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Die hebräische Urkunde im Hausflur
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Die hebräische Urkunde im Hausflur

Alexander Matschak
Ein Beitrag von

Alexander Matschak,

Medienkoordinator des Bistums Mainz
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Sie hängt bei uns im Hausflur: eine Urkunde in hebräischer und englischer Sprache. Viele, die zum ersten Mal bei uns sind, fragen: „Was ist denn das?“ Es ist eine Urkunde für den Großonkel meiner Frau, Pater Aurelius Arkenau. Dieser Großonkel war Dominikaner und hat während des Zweiten Weltkriegs Juden versteckt. Er ist nicht so bekannt wie beispielsweise Oskar Schindler. Aber wie Oskar Schindler ist auch Pater Aurelius ein „Gerechter unter den Völkern“. Ein Ehrentitel, der von Yad Vashem verliehen wird, der Gedenkstätte in Israel, die an die Shoa erinnert, die Vernichtung der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus.

Pater Aurelius ist nicht immer ein Gegner des Nazi-Regimes gewesen. Am Anfang hat er dem Regime sogar positiv gegenüber gestanden. Aber dann kommt er 1934 nach Berlin, erlebt hautnah den Terror der Nazis. Er will sich dem nicht unterordnen: Schon in der Reichshauptstadt sucht er Kontakte zum Widerstand. 1940 geht er nach Leipzig ins dortige Dominikanerkonvent. Dann erlebt er auf einem Bahnhof, wie jüdische Familien nach Osten abtransportiert werden. Das wird für ihn zum einschneidenden Erlebnis. Bis zum Ende des Krieges versteckt er Deserteure, Zwangsarbeiter, Jüdinnen und Juden im Kloster oder im angrenzenden Pfarrhaus, besorgt gefälschte Pässe und Lebensmittel, vermittelt ärztliche Hilfe.

Es gib einen Brief von ihm, da schreibt er, warum er das alles getan hat, sein Leben aufs Spiel gesetzt hat. Er schreibt da ganz ehrlich: „Das Hauptmotiv für den Widerstand war nicht ein unmittelbar religiöses, sondern ein menschliches. Ich habe die Nazis gehasst; etwas Wagemut und Abenteuerlust waren gewiss auch dabei. Ich bin über 20 mal von der Gestapo verhört und einige Male auch geschlagen worden. Hinterher muss ich mich selber wundern, wie letzten Endes alles gut ausging.“

So wie Pater Aurelius ist es im Zweiten Weltkrieg nicht allen gegangen. Bei vielen, die Widerstand geleistet haben, ging es nicht gut aus. Daran erinnert mich auch der heutige 9. April. Denn an diesem Tag in der Endphase des Krieges: Da wurden zahlreiche Widerstandskämpfer hingerichtet. Darunter Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris oder auch der Hitler-Attentäter Georg Elser. Pater Aurelius hat überlebt. Zeit seines Lebens hat er nie eine große Sache aus seinem Handeln gemacht. „Meinen kleinen Widerstand“, hat er es etwas lapidar genannt. Und auch seiner Familie hat er nie davon erzählt. Erst nach seinem Tod 1991 wird sein Handeln einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Sieben Jahre später wird er als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Heute gibt es in Leipzig einen Pater-Aurelius-Platz, und auch den Dominikanerkonvent gibt es noch: Hier trägt das Gästehaus seinen Namen. Bei uns im Hausflur hängt diese Urkunde aus Yad Vashem und erinnert uns jeden Tag an ihn. Und an das berühmte Zitat aus dem Talmud: „Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.“

 

 

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