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Nächstenliebe, mit Konsequenzen

Nächstenliebe, mit Konsequenzen

Ein Beitrag von

Alexander Holzbach,

Pater, Limburg
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„Am Anfang habe ich noch um meine Freiheit gebetet…“, schreibt Richard Henkes am 24. Mai 1943 aus dem Gefängnis in Ratibor. Und weiter: „…jetzt habe ich mich durchgerungen, und wenn ich auch ins Lager müsste, dann werde ich genauso Deo gratias – „Gott sei Dank“ – sagen wie bei meiner Verhaftung.“ Er musste ins Lager. Er kam in das KZ Dachau. Und er hat den Aufenthalt dort nicht überlebt. Denn im Winter 1944/45 hat er sich bereit erklärt, typhuskranke Mitgefangene zu pflegen. Freiwillig geht er sogar in einen Quarantänebereich. Dort steckt er sich an und stirbt am 22. Februar 1945. Am kommenden Sonntag wird er im Dom in Limburg seliggesprochen.

Ich erzähle kurz die Lebensgeschichte dieses Mannes. Richard Henkes wurde am 26. Mai 1900 in Ruppach im Westerwald geboren. Der Vater war Steinmetz. Die Familie hatte noch eine kleine Landwirtschaft und ein Kolonialwarengeschäft.

In dem Dorf feierten oft Patres aus Limburg die Sonntagsmesse. Sie gehörten zum Orden der Pallottiner, der seit 1890 in der Mission der damals deutschen Kolonie Kamerun tätig war. Die Predigten der Patres sprachen den kleinen Richard an. Er will auch Missionar werden. Darum besucht er eine Pallottiner-Schule in Vallendar am Rhein und wird selbst Pallottiner-Pater. Nach der Priesterweihe 1925 wird er nicht nach Afrika geschickt, nein, er wird Lehrer an Schulen des Ordens. Zunächst am Rhein und dann in Schlesien. Das macht dem Mann ungeheuren Spaß. Er hat gerne mit jungen Leuten zu tun. Er will ihnen was mitgeben für’s Leben. Schon vor 1933 stört diesen Richard Henkes das Menschenbild der Nationalsozialisten. Die reden ihm zu viel von Herrenmenschen und Menschen zweiter Klasse und sogar von unwertem Leben. Der Slogan der Hitlerjugend „Du bis nichts. Dein Volk ist alles.“ gefiel ihm von Anfang an nicht.

Richard Henkes war ein freiheitsliebender Mann, auch als Ordensmann. Die persönliche Entscheidung des Einzelnen war ihm wichtig. Deshalb spricht er mit seinen Jugendlichen zum Beispiel über die Lieder der Hitlerjugend. Gegen das Menschenbild der Nazis stellte er in der Schule und in seinen Predigten das Menschenbild der Bibel. Demnach ist jeder Mensch ein Ebenbild Gottes. Alle haben die gleiche Würde und den gleichen Wert.

Das führte natürlich zum Konflikt mit dem Nazi-Regime. Die Gestapo hatte ein Auge auf diesen Pater Henkes. Es kam zur Verhaftung, zu Gefängnis und KZ.

Es gibt leider von Richard Henkes keine Bücher oder Predigtmanuskripte. Was wir von ihm wissen, wissen wir nur aus Berichten von Leuten, die ihn erlebt haben, und aus seinen Briefen. Mich beeindruckt stark dieses Zitat aus dem Brief aus dem Gefängnis in Ratibor: „Am Anfang habe ich noch um meine Freiheit gebetet….“

Ich staune über diese Haltung. Ein so Freiheitsliebender Mann, der gerne unter Menschen war, der ihnen ein guter Lehrer und Seelsorger sein wollte, der sagt „Gott sei Dank“ in einer völlig ungewissen Situation. Er ahnt das KZ und sagt Ja zu dem schrecklichen Weg, der vor ihm liegt.

Musik 1: Henry Purcell, Hear my prayer, o Lord (CD: Purcell, Full Anthems and Organ Music, Music on the Death of Queen Mary, Oxford Camerata / Jeremy Summerly / Laurence Cummings, Organ, Track 9).

