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Werdet politischer
Foto: pixabay / geralt

Werdet politischer

Pater Ansgar Wucherpfennig SJ
Ein Beitrag von

Pater Ansgar Wucherpfennig SJ,

Professor für Neues Testament, Hochschule Sankt Georgen Frankfurt
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Der Buchrainplatz ist ein kommunikatives Zentrum in meinem Frankfurter Stadtteil Oberrad. Der „Dalles“ nennen sie ihn hier. Am Rand gibt es eine Eisdiele, ein Restaurant für Grüne Soße und Ebbelwoi, einen Supermarkt, eine Sparkasse, verschiedene Häuser mit Arztpraxen, den Oberräder Saalbau. Und die Straßenbahn fährt seit ein paar Monaten jetzt auch wieder quer über den Platz. Man trifft viele Leute dort. Eigentlich ein friedlicher normaler Platz in einem kleinen Frankfurter Stadtteil. Im Sommer ist er für mich zu einem neuen Brennpunkt geworden, denn dort hatte ich kurz nacheinander drei Erlebnisse, die sich mir eingeprägt haben.

Das erste war eine Bürgerversammlung. Die Stadt Frankfurt hatte eingeladen und wollte über eine Flüchtlingsunterkunft informieren. Am Rande von Oberrad soll sie in der Nähe der Autobahn entstehen. Direkt neben einer Einrichtung für betreutes Wohnen sollen dann Familien mit Kindern leben, Flüchtlinge von weither. Die Veranstaltung war richtig voll. Vieles über die Pläne zu der Unterkunft ist noch zu diskutieren und wurde auch diskutiert. Aber wie viel lauten Widerstand es gegen die Unterkunft gab, hat mich überrascht und erschrocken. Oft konnten die Redner nicht ausreden oder wurden von Widerrufen gestört.

Zehn Tage später war ich wieder auf dem Platz; es war ein warmer Sonntagmorgen im September, eine Bühne war aufgebaut, weil unser Stadtteil Oberrad gefeiert hat. Und für die Feier hatte der Gewerbeverband vorgeschlagen, dass es auch einen ökumenischen Gottesdienst gibt. Zusammen mit der evangelischen Pfarrerin und ungefähr 500 evangelischen und katholischen Christen habe ich gemeinsam gebetet, gepredigt, gesungen, mitgeschnipst und geklatscht bei einem wunderbar mitreißenden Gospelchor.

Wieder eine Woche später war im Saalbau Alexander Gauland zu Gast; zur Wahlkampfveranstaltung seiner Partei. Auf dem Platz hatte sich ein gesammelter Protest eingefunden: etwa 500 Frauen und Männer, die Plakate trugen, Buttons auf ihren Pullis, z. B. „Love music, hate racism“ – „Liebt Musik, hasst Rassismus!“, stand auf einem Button, den ich selber mitgenommen habe. Jeder, der den Saal betrat, in dem der Politiker reden sollte, wurde ausgepfiffen und angebrüllt. Die Polizei war in größeren Kontingenten aufgefahren, behelmt und mit Schutzschilden und mit Kameras zur Videoüberwachung.

Von der friedlichen Feier in der Woche davor war nichts mehr zu spüren. Gerade deshalb, glaube ich, dass wir mit unserem Gottesdienst in der Woche davor am richtigen Platz waren. „Werdet politischer!“ hat eine Studentin uns neulich an unserer Jesuitenhochschule gesagt. Deutschtümelei und Fremdenhass will ich als Christ nicht unterstützen. „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,38), sagt Jesus im Evangelium. In den Fremden unter uns möchte mir Christus begegnen. Das will ich nicht nur im Privaten weitersagen, sondern auch auf den Plätzen und Straßen dafür eintreten … nicht mit Pfiffen und Buhrufen, aber mit dem offenen Wort und mit konkreten Taten.

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