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Der Geist von Pfingsten
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Der Geist von Pfingsten

Dr. Dr. h.c. Volker Jung
Ein Beitrag von

Dr. Dr. h.c. Volker Jung,

Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Viele Leute verreisen über Pfingsten gerne. Lustvolles Reisen, um das es an den Pfingsttagen in hr 2 geht: Das bietet sich an, der zusätzliche Feiertag und hoffentlich das schöne sommerliche Wetter. Beides lockt loszufahren und irgendwo einzutauchen, zum Beispiel in eine schöne Stadt, in der das Leben pulsiert. Gerne ist man dann draußen, genießt die Straßencafés, Flaniermeilen, Museen, und die lauen Abende. Ein prominenter Ort dafür ist der Markusplatz in Venedig. Dort kann man staunen über Touristinnen und Touristen von überall her, schräge Vögel, elegante Erscheinungen, junge Backpacker, ältere Bildungsreisende und viele mehr. Gerne schaut man dem quirligen Treiben zu und hört das Durcheinander vieler Sprachen. Viele empfinden das im Urlaub als schön und bunt. Aber wie wäre es, wenn man dort wirklich lebt? Womöglich würde man dann merken, dass diese bunte Vielfalt auch ganz schön anstrengend sein kann. Die Geräusche werden einem dann vielleicht allzu laut, die Gerüche zu fremd, die Sprachen zu mühsam, die Mentalität vielleicht doch zu anders. Vielfalt ist schön. Zugleich kann sie auch anstrengend sein und bringt Konflikte mit sich.

Bei manchen wächst deshalb das Bedürfnis, Vielfalt einzudämmen. In vielen Ländern werden die politischen Stimmen immer lauter, die weniger Vielfalt und mehr Einheitlichkeit fordern. Sie wollen klare Grenzen ziehen oder sogar Mauern bauen, um das Eigene zu schützen. In politischen Debatten werden Vielfalt und Einheit mittlerweile oft ideologisch gegeneinandergestellt. Wer hinschaut, entdeckt: Es gibt in Menschen beides: die Sehnsucht nach Weite auf der einen Seite und die Sehnsucht nach klaren und überschaubaren Verhältnissen auf der anderen Seite. Zur Kunst des Lebens gehört es, beide miteinander in Einklang bringen. Wie das geht, ist die Frage. Ich bin überzeugt: Was an Pfingsten geschehen ist, trägt dazu bei, dass das gelingt. 

Musik 1: Ottorino Respighi, La Prmavera, Allegro vivace aus Trittico botticelliano (Beethoven Orchester Bonn unter Stefan Blunier)

Das bunte, frühsommerliche Treiben in Venedig gibt eine Vorstellung davon, wie es zu biblischer Zeit auch in Jerusalem zuging. Menschen aus aller Welt mit ihren verschiedenen Sprachen und Kulturen sind in der Stadt. Und es ist sicher nicht nur ein fröhliches Miteinander. Wenn Menschen aufeinandertreffen, kommt es auch immer zu Missverständnissen und Konflikten.

Mittendrin befinden sich die Männer und Frauen, die Jesus gefolgt sind, als er noch lebte. Hinter verschlossenen Türen sitzen sie beieinander. Sie sind traurig und tief verunsichert. Kein Wunder, denn sie sind in einer schwierigen Lage. In den letzten Jahren waren sie mit Jesus unterwegs. Er war ihr Lehrer, ihr Rabbi, ihr Meister. Ihm hatten sie ihr Leben gewidmet. Jetzt war er weg. Er hat ihre Welt hinter sich gelassen. Sie sind alleine zurückgeblieben. Doch sie geben nicht auf, sie laufen nicht auseinander, sondern bleiben beieinander. In Jerusalem beraten sie, wie es mit ihnen weitergehen könnte. Und sie warten darauf, dass sie entdecken, was sie jetzt zu tun haben. Jesus hatte gesagt, dass etwas Neues kommen würde: die Kraft des Heiligen Geistes, von der sie nicht wussten, was dies sein würde.

