden für erlebte Gewalt. Sie bekam komische Geschichten wie die meines Onkels Heini zu hören. Hinter der Komik lagen oft Schuld, Grauen, tiefe Verstörung. Sie hat Opfern und Tätern zugehört und ist überzeugt: Re-Humanisierung geschieht durch Mit-Teilen, Erzählen, Zeugenschaft.

Begegnung schafft Vertrauen

Und: Feindbilder sind langlebig. Sie brauchen auch heute gute Gegenmittel: Eines heißt, sich begegnen. Begegnung schafft Vertrauen. Aus Vertrauen wachsen Beziehungen. Dazu tragen Städtepartnerschaften bei. Oder Schüleraustausch, Chorreisen und andere kulturelle Begegnungen.

All das ermöglicht, dass bei Familienfeiern in Russland und Deutschland und anderswo 80 Jahre nach einem schlimmen Krieg Geschichten des Friedens erzählt werden können.

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