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Ich sehe was, was du nicht siehst
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Ich sehe was, was du nicht siehst

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist … grün“ Das Spiel ist ein beliebter Zeitvertreib in meiner Familie. Wir spielen es überall: im Stau, im Wartezimmer, am Bahnsteig. Das gefällt mir. Außerdem finde ich schön, dass bei diesem Spiel die Aufmerksamkeit geschärft wird. Ich muss darauf achten, was in meiner Umgebung zum Beispiel eine bestimmte Farbe hat. Denn die Spielregel lautet: Derjenige hat gewonnen, der zuerst den Gegenstand errät, den der erste Mitspieler im Blick hatte.

In dieser Zeit der Epidemie wird unser Blick auch gelenkt: auf das eine Thema „Das Virus und seine Folgen“. Die gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit schaut plötzlich hauptsächlich in eine bestimmte Richtung: Alles dreht sich um „Corona“ und die verschiedenen Aspekte dieses Themas.

Letzte Woche habe ich eine Anzeige gesehen. Die hat meine Blickrichtung wieder etwas geändert. In der Zeitung war eine halbseitige Anzeige abgedruckt: „Wenn niemand mehr über inhaftierte Journalisten berichtet, heißt das, dass alle frei sind?“

Die Frage macht mich nachdenklich, denn natürlich ist es eine rhetorische Frage und die Antwort ist klar: „Nein!“. Die Frage macht mich aufmerksam darauf, was alles aus meiner Wahrnehmung weggerückt ist, seit das Corona-Virus das alles beherrschende Thema ist. Plötzlich fallen mir die Themen wieder ein, die noch vor wenigen Wochen ganz oben auf den Titelseiten standen: Die Kinder im Flüchtlingslager auf Lesbos. Die Heuschreckenplage in Ostafrika. Die Klimakrise. Was ist daraus geworden? Ich suche ein bisschen nach Informationen und siehe da: Alle Krisen noch da – zum Teil noch schlimmer, denn das Corona-Virus macht selbstverständlich auch vor Flüchtlingslagern nicht Halt.

Ich überlege mir: Es ist ja auch meine Entscheidung, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte. Sicher ist in der jetzigen Krisensituation der Blick auf meine Mitmenschen wichtig. Ich finde, auch hier gilt es abzuwägen: In meinem direkten Umfeld geht es – Gott sei Dank – den Menschen gut. Also schaue ich nach meiner Nachbarschaft, in der viele alte Menschen wohnen. Und weil ich danach auch noch ein bisschen Zeit und Geld übrighabe, denke ich an die Kinder auf Lesbos. Ich bete für sie und ich habe eine Spende überwiesen. Ich will die Hilfsorganisationen unterstützen, die dort in Griechenland oder auch in anderen Ländern Hilfe leisten in der unbeschreiblichen Not jenseits von Corona.

Auch in der Bibel geht es oft um das „Sehen“. An vielen Stellen heißt es „Jesus sah ihn an und sprach…“. Jesus hat seinen Blick oft bewusst auf die gerichtet, die am Rand saßen oder unsichtbar waren. Damit hat er auch den Blick der anderen Menschen auf sie gelenkt.  Fast wie bei dem Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst…“.

Manchmal ist es gut, seine Aufmerksamkeit neu lenken zu lassen. Auf Dinge und Menschen, die nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Ich denke: Gerade in diesen Zeiten der Einschränkung ist es wichtig, immer auch wieder das zu sehen, was geht. Das, was ich tun kann, ist gut und wertvoll – auch wenn mein Bewegungsradius gerade eingeschränkt ist. Und das, was ein anderer sieht, kann meine Sicht möglicherweise verändern. 

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