Dann kommt der Pfingsttag und sie spüren, dass eine neue Kraft sie ergreift. Sie ist wie ein frischer Wind, wie ein neues Brennen in ihren Herzen. Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, erzählt das in einer dramatischen Geschichte. Sie begründet das heutige Pfingstfest, das Fest des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist kommt mit einem lauten Brausen, das in den Straßen der Stadt zu hören ist. Menschen laufen zusammen. Sie sehen Feuerzungen über den Köpfen der Jesus-Leute. Alle staunen, sind erschüttert oder gar entsetzt über das, was sie sehen – und kurz danach auch über das, was sie hören. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind sichtbar und hörbar von einem neuen Geist erfüllt. Sie fangen an, öffentlich zu reden. Nicht irgendwas, sondern sie predigen. Sie bezeugen ihren Glauben an Gott und Jesus Christus. Eben noch verzagt ganz unter sich, finden sie dafür nun den Mut und die richtigen Worte. Doch damit noch nicht genug. Die Leute auf den Straßen hören sie jeweils in ihrer eigenen Muttersprache.

Dennoch verstehen nicht alle, was da gesagt wird. Manche spotten: „Die sind betrunken.“ Aber dem tritt der Jünger Petrus entgegen: „Nein, nicht betrunken, erfüllt von Gottes Geist!“ Und dann steht er ganz im Mittelpunkt, als er anfängt zu predigen. Er redet mutig und klar. Wie Jesus fordert er auf, Buße zu tun, dem Leben eine neue Richtung zu geben und sich Gott wieder zuzuwenden. Dabei erzählt Petrus von dem, was Gott für sein Volk Israel getan hat, und was er mit Jesus erlebt hat. Eine fulminante Rede. Manche ärgern sich darüber und wenden sich ab, andere werden nachdenklich und wieder andere lassen sich überzeugen, fangen selbst das Feuer des Geistes und lassen sich taufen. 3.000 sollen es an diesem Tag gewesen sein.

Damals, als der Evangelist Lukas diese Geschichte geschrieben hat, am Ende des 1. Jahrhunderts, haben die Menschen seiner Zeit genau gehört, was er mit der Pfingstgeschichte sagen will. Er erzählt, dass der Heilige Geist Menschen bewegt. Und dass die Botschaft von Jesus Christus eine Botschaft für Menschen aus aller Welt ist. Und indem er die Geschichte erzählt, kritisiert er zugleich die damalige Besatzungsmacht Rom. Die versuchte, in ihrem Herrschaftsgebiet die Vielfalt der Völker zu kontrollieren und mit der römischen Kultur einheitlich zu prägen. Mit der Pfingstgeschichte stellt Lukas dem entgegen: Nein! Gottes Geist vereinheitlicht Menschen nicht. Die Vielfalt der Sprachen verschwindet nicht. Aber Menschen können einander verstehen – trotz der unterschiedlichen Sprachen.

Musik: Felix Medelsohn Bartoldy, Du meine Seele singe (Berliner Vokalensemble unter Bernd Stegmann, Stefan Göttelmann, Orgel)

Ich finde: Die Pfingstgeschichte ist wundervoll. Sie erzählt, wie der Heilige Geist unterschiedliche Menschen füreinander öffnet. Sie werden dabei aber nicht „gleichgeschaltet“ oder gar vereinheitlicht. Sie sprechen eben nicht alle plötzlich eine Sprache. Sie verstehen sich, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen. Und dadurch ist auf einmal auf diesem Platz eine vollkommen neue Aufmerksamkeit füreinander entstanden. Kontakte über Sprachgrenzen hinweg.

Aber das ist nicht alles. Verstehen ist ja viel mehr als das Verstehen einer fremden Sprache. Hier finden Menschen als Fremde zueinander. Wie das geht, entdecke ich,  wenn ich noch etwas genauer die Pfingstgeschichte anschaue. Das lohnt sich, weil wir immer wieder vor der Frage stehen: Wie können sich Menschen verstehen? Als Fremde, aber auch sonst – jeden Tag, auch mit den Menschen, mit denen wir zusammen leben und arbeiten.

