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Floating piers – über Wasser gehen
Bild: pixabay

Floating piers – über Wasser gehen

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von

Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Über Wasser laufen. Nicht untergehen, wenn ich mit den Füßen auf die Oberfläche eines Flusses oder Sees trete. Eine faszinierende Vorstellung! Über 1 Million Menschen erfüllten sich diesen Traum vor ein paar Jahren in Oberitalien. Nur 16 Tage hatten sie Zeit dazu. So lange dauerte die Kunstinstallation "floating piers", also "schwimmende Pfeiler". Drei Kilometer lange schwimmende Stege, 16 Meter breit, belegt mit dahliengelbem Stoff: Das waren diese "piers". Sie verbanden miteinander Ufer und Inseln des Lago d’Iseo, zwischen Bergamo und Brescia am Südrand der Alpen. "Floating piers", "schwimmende Pfeiler", über Wasser gehen: Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude hat das erdacht und möglich gemacht.

Die Stege bestehen aus kleinen schwimmenden Elementen: Würfel aus recyclebarem Kunststoff. Ohne Geländer, zum Wasser hin leicht abfallend, verhüllt durch das milde Gelb der Stoffbahnen. Die sind durch die Feuchtigkeit teils verfärbt, von Wind und Wellen bewegt - auch für das Auge ein großartiges Bild. Besucher beschreiben, dass sich das Gehen auf den floating piers tatsächlich angefühlt habe, als wenn man direkt auf dem Wasser oder dem Rücken eines Walfischs laufen würde. Die Resonanz des Kunstwerks auf Zeit sprengt alle Erwartungen. Die Organisatoren stoßen an Grenzen; Zufahrtsbeschränkungen werden erlassen, die Zahl der gleichzeitigen Nutzer limitiert und reguliert. Schließlich müssen Zeiten zum Instandsetzen und Reinigen der Anlage frei gehalten werden.

Im Neuen Testament wird eine ähnliche Szene erzählt. Die Evangelisten verorten sie am See Genezareth, im Norden Israels. Die Jünger Jesu sind mit dem Boot unterwegs, von Jesus vorausgeschickt an einen gemeinsamen Treffpunkt. Es ist Nacht. Sie geraten in Gegenwind, es herrscht heftiger Seegang. Das Boot wird hin und her geworfen. Da kommt Jesus zu ihnen über das Wasser. Die Evangelisten erzählen, dass die Jünger ihn nicht nur nicht erkennen, sondern alles für unwirklich, für Spuk halten. "Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht!" Erst diese Worte Jesu öffnen ihnen die Augen. Die Bedeutung dieser Erzählung ist nicht zu erfassen, wenn man sie wörtlich nimmt. Sie würde zum Mirakel, zu einer wundersamen Mär herabsinken. Es gibt eine tiefere Dimension. Das Wort Jesu spricht sie ausdrücklich an: Es geht um Angst und Vertrauen. Wasser ist lebensnotwendig, ebenso aber auch bedrohlich. Der Weg über das Wasser ist Bild des Lebens, die Fahrt im Boot ist unsere Lebensfahrt. Das Boot auf dem Wasser kann vortäuschen, dass alles sicher sei. Das zeigt die Situation der Jünger auf. Krisen und Grenzsituationen machen schmerzhaft bewusst, wie dicht Leben sich oft am Abgrund bewegt. Das Evangelium entwickelt die Szene zum Glaubensbekenntnis: Gott will, dass wir nicht im Chaos versinken. Er will, dass wir an ein gutes Ziel kommen. Über Wasser gehen ist möglich. Das zeigt ein Kunstwerk. Vertrauen haben auch in Krisen, dazu ermuntert die Heilige Schrift, dazu machen uns Begegnungen mit Jesus Mut.

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