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Weder die Beste noch die Bestie
Bild: Pixabay

Weder die Beste noch die Bestie

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Bei der Mutter laufen die Fäden zusammen. So ist das zumindest in den meisten Familien. Die Mütter sorgen dafür, dass niemand allein ist – auch sie selbst nicht. Sie rufen an. Sie laden ein. Sie fragen nach. Sie wissen Bescheid. Manchem Kind sind sie damit lästig, aber die Mütter leisten damit einen entscheidenden Beitrag für den Zusammenhalt der Familien. Wie wichtig Familien sind – darauf weist die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in diesen Wochen hin. Die Aktion steht unter dem Motto „Nicht allein“. Mit Briefen, Plakaten und Aktionen regt sie an zu schauen, was die eigene Familie zusammenhält – und was man an ihr hat.

Dabei gilt es auch zu sehen: Nicht alle Frauen sind mit dieser Mutter-Rolle glücklich. Es gibt auch Frauen, denen sie einfach nicht liegt. Sie fühlen sich von ihren Kindern eingeengt und sind ihnen nicht so nahe. Andere wiederum wollen ihren Kindern allzu nahe sein – auch das tut nicht gut. Deshalb ist die Mutter-Kind-Beziehung immer eine besonders gefährdete. Dabei ist klar: Der Mutter verdanken die Kinder ihr Leben. Und die meisten erleben, dass ihre Mutter immer für sie da ist. Das bedeutet aber auch, dass niemand so viel Einfluss auf die Kinder hat wie die Mütter. Im Guten wie im Schlechten.

Die Mutter ist also ein Mensch der Superlative. Zwei dieser Superlative hat der Familientherapeut Torsten Milsch auf sein vielbeachtetes Buch geschrieben. Da steht in schwarzen Buchstaben als Titel: „Mutti ist die Beste“. Allerdings ist an der passenden Stelle noch ein rotes I eingefügt. So wird daraus: „Mutti ist die Bestie“. Ein Wortspiel, das die Extreme des Mutterseins ausloten soll. In dem Buch beschreibt der Autor, wie wichtig die Mutterbeziehung ist. Aber auch wie gefährdet. Und wie gefährlich sie sein kann. Der Untertitel lautet: „Die heimliche Diktatur vieler Mütter“. Ist die Mutter also die Beste? Oder die Bestie?

Gehen wir dieser Frage nach – heute am Muttertag. Die Bibel hilft dabei mit drei biblischen Geschichten. Sie erzählen etwas über Mütter, die angeblich Besten oder Bestien.

Musik: Antonio Carlos Jobin, Chovendo na Roseria, (Joshua Bell)

In der Bibel kommt man an einer Mutter nicht vorbei: Maria, die Mutter Jesu. Eine besondere Mutter – gewiss. Das zeigt sich schon in der Art, wie Maria von ihrer Schwangerschaft erfährt: Ein Engel kündigt ihr an, dass sie den Sohn Gottes gebären soll. (Lukas 1,26 ff.) Auf diese Weise lernt Maria eine Lektion, die andere Mütter erst viel später verstehen: Das Kind gehört ihr nicht, auch wenn sie es bekommt. Es hat eigene Ziele und ist bei ihr nur in Obhut. Sie muss es gewähren und ziehen lassen.

Ansonsten erlebt Maria vieles wie andere Mütter auch: Die Last der Schwangerschaft, die beschwerliche Geburt und dann die unbeschreibliche Freude über das neue Leben. Später wächst das Kind aus ihren Armen heraus. Dabei erlebt sie, wie die Urangst aller Mütter wahr wird: Das Kind ist weg! Es passiert auf dem Rückweg von Jerusalem. Unterwegs merkt Maria plötzlich, dass ihr zwölfjähriger Jesus weder bei ihr ist noch bei Bekannten, wie sie eigentlich dachte. Sofort eilt sie zurück nach Jerusalem und sucht ihn – drei verzweifelte Tage lang. Dann findet sie ihn im Tempel wieder – Achterbahn der Gefühle.

