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Träume und Schulden
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Träume und Schulden

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt

Er hatte vor Jahren das Haus geerbt. Ich nenne ihn mal Herrn M., – Er hat das Haus unfertig geerbt und mit einem Berg voll Schulden. Es war der Traum des Vaters gewesen, – ein eigenes Haus im Grünen! Viel Eigenarbeit hatte der Vater reingesteckt; fast seine ganze Freizeit, jeden Urlaub verbrachte er auf der Baustelle. Herr M. hatte als Sohn mitgeholfen. Sie waren eingezogen, waren stolz auf alles, was sie schon erreicht hatten, – aber eigentlich hatten sie immer in einer Baustelle gelebt. Vieles war provisorisch geblieben, – auch als Herr M. schon erwachsen geworden und ausgezogen war, weil er seine eigene Familie gründete.

Noch bevor der Vater von Herrn M. sein „Traumhaus“ fertigstellen konnte, war er krank geworden, dann pflegebedürftig. Am Ende hinterließ er seinem Sohn das Erbe. Und der fühlte sich verpflichtet, dem Vater zuliebe, das Haus zu übernehmen, Schulden weiter abzuzahlen und weiterzuarbeiten an diesem Traum des Vaters. „Wir schaffen das“, war seine feste Überzeugung. Seine Frau spürte, was ihrem Mann dieses Haus des Vaters bedeutete. Sie zog schließlich mit ihm und den beiden kleinen Kindern dort ein, – trotz aller Bedenken. Sie störte sich an den unverputzten Außenwänden, dem vollgemüllten Keller, dem Balkon ohne Geländer und dem Garten, der voller Baustoffresten war, – alles Sachen, die vielleicht noch verwertbar waren. Aber als Spielplatz für die Kinder viel zu gefährlich.

Ihr Mann war zuversichtlich, dass all diese Dinge in Kürze behoben sein könnten. Aber es kam immer wieder was anderes dazwischen. Es gab Streit. Sie warf ihm Untätigkeit vor, er beklagte sich über ihre Ungeduld. Nie war Geld da, immer nur Schulden. Er fing an zu viel zu trinken, sie versuchte ihm zu helfen, steckte eigene Wünsche mehr und mehr zurück. Vielleicht würde ja noch alles gut, wenn die Kinder größer waren und sie mehr dazuverdienen konnte.

Als ich das Haus betrat, war es ein Trauerhaus. Herr M. war plötzlich verstorben. Herzinfarkt mit Herzstillstand war die Todesursache. Die Kinder hatte ich konfirmiert; nun saßen wir zu dritt in der Küche, um miteinander die Trauerfeier vorzubereiten. Seine Frau sagte: Das schlimmste sind für mich die ungeöffneten Briefe. Er hat sie vor mir versteckt. Ganz hinten in seiner Schreibtischschublade habe ich sie gefunden, als ich das Stammbuch gesucht habe. Ungeöffnete Umschläge mit Rechnungen, Mahnungen, Anwaltsschreiben! Warum hat er mir nichts davon erzählt? Warum hatte er kein Vertrauen? Wir waren doch so lange schon verheiratet miteinander!“ Fragen, die er nicht mehr beantworten konnte. Mein Gedanke war: Vielleicht hat er sich geschämt.

Schulden können einem über den Kopf wachsen, aber Träume auch. In beiden Fällen ist es wichtig, realistisch zu bleiben. Ein ehrlicher Blick in den Spiegel kann da helfen. Der Wahrheit ins Gesicht blicken und nicht die Augen verschließen vor vielleicht schmerzhaften Erkenntnissen! Das ist zwar heilsam, – aber manchmal gar nicht so einfach. An den Spiegeln bei uns zu Hause klebt ein durchsichtiger Aufkleber links an der Seite: Du siehst gut aus! Steht da in großen blauen Buchstaben. Der Aufkleber will mich an Gott erinnern. Denn obendrüber steht: Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

Ein Satz vom Anfang der Bibel ist das. Er erinnert mich daran, dass ich ein Geschöpf bin, eine Idee Gottes, ein Unikat der Schöpfung und deshalb wertvoll, – noch bevor ich etwas leiste, und auch dann noch, wenn ich immer wieder scheitere. Im Alltag geht mir diese Wahrheit manchmal verloren. Da meine ich dann, ganz viel leisten und schaffen zu müssen, damit alle zufrieden mit mir sind, auch der liebe Gott. Mit dem Blick in den Spiegel verbinde ich nun eine Atempause. Gott-glaubt-an-mich.de steht unten drunter noch ganz klein auf diesem transparenten Aufkleber. Nicht nur eine Web-Adresse ist das, sondern auch eine Botschaft für jeden Tag. Gott glaubt an mich.

