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Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz
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Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz

Marcus Vogler
Ein Beitrag von Marcus Vogler, Pfarrer in der Pfarrei St. Johannes der Täufer & Leiter des Bildungshaus, Amöneburg
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Mein Handy summt. Ein Bild von meinem Neffen und meiner Nichte blitzt auf. Beide mit einem leckeren Eis am Bodensee. So als würden sie neben mir sitzen und nicht 500 km weit entfernt. Ich kann ihre Freude sehen und mich mitfreuen. Ein Lächeln strahlt über mein Gesicht. Dem Handy sei Dank! Es ist noch nicht so lange her, da mussten Filme erst in Fotoapparate gelegt und entwickelt werden. Alles dauerte viel länger. Nur selten waren Bilder spontan. Und andere an dem besonderen Moment teilhaben lassen, das ging - wenn überhaupt - erst Tage oder Wochen später. Ich frage mich: Wie haben Menschen das eigentlich früher gemacht? Viel früher, als es noch gar keine Fotografien und kein digitales Netz gab?

Auf den britischen Inseln taten sie Folgendes: Die Königin von Schottland, Maria Stuart, ließ zum Beispiel ein handgemaltes Portrait von ihr anfertigen. Das schickt sie ihrer Konkurrentin, die auch auf den Thron wollte. Und genauso bekam sie eines von derselben zurück. So konnten sie sich ein Bild voneinander machen. Die Szene taucht sogar in einem Kinofilm auf: „Und, wie sieht sie wirklich aus?“, soll Maria bei Erhalt des Portraits von Elisabeth den Überbringer gefragt haben. Sie wusste sehr wohl, dass auch ihre eigenen Portraits zu ihrem Vorteil verändert wurden. Vielleicht hätten sich die beiden gar nicht erkannt, wenn sie sich nicht samt Hofstaat vis à vis gegenüber gestanden hätten. Dass es Portraits der Beiden gab, war damals eine große Ausnahme. In der Regel sahen sich Menschen nur, wenn sie sich wirklich begegneten. Wenn beide zum Beispiel gemeinsam ein Eis am Bodensee gegessen haben.

Der Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz. So heißt es in der Bibel im 1. Buch Samuel. Dieser Satz steht in einer Geschichte, die erzählt, wie David als der jüngste und unscheinbarste Sohn eines Hirten zum König von Israel gesalbt wird. Und das, obwohl seine starken und schönen Brüder sich äußerlich viel besser als Könige gemacht hätten. Aber die Wahl Gottes beruht eben nicht auf Äußerlichkeiten, sondern auf einem Blick in das Herz, in das innerste Wesen des Menschen.
Gott sieht das Herz. Dieser Satz stammt aus einer Zeit, die weder Handyfotos, Ölgemälde noch Internet kannte. Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Heute ist es dank der Technik ganz einfach, Menschen vor Augen zu haben. Egal, wie weit sie weg sind oder was sie gerade machen. Mit Hilfe der Technik sehe ich den anderen an jedem Ort, an dem ich mich gerade befinde. Und das innerhalb von Sekunden, Gott sieht aber in das Herz. Das bedeutet: Gott kommt es nicht darauf an, wie schön, wie stark, beliebt oder erfolgreich ein Mensch ist. Gott sieht in das Innere des Menschen und schätzt dieses wert. Gott interessiert sich nicht für das Äußere. Es sagt so wenig aus, wie ein geschöntes Portrait. Gott schaut auf das Herz und somit auf das, was uns Menschen wirklich ausmacht. Er schaut uns liebevoll an - Sie und mich - egal ob König oder nicht. Er kennt mich. So wie ich bin. Vor ihm muss ich nichts verschönen. Bei ihm muss ich nichts verbergen. Das gibt mir Kraft und Freude an jedem neuen Tag.

Mein Handy summt wieder und holt mich aus meinen Gedanken zurück - diesmal winken die beiden in die Kamera. Ich muss schmunzeln und freue mich, dass es den beiden so gut geht. Denn ich sehe in diesem Moment mehr als das Bild zeigt. Ich sehe Menschen, die ich mag und die mich mögen. Das tut gut. Jetzt kann ich gut gelaunt in die neue Woche starten.

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