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Den Feind zum Freund machen
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Den Feind zum Freund machen

Winfried Engel
Ein Beitrag von

Winfried Engel,

Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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"Ein alter chinesischer Kaiser", so erzählt eine chinesische Ballade1, "hatte vor, das Land seiner Feinde zu erobern und sie alle zu vernichten." Später sah man ihn mit seinen Feinden speisen und scherzen. "Wolltest du nicht Deine Feinde vernichten?", fragte man ihn verwundert. Der Kaiser antwortete: "Ich habe sie vernichtet. Ich machte sie zu meinen Freunden."

Eine verblüffende Antwort, wie ich finde. Passt sie doch so gar nicht in die heutige Zeit mit ihren vielfältigen kriegerischen Auseinandersetzungen und schon gar nicht zu dem allgemein verbreiteten Denken vom Umgang mit Feinden. Dabei denke ich nicht nur an die großen Konflikte in der Welt. Ich meine auch die vielen kleinen alltäglichen Kriege, die Menschen untereinander führen. Frei nach dem Motto: Wenn mir einer dumm kommt, dann muss ich mich durchsetzen, muss ich den anderen kleinkriegen. Und da gibt es viele Mittel und Wege, die langsam aber sicher zum Erfolg führen. "Lass dir nichts gefallen", lautet der Rat schon für die Kinder im Kindergarten. "Wehr dich, schlag zurück!" In der Arbeitswelt nennt man solche Angriffe Mobbing.

Und solche Kriege machen allen das Leben schwer, denen, die sie führen, und erst recht denen, gegen die sie gerichtet sind. Von meinen eigenen Enkeln weiß ich, wie belastend so etwas sein kann, wenn es im Kindergarten Streit mit dem Freund, der Freundin gegeben hat. Wie wäre es denn, wenn ich einmal dem Beispiel des Kaisers zu folgen versuchte? Den anderen nicht vernichten, sondern sich ihm zuwenden, ihn sich zum Freund machen? Das wäre auch zutiefst christlich. "Ihr habt gehört", sagt Jesus in der Bergpredigt, "dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen ..." (Mt 5, 43 f.)
Geh doch gar nicht, höre ich sagen, das ist doch weltfremd! Doch: Einen Versuch wäre es wert!

 

1 Zitiert aus: Hug, Barbara u. Hans (Hg.), BÄTTER die uns durch das Jahr begleiten, Stuttgart (Kreuz Verlag) 19933, 10. Februar

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