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Abi-Treffen
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Abi-Treffen

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Vor ein paar Tagen ist eine E-Mail bei mir eingetrudelt: Einladung zum 25-jährigen Abi-Treffen. Mein erster Gedanke: „Was zieh ich bloß an?“ Merkwürdig, denn eigentlich bin ich inzwischen eine gestandene Frau, habe eine abgeschlossene Berufsausbildung und stehe tagtäglich meine Frau im Beruf. Doch plötzlich ist sie wieder da, die Unsicherheit von damals. Das Thema Klamotten war schon damals nicht gerade mein Lieblingsthema.

Die Einladung zum Abi-Treffen lässt mein Leben einfrieren zu einer Momentaufnahme, die ich von außen betrachte. Fragen kommen in mir hoch: „Was habe ich aus meinem Leben eigentlich gemacht? Was ist aus meinen Begabungen und Chancen geworden? Welche Träume habe ich verwirklicht?“ Das Leben war oft etwas komplizierter, als ich mir das zum Ende der Schule vorgestellt habe.

Mit einigen Klassenkameraden habe ich noch Kontakt. Felix zum Beispiel sucht zurzeit einen neuen Job. Keine einfache Situation. Er will gar nicht zu dem Treffen kommen. Er hat keine Lust, den anderen immer neu zu erklären, dass er gerade arbeitslos ist.

Katja will bis zum Treffen noch 5 Kilo abnehmen. Sie war früher eine Sportskanone. Aber jetzt mit den drei Kindern kommt sie kaum noch zum Sport.

Anja will unbedingt noch die Promotion bis zum Abi-Treffen fertig bekommen. Das hat sie bisher immer auf die lange Bank geschoben.

Auch ich habe das Gefühl: „Ich hab zu wenig aus meiner Zeit gemacht.“ Keine Karriere im herkömmlichen Sinn, kein tolles Hobby, kein Weltverändern, keine Erfolgsbilanz. Aber warum müssen wir einander eigentlich immer etwas vormachen? Warum müssen wir so tun, als sei unser Leben ein steiler Weg nach oben? Warum können wir uns nicht erzählen, dass es uns zwischendurch auch mal richtig dreckig geht? Das wäre doch viel echter. Und viel interessanter als zusammengelogene Erfolgsgeschichten. Eine Freundin sagt mir: „Für mich wird eine Beziehung interessant, wenn mir jemand von Pleiten und Krisen erzählt. Dann erst wird jemand dreidimensional.“

Dietrich Bonhoeffer, Pfarrer und Widerstandskämpfer im dritten Reich, hat mal über seine eigene Lebensgeschichte gesagt: „Gott sucht mit uns unsere Vergangenheit wieder auf.“ Das tröstet mich irgendwie. Ich stelle mir das richtig plastisch vor:

Wie Gott neben mir sitzt und sich mit mir zusammen mein Leben anschaut wie in einem Film: alle diese unterschiedlichen Phasen, das Glück genauso wie die Krisen, die Momente, in denen ich müde und gestresst bin, die Zeiten, die ich als verloren oder unheil erlebe. Und auch die Augenblicke, in denen ich total froh und unbeschwert bin oder wo mir etwas gelungen ist.

Vielleicht hat Gott einen ganz anderen Blick auf meine Lebensgeschichte als ich. Vielleicht können scheinbar „verlorene“ Zeiten in Gottes Augen eine besondere Bedeutung haben. Eine dritte Dimension bekommen, die ich bisher nicht erahnt habe.

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