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Aufeinander aufpassen
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Aufeinander aufpassen

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, hat einen großen Garten. Er ist auch heute noch umrandet von einer Mauer, auf der Efeu wächst. Als Kinder haben wir uns dort versteckt. Mit langen Plastikrohren pusteten wir die kleinen blauen Beeren des Efeus durch die Blätter hindurch auf die Leute, die an der Mauer entlang gingen. Eines von uns Kindern musste immer aufpassen, damit wir nicht entdeckt werden. „Shmire steyn“ nannten wir das. Das hieß: um die Ecke lugen und pfeifen, wenn es zu brenzlig wurde. Beliebt war diese Aufgabe nicht. Viel schöner war es, mit den anderen auf der Mauer rumzukraxeln und die Leute ein bisschen zu ärgern.

Aber das Aufpassen musste halt sein. Deshalb wechselten wir uns ab. Shmire steyn hat nichts mit „Schmieren“ im Sinne von Einkremen oder Bestreichen zu tun. Auch nicht mit „Schmieren“ im Sinn von Bestechen. „Shmire steyn“ kommt eigentlich aus der Sprache des Mittelalters und geht auf das hebräische Wort „schamor“ zurück. Es bedeutet „Wachen, Aufpassen“. Da passt einer auf, dass dem anderen nichts passiert. Wachsam muss der sein, damit ihm nichts entgeht. Von ihm hängt es ab, ob die Sache klappt.

Das hebräische Wort „Schamor“ spielt auch heute Abend eine Rolle. Da beginnt kurz vor Sonnenuntergang für die jüdischen Mitmenschen der Shabbat. Die Frau des Hauses zündet zwei Kerzen an: die eine Kerze wird „Sachor“ genannt, das heißt: Gedenke! Die andere heißt: „Schamor“ – pass auf, bewache. Mit dem Entzünden der Kerzen fordern sich die Juden gegenseitig auf, den gebotenen Feiertag zu halten, den Shabbat. So wie wenn einer um die Ecke schaut und aufpasst, dass es dem anderen gut geht, dass er sich am Feiertag erholen kann und in Frieden lebt. Dafür ist der Shabbat da: er ist ein Tag der Arbeitsruhe, an dem sich die Familie für den öffnet, der Sorgen hat, krank ist oder trauert. Aber auch an der Freude des anderen nimmt man teil.

Schamor – Shmire steyn: ich finde, es wäre nicht schlecht, wenn wir mehr aufeinander achtgeben würden. Nicht nur am Shabbat oder am Sonntag. Ich muss schon Herz und Augen offen halten, damit ich merke, wie es dem anderen wirklich geht. Damit ich ihm unter die Arme greifen kann, wenn er absackt. Nur auf mich bedacht sein, mich nur um mich selber drehen – das geht dann nicht mehr. Wer so „shmire steyt“, ist für die anderen da. Das ist nicht die einfachste Aufgabe im Zusammenspiel einer Gesellschaft. Deshalb ist es gut, wenn wir uns abwechseln. Dann ist jeder mal derjenige, der shmire steyt und dann mal wieder der, der beschützt in den Tag leben kann.

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