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Der Weiße Sonntag im Wandel
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Der Weiße Sonntag im Wandel

Clemens Scheitza
Ein Beitrag von

Clemens Scheitza,

katholischer Religionslehrer im Ruhestand, Frankfurt

Die katholische Kirche feiert heute den Weißen Sonntag. Mädchen und Jungen einer Gemeinde gehen zum ersten Mal zu Kommunion, die Mädchen tragen dabei meist wunderschöne weiße Kleider, fast wie künftige Brautkleider. Weiß steht für makellos, unschuldig, ohne Verfehlungen.

„Vor allen Dingen eure Seele muss weiß sein, wenn ihr zu Kommunion geht“, so hat uns der Pfarrer bei meiner Kommunion gemahnt, damals vor 60 Jahren. Das war meine Seele natürlich nicht. Weißwaschen konnte ich sie in der Beichte. Bei mir bedeutete das: meine Mutter erklärte mir, was ich zu beichten hätte. Anhand der Zehn Gebote versuchte sie mir klarzumachen, was ich alles falsch gemacht habe, besser: was meine Mutter meinte, was ich falsch gemacht hätte. Zum Beispiel: den Namen Gottes unehrenhaft ausgesprochen, ungehorsam gewesen. Dann: Streit mit den Geschwistern gehabt, gelogen, nicht zu vergessen: unkeusche Gedanken gehabt. Ich ging dann nicht zum Pfarrer zur Beichte, sondern zum Kaplan, der war freundlicher. Außerdem wirkte er in dem Beichtstuhl etwas abwesend. Nach seiner Lossprechung und drei Vaterunser als Buße war ich nun rein, unschuldig. Meine Seele war weiß. Mindestens bis zur Kommunion sollte das so bleiben. Es gelang mir nie.

Auch zum eigentlichen Tag der Ersten Kommunion gab es damals vor 60 Jahren genaue Anweisungen. Zum Empfang der Hostie hat unser Pfarrer erklärt: das ist etwas ganz, ganz Heiliges. In der Hostie ist Jesus. Da darf nichts passieren. Vor der Kommunion musste man mindestens 3 Stunden nüchtern sein. Die Hostie nicht mit den Zähnen berühren, schon gar nicht anfassen. Eine Katastrophe wäre es, wenn die Hostie auf den Boden fällt. Damit das nicht geschieht, geht ein Messdiener bei der Austeilung der Hostie mit und hält einen goldenen Teller unter meinem Mund. Wenn die Hostie auf der Zunge ist, sollten wir die Augen zumachen und beten: ein Vaterunser zum Beispiel.

Meine erste Begegnung mit Kommunion war deswegen damals eher Angst besetzt als freudig. Kommunion, das war Magie, Zauber, Geheimnis. - Da hat sich bis heute einiges geändert. Gott sei Dank.

Einiges hat sich seit meiner Erstkommunion vor 60 Jahren verändert: Damals waren wir 120 Jungen und Mädchen, viele von ihnen blieben auch später im Gemeindeleben: im Gottesdienst, in Jugendgruppen, der Schola oder bei den Pfadfindern. Heute sind es weitaus weniger Kinder, die zur Kommunion gehen. Kaum ein Kommunionkind findet später noch mal den Weg in die Gemeinde, in den Gottesdienst am Sonntag. Wenn im Leben der Familie eine Bindung an die Kirche kaum eine Rolle spielt, bleibt die Erste Heilige Kommunion ein einmaliges, schönes Ereignis.

Die Bindung an die Gemeinde, das religiöse Leben insgesamt hat sich seit meiner Kindheit sehr gewandelt. Religion wird nicht mehr offen bezeugt, ist zu einer intimen Sache geworden. Eine „weiße“ Seele wird mit Gott selbst ausgehandelt und nicht mehr im Gottesdienst oder in einer Beichte vor dem Priester.

Auch die Bedeutung der Kommunion hat sich verändert, und darüber bin ich froh. Früher war Kommunion - für mich und viele andere Katholiken - noch etwas Magisches, eine Begegnung mit Gott, die Angst machen konnte. Das ist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil anders geworden. Der Gottesdienst mit der Kommunion ist für mich zu einer Mahlgemeinschaft geworden. Eine Mahlgemeinschaft, in der ich mich mit Gott verbunden fühle, so wie sich Jesus damals mit seinen Jüngern verbunden hat.

