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Der Friedhof als Haus des Lebens
Foto: Privat/Peter Kristen

Der Friedhof als Haus des Lebens

Dr. Peter Kristen
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Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt
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Der jüdische Friedhof in Darmstadt ist ein ganz besonderer. Anders als die meisten haben die Nazis ihn nicht zerstört, auch nicht bei den Novemberpogromen, heute vor 83 Jahren.

Ein mutiger Einsatz rettet den jüdischen Friedhof in Darmstadt

Das ist dem mutigen Einsatz des Friedhofsgärtners Oskar Werling zu verdanken, erzählt der Friedhofsführer, der mich mit einer Fortbildungsgruppe durch das Gräberfeld führt. „Lasst mal gut sein“, hat der zu den aufgehetzten Männern gesagt, „heute wird hier nichts kaputtgemacht.“ Die Nazi-Schergen zogen ab  - erstaunlicherweise.

Die ältesten Grabsteine stehen seit 300 Jahren

Heute lassen die alten Bäume den Friedhof wie einen verwunschenen Park erscheinen. Efeu bedeckt den Boden am Wegrand. Viele unterschiedliche Grabsteine sind hier erhalten. Die von Laila Löw und ihrem Mann Baruch sind die ältesten. Das Ehepaar ist hier vor mehr als 300 Jahren bestattet worden. Das jüngste Grab ist vor ein paar Wochen dazugekommen.

In der Tradition des Judentums dürfen Grabstätten nicht angetastet werden

Auf einem christlichen Friedhof wären die allermeisten Gräber längst abgeräumt worden. Aber in der Tradition des Judentums dürfen Grabstätten nicht angetastet werden. Der Friedhofsführer erklärt: Die in einem einfachen Sarg Bestatteten warten auf die Himmelfahrt der Seelen der Gerechten, also auf ein ewiges Leben bei Gott.

Nach jüdischem Verständnis ist ein Friedhof ein Haus des Lebens

Darum ist der Friedhof nach jüdischem Verständnis  kein Ort des Todes. Er heißt auf Hebräisch „Beth Chaim“, Haus des Lebens. „Denn nach dem Tod kommt ja erst das gute Leben“, sagt der Friedhofsführer.

„Lieber Blumen im Leben und Steine aufs Grab als Steine im Leben und Blumen aufs Grab.“

Jüdische Gräber sind nicht mit Blumen geschmückt. Stattdessen haben Besucherinnen und Besucher als Erinnerung kleine Steine auf den Grabsteinen hinterlassen. Ein jüdisches Sprichwort erklärt das so: „Lieber Blumen im Leben und Steine aufs Grab als Steine im Leben und Blumen aufs Grab.“

Die Hoffnung auf ein gutes Leben nach dem Tod haben Judentum und Christentum gemeinsam

Der Friedhof als „Haus des Lebens“, Gräber, die hunderte Jahre bestehen, Steine statt Blumen. Das ist anders als bei christlichen Bestattungen. Gemeinsam haben Judentum und Christentum die Hoffnung auf ein gutes Leben nach dem Tod, die Gewissheit, auch dann bei Gott geborgen zu sein.

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