Deshalb kann ich getrost in den Spiegel schauen. Und wenn ich da Falten sehe, – Sorgenfalten vielleicht oder auch Angst im Augenwinkel, dann brauche ich die Augen nicht zu verschließen vor dieser Wahrheit, muss mich nicht verstecken vor diesem Gott, sondern kann getrost und liebevoll hinschauen mit dem Gedanke: So ist das also jetzt gerade bei mir. Und Gott glaubt an mich, trotz allem. Und deshalb gibt es Menschen, die mir helfen wollen und können. Ich brauche mich nicht zu schämen, dass ich nicht alles so toll hinkriege, wie ich es gerne hätte. Ich bin wertvoll genug, mich unterstützen zu lassen. Ich kann mich Gott und anderen Menschen anvertrauen und zumuten.

Ich bin traurig, dass Herr M. das für sich nicht entdecken konnte. Offensichtlich waren die Träume des Vaters übermächtig geworden, und wie er sich davon gefordert fühlte. Dass er mit niemanden über seine prekäre Situation vertrauensvoll gesprochen hat, verstärkte womöglich noch den Druck und das Gefühl, ein Versager zu sein. Dabei hätte es bestimmt die eine oder andere Hilfe gegeben.

Bei Schulden, die mir über den Kopf wachsen, helfen Schuldnerberater weiter. Bei allzu großen Träumen, die mir über den Kopf wachsen, helfen Traumdeuter. Das können gute Freunde sein oder kritische Ehepartner, das können Ärzte sein oder auch erfahrene Seelsorgerinnen und Seelsorger. Der Satz „Wir schaffen das“ kann dann etwas anderes bedeuten. Er eröffnet Auswege aus verfahrenen Situationen und Lebenskrisen. Solche Auswege finden sich oft nur gemeinsam mit anderen. Aber solche Auswege sind eine Chance. Diese Chance zu nutzen, kann auch eine Glaubensfrage sein. Denn Gott-glaubt-an-mich, ist dabei für mich ein interessanter Gedanke.

An der Trauerfeier von Herrn M. nahmen mehr Menschen teil, als die Ehefrau des Verstorbenen gedacht hatte. Denn gekommen waren nicht nur Angehörige aus dem engsten Familienkreis, sondern auch einige Menschen aus der Nachbarschaft. Ich kannte sie aus der Kirchengemeinde und habe mich gefreut, dass sie da waren. Sie wollten dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen, auch wenn sie sich oft genug über dieses ewig unfertige Haus und den Baustellenlärm in den Abendstunden geärgert hatten. Sie konnten der Witwe und den fast erwachsenen Kindern zeigen: Ihr seid nicht allein mit der Trauer, den Schulden und all dem Kummer, der damit zusammenhängt.

Es tut einfach gut, Trauer mit jemandem zu teilen, zerplatzte Träume mit zu beklagen, eigene Schuld und eigenes Unvermögen jemandem bekennen zu können, und dann -Vergebung zu erleben, eine Neuanfang geschenkt zu bekommen. Wer das selbst erlebt hat, der kann auch anderen mit diesem wohlwollenden und liebevollen Blick begegnen, in dem die Liebe Gottes spürbar wird. Und das wirkt.

Inzwischen ist das unfertige Haus verkauft und die Familie wohnt im Nachbarort in einer kleinen 3-Zimmer-Wohnung. Ihr Schuldenberg ist überschaubarer geworden. Die Fachleute bei der Schuldnerberatung haben gute Arbeit geleistet. Der Lebensstil der Familie wird bescheiden bleiben müssen in den nächsten Jahren, – große Sprünge werden die drei nicht machen können. Aber sie haben sich von der Last des Erbes befreit, sie können nach vorne schauen und auf sich selbst. Sie können Hoffnung schöpfen.

Wie gut, dass sich Profis und Nachbarn Zeit genommen haben. Dass sie ehrliche Worte gefunden haben und warmherzige Gesten. Damit können die Frau und die Kinder etwas von der Liebe Gottes spüren. Die ist nämlich oft ganz konkret da durch Menschen, die uns mit dem geübten Blick des Gottvertrauens anschauen, – liebevoll, – trotz allem.

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