Der Evangelist Johannes gibt uns noch einen weiteren Einblick in das persönliche Verhältnis Jesu zu seiner Mutter. Da ist Jesus schon ein erwachsener Mann. Er und seine Mutter sind zu einer Hochzeit eingeladen. Es geht feucht-fröhlich zu. Doch am Abend droht das Fest in eine peinliche Situation zu geraten: Die Gäste sitzen auf dem Trockenen.

Als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm. „Sie haben keinen Wein mehr.“ Jesus spricht zu ihr: „Was geht´s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ (Johannes 2,1 ff.)

Wenig später lässt Jesus sechs große Krüge mit Wasser füllen und verwandelt sie in guten Wein. Das Fest ist gerettet. Eine bekannte Geschichte. Zu ihr gehört dieses kleine Gespräch zwischen Jesus und seiner Mutter, über das ich immer wieder schmunzeln muss. Da ist die Mutter. Sie kümmert sich um das Fest und sie weiß um die besonderen Fähigkeiten ihres Sohnes. Nur eine Andeutung lässt sie fallen – und wirken. Darauf reagiert Jesus sofort und zwar sehr unwirsch. Doch den Anraunzer steckt Maria weg. Sie weiß: Er hat verstanden. Er wird etwas tun. Und: Er tut es! So ist das in der Familie: Eingespielte Gesprächsabläufe. Man kennt sich. Im Guten wie im Schlechten.

Als Mutter hat Maria vieles zu ertragen. Sie folgt ihrem Sohn überall hin, am Ende sogar bis unters Kreuz. Dort erlebt sie das Schlimmste, was einer Mutter zustoßen kann: Ohnmächtig muss sie den Tod ihres Sohnes mitansehen. Doch sie bleibt – von ihrer Liebe getragen. Wie sich das anfühlt, haben seitdem viele Mütter erlebt. Zum Beispiel die, die im Krieg ein Kind verloren haben. An ihr weithin stummes Leid will ich heute erinnern. Denn heute ist der 8. Mai. Vielen Älteren fällt dazu sofort etwas ein: An diesem Tag ging 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende. Keine Liebe ist so belastbar wie die der Mutter. Wieder so ein Superlativ.

Musik: Astor Piazzolla, Tanti anni prima (Isabel van Keulen)

Das Leid der Mütter steht oft im Schatten. Das ist auch in der folgenden biblischen Geschichte so. Sie handelt von drei Personen: einem Mann, es ist der König Salomo, und zwei Frauen. Genauer: zwei junge Mütter. Der Mann steht normalerweise im Rampenlicht, denn er fällt ein weises Urteil. Im Volksmund wird es als salomonisches Urteil gerühmt. Das Schicksal der beiden Frauen bleibt dagegen weithin unbeachtet. Doch heute schaue ich besonders auf sie. Beide kämpfen um ein Kind. Und dabei werfen sie die Frage auf: Wem gilt eigentlich die Mutterliebe – dem Kind oder der Mutter? 

Zu der Zeit kamen zwei Huren zum König und traten vor ihn. Und die eine Frau sprach: Ach, mein Herr, ich und diese Frau wohnten in einem Hause und ich gebar bei ihr im Hause. Und drei Tage nachdem ich geboren hatte, gebar auch sie. Und der Sohn dieser Frau starb in der Nacht; denn sie hatte ihn im Schlaf erdrückt. Und sie stand in der Nacht auf und nahm meinen Sohn von meiner Seite und legte ihn in ihren Arm, und ihren toten Sohn legte sie in meinen Arm. Die andere Frau sprach: Nein, mein Sohn lebt, doch dein Sohn ist tot. Jene aber sprach: Nein, dein Sohn ist tot, doch mein Sohn lebt. Und der König sprach: Holt mir ein Schwert! Teilt das lebendige Kind in zwei Teile und gebt dieser die Hälfte und jener die Hälfte. Da sagte die Frau, deren Sohn lebte, zum König – denn ihr mütterliches Herz entbrannte in Liebe für ihren Sohn – und sprach: Ach, mein Herr, gebt ihr das Kind lebendig und tötet es nicht! Jene aber sprach: Es sei weder mein noch dein; lasst es teilen! Da antwortete der König und sprach: Gebt dieser das Kind lebendig und tötet’s nicht; die ist seine Mutter.
(1. Könige 3,16-27)

