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Käthe und die Pralinen der Liebe
Pixabay/David Greenwood-Haigh

Käthe und die Pralinen der Liebe

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Neuerdings vergisst sie viel. Das macht Käthe Sorgen. Früher war das anders. Sie war ein Muster an Erinnerung. Als Lehrerin, als Tante, bei Nachbarn. Käthe wusste Bescheid.

Das Vergessen wird größer

Aber damit ist es vorbei. Das Vergessen wird größer. Die Zahl der Zettel auch. Hier ein roter, dort ein gelber Zettel. Gut ist, dass sie von selbst kleben. Die Wohnung wird bunter. Am Schrank hängen Zettel, da steht „Geschirr“ drauf; oder „Gläser“. Dann muss Käthe nicht lange suchen und nicht immer jede Tür aufmachen.

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"

Sogar in der Handtasche ist ein Zettel. Festgeknotet am Schlüsselbund. Weil Käthe das auf keinen Fall vergessen will. Da hat sie draufgeschrieben, was ihr das Wichtigste im Leben war und bleiben soll. Da steht: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Kann man ja auch mal vergessen, hat Käthe damals gedacht. Dann hat sie den schönen Füller hervorgeholt, ein Loch ins dicke Papier gemacht und geschrieben: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Der Nachbar hilft

Das Wichtigste im Leben. Was man nie vergessen darf. Das sagt Käthe denen, die fragen. Neulich war das so. Da sucht sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel. Findet und findet ihn nicht. Wahrscheinlich vor Aufregung. Der Nachbar kommt zu Hilfe. Und findet sofort. Dann sieht er den Zettel am Schlüssel und fragt nach. Ja, sagt Käthe, das ist mir wichtig. Das will ich nicht vergessen. Und dankt dem Nachbarn - ist doch ein feiner Kerl.

Sie muss erstmal durchatmen, als sie dann in der Wohnung ist. Immer die Aufregung, wenn sie etwas nicht findet. Furchtbar ist das. Aber es gibt ja den Nachbarn. Und die Menschen der Pflege. Die kommen manchmal vorbei und sehen nach dem Rechten.

"Hauptsache, ich vergesse die Liebe nicht"

Käthe ist glücklich, wenn sie kommen. Sie hat immer etwas da. Ein kleines Geschenk. Und wenn es nur eine Praline ist. Sie weiß, was die anderen gerne essen. Meistens mit Nougat. Das kauft sie immer ein. Mit Zettel, versteht sich. Sie gibt und liebt ihre Nächsten so gerne. Sich selbst auch, meistens jedenfalls. Vor allem aber die, die ihr helfen. Die sollen nicht ohne Liebe sein. Das Wichtigste im Leben, sagt Käthe. Hauptsache, ich vergesse die Liebe nicht.

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