Richard Henkes kommt am 10. Juli 1943 in das KZ Dachau. Er leidet unter der Enge des Lagers. Er hat Heimweh. Er hofft, dass das Ganze bald vorüber ist. Und er hat in dieser Situation einen großen Halt. Henkes stammt aus einer Familie, aus einer Generation, in der man wie selbstverständlich in Glaube und Kirche hineinwuchs. Von seinen Eltern hat er gelernt, die Hände zu falten. Für ihn war Gott eine Realität in seinem Leben. Von ihm wusste er sich in seinen Beruf gerufen. Von ihm wusste er sich in seiner Arbeit begleitet. Aber jetzt? Im KZ?

In einem Brief vom 17. Juli 1943 schreibt er: „Ich gehe auch hier meinen Weg mit Gott. Ja Gott ist uns hier näher als anderswo, weil wir ihn auch mehr brauchen. Wir haben auch hier Gottesdienst und das ist ein großer Trost.“ Der Mann geht seinen Weg mit Gott und genießt – wenn ich das so sagen darf – das Privileg, das die deutschen Priester in Dachau hatten. Hier hatten die Nazis aus allen Lagern im Reich die Priester zusammengezogen. Etwa 2800 Geistliche waren zwischen 1933 und 1945 in Dachau. Überwiegend katholische, auch evangelische und orthodoxe. 1800 Geistliche sind in Dachau umgekommen. Über 1000 davon stammten aus Polen. Die deutschen Geistlichen durften ab 1941 in einem Raum ihrer Baracke eine Kapelle einrichten und dort morgens um fünf die Messe feiern. Das war für viele dieser Männer eine große Kraftquelle. Manchmal schmuggelten sie die Heilige Kommunion zu ihren polnischen Kollegen oder anderen Mithäftlingen, die sie bei der Tagesarbeit trafen. Das war streng verboten. Aber der Mut, einander beizustehen, war größer als die Angst.

Das war im KZ sicher nicht nur bei den Priestern so. Überall gab es unter den Gefangenen Solidarität und gegenseitige Hilfe. In der „Hölle von Dachau“ gab es Glaube und Mitmenschlichkeit und Mut  –  unter den christlichen Geistlichen, den Juden, unter den Kommunisten und den anderen politischen Gefangenen, den Homosexuellen, den Sinti und Roma. Aber die Geistlichen hatten eben dieses Privileg, von den anderen oft auch beneidet, diese Kapelle, diesen Ort zum Aufatmen und Auftanken. Es wird berichtet, dass Richard Henkes jeden Tag in dieser Kapelle ein Gebet gesprochen hat, das von dem Jesuitenpater Rupert Mayer stammt, auch ein Verfolgter des Naziregimes. Die ersten drei Zeilen lauten:

„Herr, wie du willst, soll mir gescheh‘n,

Und wie Du willst, so will ich geh’n,

Hilf deinen Willen nur versteh’n.“

Pater Henkes sieht seinen Lebensweg als Weg mit Gott. Jetzt muss er sich die Frage stellen: Gehört die Zeit im KZ auch dazu? Seine Briefe lassen den Schluss zu: Ja, er weiß: auch hier ist Gott bei mir. Unglaublich.

Musik 2: Henry Purcell, O God, the king of glory (CD: Purcell, Full Anthems and Organ Music, Music on the Death of Queen Mary, Oxford Camerata / Jeremy Summerly / Laurence Cummings, Organ, Track 6).

Richard Henkes hat im KZ sein Gottvertrauen nicht verloren. Ich bewundere, dass er sein ganzes Leben – die hellen und die dunklen Tage – als Weg mit Gott sehen konnte. Doch ich denke, dass es in Dachau auch Zweifel und Hadern mit Gott gab. Wie oft frage ich mich: Ist Gott da? Gibt es ihn überhaupt?