Diese Geschichte lässt etwas von der Urkraftgewalt des Mutterseins erahnen. Da ist das tiefe Glück einer jungen Mutter. Und im gleichen Haus der unendliche Schrecken einer Mutter, die ihr Kind verloren hat, womöglich ist sie sogar selbst daran schuld. In ihrem Schmerz wird sie zur Kindes-Räuberin. Hauptsache sie hat ein Kind im Arm! Egal wie. Als der König Salomo scheinbar befiehlt, das Kind gerecht aufzuteilen, zeigen sich die wahren Motive der beiden Frauen. Die eine protestiert dagegen. Sie handelt aus uneigennütziger Liebe: Hauptsache, ihr Kind lebt! Dafür will sie verzichten und den Schmerz des Verlustes ertragen. Die zweite willigt ein, das Kind zu zerschneiden. Wenn sie es nicht haben kann, soll es auch die andere nicht haben. Es bleibt offen, warum die Frau so handelt. Man kann spekulieren: Warum bedeutet ihr das Leben des Kindes so wenig?

Obwohl sie doch zugleich unbedingt eines haben will. Vielleicht als Statussymbol? Oder weil es ihrem Leben einen Sinn verleiht? Es ist ja nicht unbedingt nur der reine Altruismus – also eine selbstlose Liebe, die Mütter antreibt. Sie bekommen auch etwas dafür. Die mütterliche Hingabe kann die beste sein – oder die Bestie, wie es im Buch des Familientherapeuten Torsten Milsch heißt.

Musik: Astor Piazzolla, Michelangelo ’70 (Isabell van Keulen)

In jeder Familie mit mehr als einem Kind steht eine Frage im Raum: Liebt die Mutter ihre Kinder gleich viel? Oder bevorzugt sie eines? Davon handelt die dritte Geschichte. Sie führt uns zu einer Frau namens Rebecca. Sie hat zusammen mit ihrem Mann Isaak zwei Söhne: Esau und Jakob. Unterschiedlicher könnten Brüder kaum sein: Esau ist eher ein grober Naturbursche, Jakob ein hübscher und geschmeidiger Junge, eindeutig der Liebling seiner Mutter. Doch Esau ist der ältere und damit der Stammhalter, der Erbe. Das lässt die Mutter nicht ruhen.

Und es begab sich, als Isaak alt geworden war und seine Augen zu schwach zum Sehen wurden, rief er Esau, seinen älteren Sohn, und sprach zu ihm: Mein Sohn! Siehe, ich bin alt geworden und weiß nicht, wann ich sterben werde. So jage mir nun ein Wildbret und mach mir ein Essen, wie ich’s gern habe, auf dass dich meine Seele segne, ehe ich sterbe. Und Esau ging hin aufs Feld, dass er ein Wildbret jagte und heimbrächte. Da sprach Rebekka zu Jakob, ihrem zweiten Sohn: Höre, mein Sohn, und tu, was ich dir sage. Geh hin zu der Herde und hole mir zwei gute Böcklein, dass ich deinem Vater ein Essen davon mache, wie er’s gerne hat. Das sollst du deinem Vater hineintragen, dass er esse, auf dass er dich segne vor seinem Tod. Das tat Jakob. Und die Mutter bereitete das Essen zu. Jakob ging zu seinem Vater und sprach: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn; ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Komm nun, setze dich und iss von meinem Wildbret, auf dass mich deine Seele segne. Und Isaak segnete den Jakob. Kaum war das geschehen, kam Esau, sein Bruder, von seiner Jagd und machte auch ein Essen und trug’s hinein zu seinem Vater und sprach zu ihm: Richte dich auf, mein Vater, und iss von dem Wildbret deines Sohnes, dass mich deine Seele segne. Da entsetzte sich Isaak über die Maßen und sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen weggenommen.
(Genesis 27)

Gestohlener Segen, gestohlenes Erbe – eingefädelt von der Mutter! Sie heckt den Plan aus, mit dem der Ältere ausgetrickst wird. Aus der zweiten Reihe heraus lenkt sie die Geschicke der Familie. Aber der Plan fliegt natürlich auf. Jakob, der jüngere, muss fliehen. Esau, der ältere, bleibt zuhause. Allerdings möchte man gar nicht wissen, wie das wohl war. Hatte die Mutter doch das Vertrauen ihres Mannes gebrochen und den einen Sohn massiv benachteiligt. Darüber zerbricht die Familie. Wie könnte es anders sein.