Das Zweiten Vatikanischen Konzil hat für mich noch mehr verändert: vor allem mein Gottesbild: mein strenger und autoritärer Gott von früher ist zu einem liebenden, verzeihenden Gott geworden. Einem Gott, dem das eine verlorene Schaf wichtiger ist als die ganze übrige Herde. Dieser Gott lädt mich ein. Er droht mir nicht. Ja, er wartet auf mich. Er glaubt an mich. Auch und gerade wenn ich meine Unzulänglichkeit spüre. Nicht das Reinigen, das „Weiß machen“ der Seele steht im Vordergrund, sondern das Angenommensein von Gott. Ich finde: Das ist eine gute Entwicklung! Ein so gültiges Gottesbild kann aber auch dazu führen, dass Gläubige weniger Kontakt über ein Gemeindeleben mit Gott suchen, sondern sich privat, ganz intim mit ihm verbunden fühlt. Und das ist eine Entwicklung, die mich auch traurig macht.

Ja, ich bin schon enttäuscht, wenn am Weißen Sonntag viele Kinder im Gottesdienst sind und schon Wochen später kaum eines davon wiederkommt.

Ich bin enttäuscht, wenn die Kirchen immer leerer werden und wenn in einem Gottesdienst keine Ministranten mehr dienen, der Pfarrer im Gottesdienst ständig wechselt, aus meine kleinen Gemeinde eine Großgemeinde wird. Ja, ich bin enttäuscht, wenn das Gemeindeleben, so wie es früher war, langsam stirbt.

Aber ich kann es auch anders sehen. nämlich: so wie liebende Eltern ihre Kinder in die Selbstständigkeit entlassen, so entlässt ein liebender Gott mich, uns in die Mündigkeit, in die Selbstverantwortung. Wir sollen selbst prüfen, was unserem Leben Sinn gibt, worin wir Halt finden. Da ist keine Kirche, da ist kein Pfarrer, der von der weißen Seele spricht, der die Hostie zu einem magischen Brot werden lässt, der unser Leben regeln will. Da sind wir selbst gefordert. Wir sollen prüfen, was uns Geborgenheit gibt, was uns erfüllt, was uns zufrieden macht.

Es gibt viele Dinge, die sinnvolle Ziele sein können, unserem Leben Sinn geben: ein finanzielles Auskommen, Erfolg im Beruf, vor allen Dingen aber Geborgenheit und Erfüllung in der Familie, bei Frau und Kindern. Zudem hält die Werbung immer wieder Dinge bereit, die für mein Leben unverzichtbar sein sollen: ein schönes Auto, ein Haus, wunderbare Reisen.

Diese Perspektive auf den nächsten Moment, auf das nächste Ziel ist nötig, aber reicht mir nicht. Ich suche nach einer Sicht auf das ganze Geschehen, auf mein ganzes Leben. Ich suche quasi nach einem breiteren, einem allgemeinen Sinn: Woher ich komme, wohin ich gehe. Dieser übergreifende Sinn muss alles umfassen. Muss mich ganz zufrieden stellen. Nicht stückhaft sein. Dieser Sinn müsste über mich hinausgehen, mir entgegenkommen, mich in die Arme nehmen, mir Wärme und Zuwendung geben. Dieser Sinn müsste mich zur Ruhe kommen lassen. Eben wie eine Person. Ich nenne diesen Sinn Gott.

Im Gottesdienst kann ich diesen Sinn manchmal erspüren. Ich weiß, das geht nicht allen so. Der Kern des Weißen Sonntags, die Kommunion, sagt vielen nichts mehr. Vielleicht müsste man diese Symbolsprache der Kommunion neu übersetzen. Die Zeichenhaftigkeit der Einladung, wie sie Jesus damals an seine Jünger aussprach, verständlicher machen. Mir hilft die Kommunion, vom Heil zu träumen und mich im Heil zu fühlen. Ich fühle mich im Gebet nach dem Empfang der Hostie bei mir selbst und gleichzeitig in Gemeinschaft geborgen. Ich erlebe mich als einen suchenden Menschen, dem ein Du entgegenkommt, das mich beschenken will. Das gibt mir Sinn.

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