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Wir sind St. Petersburg. Wir sind Idlib. Wir sind Stockholm
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Wir sind St. Petersburg. Wir sind Idlib. Wir sind Stockholm

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Eine Woche mit mehreren Schreckensnachrichten: am Montag der Terroranschlag in der Metro in St. Petersburg. Der Attentäter hat 14 Menschen getötet, 51 wurden verletzt. Einen Tag später der Giftgasangriff in Syrien mit über 80 Opfern. Zur Vergeltung haben die USA Raketen auf eine Militärbasis des Assad-Regimes gefeuert. Und dann rast gestern ein LKW in ein Kaufhaus in Stockholm. Stockholm liegt vielen näher. Für St. Petersburg und Idlib gab es keine Kerzenmeere, keine Solidaritätszeichen in den sozialen Netzwerken. Wann fühlen wir mehr mit, wann weniger? Dazu der hr1 Zuspruch von Pfarrer Martin Vorländer aus Frankfurt.

An der Tür zu meinem Büro hängt nach wie vor der Zettel „Je suis Charlie – ich bin Charlie“. Ich habe ihn 2015 aufgehängt nach dem Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und auf einen jüdischen Supermarkt. Wir waren seitdem nicht nur Charlie. Wir waren Paris. Wir waren Brüssel. Wir waren Istanbul. Wir waren Breitscheidplatz. Wir waren London. Alles Orte, an denen islamistische Terroristen zugeschlagen haben. Und gestern Stockholm.

Aber wir waren diese Woche nicht St. Petersburg. Durch die sozialen Medien ging keine Welle des Mitgefühls mit den Opfern des Anschlags in der Petersburger Metro. Ich habe mein Facebook-Profil nicht in die Nationalfarben Russlands getaucht. Und ich habe keinen Aufruf gesehen: Pray for St. Petersburg.

Woran liegt das? Haben wir uns daran gewöhnt, dass es immer wieder Terroranschläge gibt? Vielleicht ist es normal, dass man nicht jedes Mal in gleicher Weise mitfühlen kann. Ist für uns Russland einfach zu fremd, zu sehr Putin-Land? Der Giftgasangriff in der syrischen Provinz Idlib kam dann noch dazu – und der Gegenschlag der USA auf eine syrische Militärbasis. Die Angst ist da, dass der Konflikt um Syrien nun noch mehr eskaliert.

Ich habe noch die Bilder von den Toten und Verletzten des Giftgasangriffs vor Augen. Die haben viele erschüttert. Aber auch da gab es keine spontane Bewegung des Mitgefühls.

Darum sage ich es in diesem Zuspruch: Wir sind St. Petersburg. Wir sind Idlib. Und wir sind Stockholm. Wir fühlen mit den Menschen in Russland, in Syrien, in Schweden. Schon klar: Mitgefühl stoppt keinen Attentäter. Mitgefühl stoppt keinen Diktator und beendet keinen Krieg.

Aber Mitgefühl bewahrt davor, hartherzig zu werden. Morgen beginnt für Christen die Karwoche. Christen erinnern an das Leiden und den gewaltsamen Tod von Jesus. Das macht sensibel für Leiden und Gewalt heute. Mitgefühl ist eine Stärke. Es lässt spüren: Auch wenn wir leiden und erschüttert sind, wir sind nicht allein.

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