Doch dann zeigt Gott, dass er selbst aus dieser kaputten Situation noch etwas machen kann. An anderer Stelle formuliert die Bibel so: „Die Menschen gedachten, es böse zu machen. Aber Gott machte es gut.“ So geschieht es auch hier: Jakob findet in der Fremde sein Glück. Als gemachter Mann kehrt er nach Jahrzehnten zurück. Da hat ihm der ältere Bruder Esau längst verziehen. Die beiden Brüder versöhnen sich. Und zwar direkt und miteinander. Ihre Mutter benötigen sie dazu nicht. Von ihr haben sie sich emanzipiert. Mit solchen Geschichten beschreibt die Bibel nicht, wie das Leben sein soll, sondern wie es oft genug ist.

Musik: Jörg Reiter, Together (Ack van Rooyen, Jörg Reiter)

In der Bibel werden die Mütter nicht vergöttert. Sie werden ganz realistisch gezeigt, mit Stärken und Schwächen. Ist Mutter die Beste? Oder die Bestie? In den meisten Fällen weder das eine noch das andere. Sie ist einfach eine Frau, die ihr bestes gibt. Manchmal ist das nicht viel. Manchmal ist das sehr viel. Es wird meistens nicht genau das Richtige sein. Aber meistens auch nicht ganz das Falsche. Ich bin überzeugt davon, dass keine Mutter-Kind-Beziehung perfekt ist und dass keine Mutter und kein Kind daraus ohne gegenseitige Verletzung davon kommen. Dafür ist diese Beziehung viel zu eng, zu intensiv. Sie fordert allen Beteiligten zu viel ab. Mütter bleiben ihren Kindern immer etwas schuldig. Und Kinder ihren Müttern auch. Alle Beteiligten sind darauf angewiesen, dass sie liebevoll und barmherzig beurteilt werden. Das bedeutet: Ihre persönlichen Grenzen anerkennen, ihre Stärken wertschätzen. Und vergeben, wenn sie etwas schuldig geblieben sind. Eigentlich ist das genauso wie bei jedem anderen Menschen auch. Wer kann das tun? Wer vergibt? Wer ist barmherzig? Wer tröstet? Da nimmt man sich am besten ein Beispiel an Gott selbst. Denn Gott will niemanden ungetröstet lassen. Wie kann sich dieser Trost anfühlen? Das beschreibt der Prophet Jesaja. Da sagt Gott:

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“
(Jesaja 66,13)

Dieser Satz eine echte Überraschung! Zumindest nach den bisherigen Geschichten über die Mütter. Ausgerechnet ihr Trost soll nun Vorbild für den Trost Gottes sein! Das ist riskant. Denn die mütterlichen Trostqualitäten sind breit gestreut. So manches Kind hat sich vergeblich nach dem Trost der Mutter gesehnt.

Andere wurden dagegen überbehütet. Aber viele Kinder – zum Glück – wurden und werden einfach wunderbar getröstet. Sie konnten zu ihrer Mutter laufen, wenn ihnen das Leben wehtat. Und die Mutter hat für sie alles stehen und liegen lassen. Sie hat ihr Kind in den Arm genommen, gestreichelt, zugehört und die Tränen getrocknet. So tut es auch Gott, sagt Jesaja. So zeigt sich Gott gerade als Tröster menschlich und nahbar, mütterlich eben. Dabei auch realistisch, denn Gottes Trost kommt nicht immer an. Manche Menschen bleiben ungetröstet. Manchen bleibt Gott fremd und trostlos. Anderen kommt er dagegen sehr nahe.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Das ist eine Liebeserklärung Gottes. Sie steht in der evangelischen Kirche als Losung über dem gesamten Jahr 2016. Daran will ich heute, am Muttertag, erinnern. Dieser Trost gilt allen Menschen, auch den Müttern, denn auch sie sind ja Kinder. Auch sie brauchen manchmal den Trost Gottes. Und ganz sicher die Wertschätzung ihrer Familie.

Schlussmusik: Luis Bacalov, Il Postino (Joshua Bell)

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