Ich bin gerne Pallottiner, bin gerne Priester. Dennoch habe ich oft Glaubenszweifel angesichts von Enttäuschung und Leid und Unrecht und Krankheit und Tod in der Welt, in meinem Leben, in meinem Umfeld. Seit ich mich mit Pater Henkes beschäftige, suche ich die Stelle bei ihm, wo er mal unsicher ist in seinem Glauben. Man kann die 20er Jahre des 20 Jahrhunderts nicht vergleichen mit unserer Zeit.. Damals waren vielen Menschen Glaube und Kirche noch selbstverständlich. Aber haben die Menschen aller Generationen nicht immer die gleichen Grundfragen? Und da eben auch die Frage nach dem Sinn und nach Gott?

Fast bin ich froh, in den frühen Briefen des Richard Henkes auf eine solche Spur gekommen zu sein, die mir heute nahe ist. Der sonst so bewundernswert sichere Schüler und spätere Seelsorger hatte als Student eine schwierige Phase, eine existentielle Krise. In Limburg hat er Theologie studiert und äußerlich lief alles glatt. Aber in seinem Inneren rumorte es. Er hatte wohl niemand, mit dem er reden konnte. Darum schreibt er etliche Briefe an seinen Geistlichen Begleiter in der Schülerzeit in Vallendar, an Pater Josef Kentenich. Richard spricht auf einmal von Zweifeln an seiner Berufung zum Priester. Er gibt zu, dass er sich immer mehr fragt: Gibt es Gott überhaupt? Und er stellt sich die Frage: Lohnt es, weiter zu leben? Er wirkt sehr enttäuscht, sogar ein wenig depressiv. Wir wissen nicht, warum er plötzlich aus dieser Tiefe wieder aufsteigt. Er lässt sich zum Priester weihen und wird dann vielen Menschen ein guter Seelsorger, vermutlich gerade auch, weil er an diese Grenzen seines Glaubens gestoßen ist.

Zu diesem Glauben gehört bei ihm die Nächstenliebe. Das scheint mir wichtig. Manchmal ist solche aktive Nächstenliebe gut in Zeiten von Sinnkrisen und Glaubenszweifeln. Wenn ich aktiv bin, wenn ich etwas tue, bekommt die Seele wieder Luft. Und das hat positive Auswirkungen auf meine Umgebung.

1941 wird Pater Henkes Pfarrer in Strandorf im Hultschiner Ländchen, einem Landstrich, der mal zu Tschechien, mal zu Deutschland gehörte. Heute gehört der Ort zu Tschechien. Pater Henkes spürte nach seiner Ankunft rasch die Spannungen zwischen den Volksgruppen. Damals fühlten sich natürlich die Deutschen als die Überlegenen. Da hat er vehement gegengesteuert. Ihm waren alle Mitglieder der Pfarrei gleich wertvoll und willkommen. Er fing an, Tschechisch zu lernen, um besser vermitteln und auch versöhnen zu können.

Nächstenliebe gehörte selbstverständlich auch im KZ zu Richard Henkes. Eine Zeitlang war er auf dem Postkommando tätig. Da bekam er mit, wer häufig Lebensmittelpakete bekam und wer nicht. Er teilte selbst mit anderen seine Rationen und regte an zum Teilen. Als der Kaplan von Salz – auch ein Ort im Westerwald – nach Dachau kam, „fütterte“ er ihn „mit durch“ – wie er schreibt – bis dieser selbst Pakete bekam. Diesen Kaplan habe ich als Pfarrer noch gekannt. Heute ärgere ich mich, dass ich ihn nie gefragt habe: Wie war das damals in Dachau? Wie habt Ihr da gelebt und überlebt? Wie habt ihr gebetet? Aber so ist das: Manchmal kommen einem die Fragen an einen Menschen erst dann, wenn er tot ist.                                                           

Musik 3: Henry Purcell, Thou knowest, Lord, the secrets of our hearts (CD: Purcell, Full Anthems and Organ Music, Music on the Death of Queen Mary, Oxford Camerata / Jeremy Summerly / Laurence Cummings, Organ, Track 16).

