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Betteln
Bildquelle: Ben Kerckx/Pixabay

Betteln

Jens Haupt
Ein Beitrag von

Jens Haupt,

Evangelischer Diakoniepfarrer, Bad Hersfeld
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Soll ich Bettlern etwas geben? Betteln sieht so einfach aus. Sich in eine belebte Straße stellen oder sich hinsetzen, Becher hinhalten oder einen Hut. Manche sprechen die Passanten direkt an. Andere zeigen gefaltete Hände oder ein freundliches Lächeln. Die Methoden sind sehr unterschiedlich. Auf den ersten Blick leicht verdientes Geld. Betteln bedeutet aber auch: Dieser Mensch hat im Moment keine andere Möglichkeit zu Geld zu kommen. Wenn er nicht stehlen will. Das ist eine extreme Notlage. Was müsste mir passieren, damit ich mich auf den Gehsteig stelle und fremde Menschen um Geld bitte? Sich als bedürftig bloßzustellen erfordert eine große Überwindung der Scham. Man schält sich aus der Menge der Passanten heraus und stellt sich zur Schau. Man macht sich sichtbar, alle können einen angucken. Die meisten aber schauen weg. Ehrlich gesagt mache ich das manchmal auch. Bettler zu sehen berührt mich. Sie stören meinen eiligen Gang. Weil ich ahne, welche Geschichte einen Menschen ans Betteln bringt. Da muss einiges an Schicksalsschlägen zusammenkommen. Eine Kettenreaktion von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Todesfälle in der Familie und häufig eine Suchterkrankung. Wenn alles verloren ist, was Halt gegeben hat, sind es zu allem Überfluss auch die Papiere, die fehlen. Versicherungsunterlagen, Geburtsurkunden oder Ausweis.
Keiner bettelt ohne Grund, nur sehr wenige Frauen und Männer sind gern auf der Straße. Bettler erinnern mich daran, wie schnell ein Abstieg aus gesicherten Verhältnissen passieren kann. Auch deshalb stören sie meinen eiligen Gang. Sie machen sichtbar, was ich eigentlich nicht sehen will. Es gibt Armut in einem sehr reichen Land. Und es gibt zunehmend mehr Menschen, die im Betteln ihre einzige Überlebenschance sehen. Soll ich Bettlern etwas geben? Warum eigentlich nicht? Ich kann mich dafür entscheiden. Oder dagegen. Und auch wie viel ich gebe, bestimme ich selbst. Die Großzügigkeit liegt ganz allein bei mir.

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