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Wo die Weisheit zu finden ist...
Bildquelle: csalem_pixabay

Wo die Weisheit zu finden ist...

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Pastoralreferent in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden
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Guten Morgen! Waren Sie heute früh schon draußen vor der Türe? Haben mal rausgeschaut beim Rollläden Öffnen oder beim kräftig Durchlüften? War da jemand? Nein, ich meine nicht die altbekannten Nachbarn? Jemand Überraschendes vielleicht?

Nun ja, falls da bei Ihnen vor der Türe z.B. eine unbekannte Person gesessen hätte und das auch noch am „hochheiligen Sonntag“, da wären Sie wahrscheinlich erschrocken – oder? Und Sie hätten wohl nichts Gutes erwartet. Eher was Unangenehmeres: Hausiererei oder „Betrugsmasche Enkeltrick“. Das ist ja irgendwie das Tragische heute, dass einem fast nix anderes mehr übrigbleibt, als misstrauisch und bisschen ängstlich zu werden, angesichts all dessen, was einem so passieren kann!

Weisheit und Glück dürfen gerne bleiben

Was Ihnen dabei aber tatsächlich entgangen sein könnte heute früh da draußen vor Ihrer Türe, ist, dass da strahlend und unvergänglich die Weisheit höchst persönlich“ gesessen hätte! Ja, die gute, alte, heute weltweit schmerzlich vermisste Weisheit ganz exklusiv bei Ihnen vor der Tür! Das wäre doch eine feine Sonntagsüberraschung – oder!? Nein, keine Sorge, ich fantasiere nicht und bin auch nicht restberauscht vom Samstagabend. Die Sendung wird ohnehin früher aufgenommen…

Das gibt es oft in der Literatur, dass bestimmte Eigenschaften vor uns Menschen personifiziert erscheinen. Ich liebe zum Beispiel Heinrich Heines kleines Gedicht über Glück und Unglück. Vielleicht kennen Sie es: „Das Glück ist eine leichte Dirne und weilt nicht gern am selben Ort. Sie streicht das Haar dir aus der Stirne und küsst dich schnell und flattert fort. Frau Unglück hat im Gegenteile, dich liebevoll ans Herz gedrückt. Sie sagt, sie habe keine Eile, setzt sich zu dir ans Bett und strickt!“

Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind

In der Bibel gibt es solche personifizierten Eigenschaften eher selten. Aber am heutigen Sonntag, da präsentiert sie für die Lesung in katholischen Gottesdiensten einen solchen – wie ich finde - gleichzeitig philosophischen, wie heiter märchenhaften und grundtief ethischen Text. Und weil darin auch von der frühen Morgenstunde die Rede ist, passt er für mich gut hier in unseren gemeinsamen Radio-Moment. Da heißt es:

„Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; wer sie liebt, erblickt sie schnell, und wer sie sucht, findet sie. Denen, die nach ihr verlangen, kommt sie zuvor und gibt sich zu erkennen. Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, er findet sie vor seiner Türe sitzen. Über sie nachzusinnen, ist vollkommene Klugheit; wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei. Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt ihnen entgegen bei jedem Gedanken.“ (aus dem Buch der Weisheit 6,12-16)

Kundgebung von der Weisheit auf öffentlichen Straßen und Plätzen

Ja, da war diese feine Verheißung: Wer sie am frühen Morgen sucht, findet sie vor seiner Türe sitzen.“ Schnell und mühelos. Die Weisheit kommt denen entgegen, die sie suchen. Gibt sich ihnen zu erkennen; freundlich, strahlend, befreit sie die, die ihrer würdig sind, von allen Sorgen.

An anderer Stelle kann die Bibel sogar sagen: Die Weisheit ruft laut auf der Straße, auf den Plätzen erhebt sie ihre Stimme. Am Anfang der Mauern predigt sie, an den Stadttoren hält sie ihre Reden.“ (Buch der Sprüche 1,20) Was für eine Vision. Die Weisheit spricht zu uns ganz öffentlich auf öffentlichen Plätzen! Sonntagsgedanken… Aber, was ist das überhaupt, Weisheit?

Was bietet Weisheit mehr als Klugheit?