Im Winter 1944/45 bricht im Lager eine Typhus-Epidemie aus. Die Kranken sind mehr und mehr sich selbst überlassen. Wegen der Ansteckungsgefahr erklärt die SS einige Baracken zu Quarantäne-Bereichen. Sie geht da nicht mehr rein. Gefangene werden abgestellt, täglich die Toten zu entsorgen. Aber wer pflegt die Kranken? Wer kümmert sich um die Sterbenden? Wer betet auch mit ihnen? Einige Priester gehen in die Baracken. Jetzt ringt auch Pater Henkes mit sich. Aus einem Brief wissen wir, dass die Häftlinge in Dachau um die Lage Deutschlands im Krieg wussten, dass man mit dem Ende rechnen konnte. Im gleichen Brief schreibt er, dass er sich habe impfen lassen. Ich denke, damit will er nur seine Angehörigen beruhigen.

Wir kennen nicht den genauen Tag, wann Pater Henkes sich entschieden hat, freiwillig in eine der Quarantänebaracken zu gehen. Er weiß, er darf da nicht mehr raus. Er kümmert sich um die Kranken und Sterbenden, gerade auch um Tschechen. Er infiziert sich und stirbt am 22. Februar 1945. 44 Jahre alt.

Mit Lebensmitteln und Tabak wird der Zuständige für das Krematorium bestochen. Pater Henkes wird einzeln verbrannt. Die Asche kommt nach Limburg und wird dort auf dem Pallottiner-Friedhof beigesetzt. Bei der Feier liest man aus dem Johannes-Evangelium den Satz: „Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Johannes 15,13).

Pater Henkes wurde nicht vergessen, nicht im Westerwald und Bistum Limburg, nicht bei den Pallottinern, nicht in Tschechien. Er bekam den Titel „Märtyrer der Nächstenliebe“. Sein Leben wurde jetzt immer vom Ende aus gesehen, von Dachau aus. Er begriff sein ganzes Leben als Weg mit Gott. Doch er hat bestimmt nicht Märtyrer werden wollen. Der christliche Märtyrer sucht ja nicht den Tod; er nimmt ihn sozusagen in Kauf, wenn die Stunde da ist. Für Pater Henkes war irgendwann diese Stunde da. Plötzlich hatte er die Kraft zu einer Entscheidung.  

Was ist ein Märtyrer? Was ist ein Seliger? Die Kirche sagt: dieser Mensch hat nach dem Evangelium gelebt, mit allen Konsequenzen. Ihn kannst du als Vorbild nehmen. Er ist dein Fürsprecher im Himmel. Ich denke an eine Frau, der man in der Schwangerschaft mitgeteilt hat, dass ihr Kind Down-Syndrom hat. Und man hat ihr gesagt, was man da tun könne. Sie hatte Angst. Sie hat geweint. Sie hat gebetet. Sie hat gerungen. Sie hat das Kind angenommen. Sie begleitet ihr Kind ins Leben und hilft heute vielen andern Menschen mit Down-Syndrom. Es gibt Momente im Leben, da wachsen wir über uns hinaus. Da haben wir Kraft zu einer Entscheidung, die wir uns so vorher nie zugetraut hätten. Vermutlich ist alles im Leben Vorbereitung für diesen Moment. Bei Pater Henkes war das so. Sein Glaube an Gott und an seine Berufung. Sein Einsatz für die Würde jedes Menschen. Seine gelebte Nächstenliebe. Er konnte sein Leben als Weg mit Gott sehen und gehen bis hin zur Lebenshingabe in Dachau. Ab nächsten Sonntag nennt ihn die katholische Kirche einen Seligen. Ich denke, er kann vielen Menschen ein Vorbild sein, die Mut haben zu einer aktiven Nächstenliebe, die Konsequenzen hat.                               

Musik 4: Henry Purcell, I will sing unto the Lord as long as I live (CD: Purcell, Full Anthems and Organ Music, Music on the Death of Queen Mary, Oxford Camerata / Jeremy Summerly / Laurence Cummings, Organ, Track 3).

 

 

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