Die Pfingstgeschichte erzählt, was ganz oft passiert, wenn Menschen aufeinandertreffen. Die einen lästern über die andern. Was die einen sagen, wie sie reden, wie sie auftreten, ist für die anderen schlichtweg unmöglich. Deshalb spotten einige. Wörtlich heißt es in der Geschichte bei Lukas: „Sie sind voll des süßen Weins.“ Das heißt: Die sind betrunken, und zwar am frühen Morgen schon. Petrus und die anderen Jüngerinnen und Jünger könnten nun die, die sie so verdächtigen, beschimpfen. Oder sie könnten sich beleidigt zurückzuziehen. Das macht Petrus nicht. Er hört genau hin, was sie sagen. Er greift das auf und sagt: Nein, das ist nicht so. Dann fängt er an zu erklären und zu predigen. Nicht alle hören ihm zu, aber doch  viele. Petrus biedert sich nicht an. Er stellt dar, was ihn bewegt und was er denkt. Und er lässt denen, die ihm zuhören, die Freiheit, sich dazu zu verhalten. Offenbar hat er auf diese Weise die Herzen vieler Menschen erreicht.

Was hier geschieht, lässt sich auf die Formel bringen: „Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.“ Mit der Pfingstgeschichte erzählt Lukas: Der Heilige Geist bewegt Menschen dazu, das Fremde zu hören und zu verstehen und das Eigene zu sagen. Und zwar so, dass Menschen so in eine gute Beziehung kommen. Petrus reagiert gelassen auf die Angriffe. Er hört darin die Frage: Kannst Du uns erklären, was da geschieht? Und dann erklärt Petrus. Wer ihm zuhört, lässt sich von der fremden Botschaft nicht abstoßen. Die Leute hören zu und entscheiden dann, wie sie sich dazu verhalten. Einige gehen weg. Andere stimmen zu, ja lassen sich sogar taufen.

„Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.“ Ich bin überzeugt: Das ist ein Leitsatz, mit dem sich Menschen gut begegnen können. Er hilft, dass Menschen sich verstehen. Sie müssen nicht in allem übereinstimmen. Sie verstehen sich und bleiben doch verschiedene Menschen in all ihrer Vielfalt. Die Pfingstgeschichte erzählt, dass Gottes Geist Menschen so zueinander bringt. Und nicht nur das. Dieser Geist öffnet so auch den Blick für Gott.

Musik: Ottorino Respighi, La Fontana di Villa Medici al tramonto, aus Fontane di Roma (Boston Symphony Orchestra unter Sejiji Ozawa)                                                                                                           

„Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.“ Dieser Leitsatz hat den Geist von Pfingsten in sich. Aber es ist manchmal schwer, wirklich danach zu leben. Oft geht das schon in der Familie los. Da kann es ganz schön krachen, wenn etwa auf Familienfesten verschiedene Meinungen aufeinanderprallen. Immer wieder höre ich, wie sich ganze Familien zerstreiten, auseinanderfallen und nicht wieder zusammenfinden. Manchmal sind es persönliche Beleidigungen, manchmal politische Fragen, manchmal schlicht Missverständnisse oder Versäumnisse einzelner, die nicht mehr zu heilen sind. Dann bricht das große Schweigen aus. Manche konzentrieren sich noch auf die Familienmitglieder, die sie für vernünftig und sympathisch halten, die anderen bleiben außen vor. In vielen Familien lernen die Beteiligten, die Streitthemen zu umgehen, sie wegzuschweigen. So können sie konfliktfrei zumindest beieinander sein, aber es bleibt ein vorsichtiges Nebeneinanderher. Die Türen zueinander bleiben geschlossen. Wenn der Geist von Pfingsten die Familie öffnet, dann ist mehr möglich. „Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.“ Unter diesem Leitwort kann man sich mal zu dem Onkel setzen, der politisch so ganz anders tickt als man selbst, und ihn nach seinem Leben fragen. Nach einer Weile lässt sich unter Umständen auch ein politisches Reizthema ansprechen, wenn beide Seiten aufeinander hören. Ja, und ist es vielleicht auch möglich, miteinander über die eigenen Positionen zu sprechen, sie zu erklären.