Es ist so ein schönes, wie heute irgendwie märchenhaft-fremdes Wort, die Weisheit. Wie kommt sie im heutigen Sprachgebrauch noch vor? Nun, sicher „Weisheitszahn“ und ganz allgemein „Lebensweisheiten“ und vielleicht noch die sogenannten „Wirtschaftsweisen“, aber dann ist unser allgemeiner WeisheitsWortschatz schon zu Ende. Vor allem, wenn wir von der „Weisheit“ irgendwie mehr erwarten als etwa nur „Klugheit“. So etwas wie Herzensbildung, Güte und ein hilfreicher Blick für das Ganze der Welt würden für mich schon dazu gehören.

Würde Ihnen persönlich eine Entscheidung oder eine Person einfallen, die sie erst kürzlich noch ausdrücklich mit dem Werturteil „weise“ belegt hätten?

Gut, vielleicht der gerade mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Philosoph Amartya Sen! So wenig, wie ich von ihm weiß, gehört und gelesen habe, scheint er für mich doch wirklich ein zutiefst weiser Mensch zu sein! Aber ansonsten Weisheit so ganz persönlich und alltäglich und sozusagen vor unserer eigenen Haustüre?

Erwarten Sie die Weisheit vor Ihrer Haustüre?

Also ich, ich fühle da doch mehr die große Sehnsucht und einen gestiegenen Bedarf an Weisheit als ihre Erkenntnis. Auch und gerade unsere CoronaZeit – ich weiß, mancher mag gar nichts mehr darüber hören und ich breite das jetzt auch nicht weiter aus – unsere Zeit macht uns in vielem ratlos: Wie rücksichtslos viele Menschen sich verhalten! Aber auch die Entscheidungen und Maßnahmen, die jetzt helfen sollen, erscheint alles irgendwie gerade nicht als „der Weisheit letzter Schluss“…

Und da kommt meine Bibel am heutigen Sonntag so locker daher und sagt, schau mal auf die Straße, vor deine Haustüre, da könnte dir heute die „Weisheit persönlich“ begegnen! Und ich denke, nein liebe Bibel, von wegen „vor die Haustüre“: Hast du noch nicht gehört, dass zurzeit hübsch daheimbleiben angesagt ist!?

Wo wird sie gerade am dringendsten gebraucht?

Du meinst doch mit „Weisheit“ sicher nicht die Anti-Corona-Demos, die selbst in diesen LockdownWochen noch unterwegs sind? Geht es dir vielleicht um die UmweltDemos gegen den Autobahnausbau an der A 49? Aber meine Bibel denkt natürlich nicht nur in meinem kleinen deutschen Horizont. Und mir kommen die Bilder aus Belarus, Weißrussland, in den Sinn, wo tausende Menschen zurzeit Sonntag für Sonntag auf die Straße gehen, um friedlich für ihre Menschenrechte zu kämpfen! Oder die Menschen auf den Straßen in Brasilien gegen ein immer korrupter werdendes System! Oder in Hongkong für Demokratie. In Polen gegen Entdemokratisierung und Gesetzesverschärfungen. In Amerika die black-lives-matter-Bewegung gegen rassistische Gewalt…

Und langsam wird mir klar, wo heute die Weisheit zu finden ist…

Weisheit geht friedlich auf die Straße – mit Würde, Disziplin und Respekt

Die Lösungen für so viele Probleme dieser Welt, so wird mir zunehmend klar, werden wohl nicht „ohne die Straße“ zu haben sein, nicht ohne öffentlichen Protest und Kampf. Und zumindest in Gedanken stelle ich mich an die Seite dieser Menschen und gehe mit ihnen. Ich erkläre mich solidarisch, auch wenn zurzeit bei uns die Straße nicht angesagt ist.

Aber ich möchte ihnen allen auch ein Wort des für mich weisesten Straßenkämpfers aller Zeiten mitgeben. Martin Luther King in seiner berühmten Rede „I have a dream“ 1963 auf dem Weg nach Washington:

„Versuchen wir nicht, unseren Durst nach Freiheit zufriedenzustellen, indem wir vom Becher der Bitterkeit und des Hasses trinken. Wir müssen unseren Kampf immer auf der hohen Ebene der Würde und Disziplin führen. Wir dürfen nicht erlauben, dass unser kreativer Protest in physische Gewalt degeneriert.“ (https://usa.usembassy.de/etexts/soc/traum.htm) Martin Luther King!

Zur Weisheit nach biblischem Muster gehört immer die Freundlichkeit, der friedliche Protest. Ich wünsche und bete: Die friedlichen Mittel mögen überall die Oberhand behalten, wo die Weisheit auf der Straße ruft!

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