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Beten heißt Gott auf mich beziehen
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Beten heißt Gott auf mich beziehen

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt
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Klar, ich bete! Gewissermaßen tue ich dies auch von „Berufs wegen“! Als Pfarrerin bete ich laut für andere und mit anderen in der Öffentlichkeit und im Gottesdienst. Aber es gibt auch das stille Beten. Ganz für mich. Nicht jeden Tag und nicht immer konzentriert, aber regelmäßig.

Diese Gebete sind nicht immer logisch und wortgewaltig. Sie sind auch nicht eine Art letzter Versuch, mein Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen. Vielleicht sind sie eher ein inneres Erleben. Ich lasse mich ein auf eine bestimmte Lebenshaltung, einen Blick auf mein Leben. 

Zurückgefunden zu diesem stillen Beten habe ich auf den harten Bänken der U-Bahn-Stationen. Vor einigen Jahren habe ich mir das so angewöhnt. Anstatt mit hängender Zunge gerade noch die U-Bahn zu erreichen und mich in die schließenden Türen zu quetschen, setze ich mich auf eine der Bänke. Ich warte auf den nächsten Zug, drei – fünf oder 10 Minuten. Ich überwinde den Gedanken, gerade Zeit zu verlieren. Ich freue mich einfach über diesen kurzen Moment für mich. Ganz praktische Gedanken gehen durch meinen Kopf, Merkposten für den Tag, Einkaufslisten für den Abend, aber auch große Fragen sind da. Pläne, die ich habe, Projekte, die vor mir liegen. Mir nahe Menschen tauchen aus meiner Seele auf. Ich grüße sie in Gedanken. Irgendwann kommt die Bahn und ich stelle fest, ich habe keine Zeit verloren, sondern Zeit gewonnen. Gefüllte Zeit, in der ich meinen Lebensgrund spüren konnte.

Beten beginnt für mich mit dem Stillhalten oder vorsichtiger ausgedrückt: Stillwerden und auf mich blicken. Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Zusammenloses formt sich zu Bildern. Und plötzlich beginnt das Gespräch mit einem unsichtbaren Gegenüber, einem Du. Es hat wechselnde Gesichter. Mütterliche und väterliche, liebevolle und strenge. Mein Beten ist viel mehr als ein einfaches Bitten. Gott kommt mir selten dabei klar in den Blick. Aber im Beten ziehe ich Gott zu mir hin und leihe mir seinen Blick auf mein Leben. Und umgekehrt lasse ich mich zu Gott ziehen, tauche ein in das Gefühl, nicht allein zu sein, nicht alles aus mir heraus klären und ordnen zu müssen. Sich von jemand sagen zu lassen, was mein Ich, mein Leben ist. Und dann formen sich die Worte langsam und es beginnt ein Gebet. Manchmal auch auf einer Bank in der U-Bahn- Station.

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