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Angebote zur Menschlichkeit
Bild: Tumisu/Pixabay

Angebote zur Menschlichkeit

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Der Lehrer stellt eine wichtige Frage; in der Religionsstunde einer achten Klasse. Er fragt seine Schüler: Was passiert, wenn man eins der Zehn Gebote bricht? Die Mädchen und Jungen denken nach, lange. Dann meldet sich ein Junge und sagt: Dann sind es nur noch neun. Was für eine wunderbare Antwort. Man weiß nicht, ob der Junge es ernst meint oder ob er einen Witz machen will. Vielleicht meint er es ernst. Dann hat er nicht ganz Unrecht. Ein Bruch macht kaputt. Aber Recht hat er eben leider auch nicht.

Gebote gehen nicht kaputt, wenn man sie bricht. Es tut nur weh, wenn jemand sie bricht. Es tut denen weh, die das Gebot brechen. Da muss Gott gar nicht strafen. Das ist ja oft die Frage: Straft Gott eigentlich, wenn man seine Gebote bricht oder übersieht oder übertritt? Was Macht Gott mit denen oder mit uns, wenn wir seine Gebote nicht einhalten? Ich glaube nicht, dass er straft. Ich glaube, wir strafen uns selber. Wer nur sich selbst anbetet und seinen Erfolg, wird schnell hochmütig. Wer sich sein eigenes Gottesbild bastelt, macht Gott zu seinem Knecht. Wer keine Ruhetage mehr kennt, wird bald nervös vor Arbeit. Wer die Eltern nicht ehren kann, verpasst einen wertvollen Teil des Lebens. Wer lügt oder stiehlt, wird damit nicht glücklich. Und wer über andere herzieht oder gar falsche Gerüchte über sie verbreitet, schadet seinem eigenen Ruf. Ich kann das hier nur andeuten, aber ich glaube wirklich: Die Zehn Gebote sind einzigartige Angebote zu einem Leben in Menschlichkeit. Wer Gebote übertritt oder bricht, straft sich selber. Ohne die Gebote neigen Menschen zur Überheblichkeit, manchmal zur Unmenschlichkeit.

Es bleiben aber trotzdem Zehn Gebote, würde ich dem Schüler gerne sagen. Seit fast dreitausend Jahren bleiben es zehn; seit Mose sie von Gott selbst auf Steintafeln erhielt am Berg Sinai in Ägypten, auch Moseberg genannt. Schon damals ging es um Menschlichkeit im Zusammenleben. Schon damals wollte Gott uns nicht als Knechte, sondern als freie Menschen. Aber die anderen Menschen auch, die Nachbarn, die Freunde, unsere Familien. Die Gebote lehren uns, Menschen zu achten und Gott zu achten. Und niemals Gott zu spielen, sondern Mensch zu bleiben.

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