„Das Fremde hören und das Eigene sagen.“ Unter diesem Leitwort kann man auch auf die Person in der Familie zugehen, mit der man seit Jahren kein Wort mehr gewechselt hat. Vielleicht ist ein Gespräch möglich, wenn man zu verstehen gibt: „Ich leide unter diesem Zustand. Er fühlt sich nicht gut an. Ich möchte daran etwas verändern.“ Manchmal klärt sich etwas, wenn jemand die Kraft hat zu sagen: „Ich will dich verstehen. Willst du mich auch verstehen?“ Ich bin überzeugt: Die Kraft des Heiligen Geistes wirkt auch heute noch und sie öffnet Menschen füreinander. Das ist auch dann so, wenn Menschen dabei gar nicht an Gott und seinen Geist denken oder glauben. Sie wirkt, wo es gelingt, das Fremde zu verstehen und das Eigene zu sagen und Menschen so zueinander finden.

Musik: Johann Walter, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott (Stimmwerk)

„Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.“ Das Leitwort im Geist von Pfingsten hat auch für die Kirchen mit ihren Unterschieden eine große Bedeutung – etwa für die evangelische und die katholische Kirche. Es stellt sie kritisch in Frage. Jahrhundertelang waren auch die Kirchen überzeugt, dass Menschen nur gut zusammenleben können, wenn möglichst alle dasselbe glauben. Sie waren dabei auch oft mit den politisch Mächtigen verbunden. In dieser Verbindung von Macht und Kirche und im Willen, sich gegen die „Andersgläubigen“ zu behaupten, liegen Ursachen für den grauenhaften Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Nur mühsam ist es danach gelungen, eine Friedensordnung zu gestalten, in der Menschen in Vielfalt zusammenleben konnten, auch in einer Vielfalt des Glaubens. Es ist gut, dass längst die Einsicht gewachsen ist: Menschen können in Vielfalt gut zusammenleben – in der Vielfalt ihrer Herkunft, ihrer Konfession und auch ihrer Religion. Ich freue mich besonders, dass die Ökumene zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche mittlerweile von einem pfingstlichen Geist geprägt ist. Es ist ein Geist, der hilft, die jeweils andere Konfession besser zu verstehen, ohne dabei das Besondere der eigenen Konfession zu verleugnen. So schätzen evangelische Christinnen und Christen oft die feierliche Liturgie in einem katholischen Gottesdienst. Katholische Christinnen und Christen finden oft gut, wie in der evangelischen Kirche miteinander debattiert wird. Und beide schätzen, wenn in gemeinsamen Gottesdiensten oder wenn man sich sonst begegnet bei Veranstaltungen Gemeinschaft entsteht. Das gelingt dann, wenn nicht eine Seite einen alleinigen Anspruch auf „die“ Wahrheit erhebt. Pfingsten zeigt: Gottes Geist bringt Menschen mit ihren Unterschieden und in ihrer Vielfalt zusammen. Gelebte Ökumene bedeutet deshalb für mich, sich dem Geist Gottes anzuvertrauen, der hilft, das Fremde zu verstehen und das Eigene nicht zu verschweigen.

Das ist auch ein guter Leitsatz, wenn es um die Begegnung mit Menschen anderer Religionen geht. Wir sind gerade dabei, das zu lernen. Wie das gehen kann, hat etwa der Schriftsteller Navid Kermani gezeigt. In seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ beschreibt er, wie er als Moslem sich der christlichen Kunst nähert. Er lässt sich von ihr berühren, sie inspiriert ihn. Dennoch bleibt er Moslem. Sein Buch ist übrigens auch für Christinnen und Christen geeignet, die eigene Kunst auf neue Weise wahrzunehmen und sich so für Gottes Geist zu öffnen.

Vielfalt ist schön, zum Beispiel beim lustvollen Reisen. Vielfalt kann im Alltag auch  anstrengend sein. Die Pfingstgeschichte erzählt von Menschen, die zueinander finden – trotz bleibender Unterschiede. Sie erzählt: Von Gott geht ein Geist aus, der das bewirkt. Ich bin überzeugt: Dieser Geist wirkt auch heute. Was es braucht, sind Menschen, die diesen Geist hineinlassen in ihr Leben – so wie damals in Jerusalem.

Musik: Felix Mendelsohn Bartoldy, Lobe den Herren (Berliner Vokalensemble unter Bernd Stegmann, Stefan Göttelmann, Orgel)

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