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Glückskind Kain
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Glückskind Kain

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt
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„Das Leben ist ungerecht“, sagt mein Freund Jan enttäuscht. „Weißt du, da gibt es diese Glückskinder, denen einfach alles gelingt. Talentiert sind sie, begehrt, gesund und erfolgreich. Und ich, ich geb‘ mir große Mühe, ein anständiger Mensch zu sein und krieg‘ doch immer wieder eins auf die Mütze. Das Leben ist ungerecht.“

Jan macht das wütend, und ich kann ihn verstehen. Wie Jan empfinden Menschen schon lange. Schon Kain hat das so erlebt. Seine Geschichte steht auf den ersten Seiten der Bibel. Wie sein Bruder Abel hat er Gott ein Opfer gebracht, um sich für seine gute Ernte zu bedanken.
Und Gott? Gott nimmt Abels Opfer an - und Kains nicht. Einfach so, ohne Grund. Kain ist gekränkt und wütend. Klar, dass Kain da finster dreinblickt, die Zähne aufeinanderbeißt und die Fäuste ballt.
In der biblischen Geschichte sagt Gott dazu: „Kain soll sich aus blinder Wut nicht hinreißen lassen zu einer Gewalttat. Er könnte das.“  Aber Kain schafft das nicht. Er lockt Abel auf sein Feld und erschlägt ihn.  Dass auch er, Kain, ein Glückskind sein könnte, damit hat er nicht gerechnet. Er hat nicht geglaubt, dass Gottes Liebe für alle reicht. Für ihn schien sie zu Ende, bevor er genügend davon abbekommen hat. In der Geschichte ist Kain mit seiner Wut allein.

Ich stelle mir vor, wie das gewesen hätte, wenn Kain zum Beispiel mit seiner Mutter darüber gesprochen hätte. Eva hätte ihm zugehört und ihm so geholfen, die Sache einmal aus einem andern Blickwinkel zu sehen, mit den Augen einer anderen.
Wie glücklich sie war, hätte Eva ihm erzählt, als er geboren ist. „Mit Gottes Hilfe habe ich einen Sohn bekommen.“ hat sie damals voller Glück gerufen. Das vermeintliche Glückskind Abel kommt da schlechter weg. Denn über seine Geburt heißt es nur: „Dann brachte Eva Kains Bruder Abel zur Welt“.
Wer möchte schon nur der Bruder von jemandem sein? Wenn Kain gewusst hätte, was für ein Glückskind er für seine Mutter ist, hätte er es vielleicht geschafft, die Pleite mit dem Opfer wegzustecken. Seine Wut auf Gott und Abel hätte er so rauslassen können, dass daraus nicht gleich ein Mord entsteht.

Vielleicht wäre das auch eine Idee für Jan. Ich bin sicher, dass es auch jemanden gibt, für den er ein Glückskind ist.

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