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Der goldene Jammerlappen
Bildquelle: 3D Animation Produktion Company/Pixabay

Der goldene Jammerlappen

Jens Haupt
Ein Beitrag von

Jens Haupt,

Evangelischer Diakoniepfarrer, Bad Hersfeld
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In meinem Büro steht eine ganz besondere Trophäe, der Goldene Jammerlappen. Ein gewöhnlicher Pokal mit einem vergoldeten Staubtuch oben drauf. Gedacht als Wanderpokal für Menschen, die nur noch jammern.

Jetzt könnte man meinen: Na klar, der arbeitet ja in der Diakonie. Da begegnet er wohl täglich vielen Frauen und Männern, die wahrlich Grund zum Jammern hätten. Den goldenen Jammerlappen habe ich allerdings für andere Leute erfunden. Nämlich die, die sich immer so beschweren: Früher war alles besser, die Menschen benehmen sich schlechter, die Politik versagt immer öfter, der Chef fordert immer mehr und die Preise steigen auch ständig. Jammern im ständigen Vergleich und auf hohem Niveau. Man kann sich daran gewöhnen, die Welt so zu sehen. Jammern ist bequem. Solange man jammert, kann man ja nichts machen. Und grundsätzlich sind andere schuld.

Sie werden es nicht glauben, dieses Jammern höre ich auch dort, wo man es erst mal nicht erwartet. In den Chefetagen. Als Diakoniepfarrer komme ich mit vielen Verantwortungsträgern zusammen, mit Menschen, die Einfluss haben. Und da begegnet mir immer wieder der Satz: Dafür habe ich keine Leute. Oder geschäftsmäßig ausgedrückt: Dafür fehlen mir die Mittel. So haben wir einen Klinikkonzern gebeten, vier Patienten zusätzlich ambulant zu versorgen. Das war nicht möglich. Die Folge: Sie werden krank und kommen dann als Notfall in eben diese Klinik. Das nimmt man in Kauf. Das können wir nicht auch noch leisten, heißt es.

Der Goldene Jammerlappen könnte aber auch in einer großen Verwaltung stehen. Dort gibt es zu wenige Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass alle Computer laufen. Wir kommen nicht hinterher mit der Arbeit, dürfen aber auch keinen neu einstellen, heißt es. Der Jammerlappen würde auch gut in manches evangelische Gemeindehaus passen. Von Kirche will ja heute keiner mehr etwas wissen, glaubt man da. Ich finde Jammern brandgefährlich. Weil es so tut, als wäre nichts zu ändern. Jammern geht nur, wenn man selbst keine Verantwortung übernimmt. Wenn man Dinge geschehen lässt und andere Schuld daran haben.

Aus dem Goldenen Jammerlappen als Wanderpokal für andere ist nichts geworden. Dafür schau ich ihn jeden Tag an, lächele vor mich hin und sag zu mir selbst: Du hast auch Verantwortung. Tu, was in deiner Macht steht. Und hör selbst auf zu jammern. Das Gelingen schenkt dir ohnehin der Himmel.

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