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Zeit zum Zuhören
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Zeit zum Zuhören

Christoph Schäfer
Ein Beitrag von

Christoph Schäfer,

Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim

Als typischer Morgen-Pendler nehme ich meistens meine S-Bahn-Station gar nicht mehr richtig wahr: Wie ein Roboter spaziere ich die Treppe zum Bahnsteig hinab. Und instinktiv mache ich dort unten immer fast die gleiche Zahl von Schritten. Denn ich bleibe jedes Mal an ziemlich genau der Stelle stehen, an der sich später meine gewohnte Waggontür öffnet, wenn die S-Bahn einfährt.

Diese Roboter-Reflexe sind recht bequem, aber auch ziemlich eintönig. Ich schlurfe und schweige – wie so viele andere um mich herum. So wird die S-Bahn-Station zu einem Ort, der Menschen im wahrsten Sinn des Wortes kalt lässt.

In Hamburg ist das aber seit kurzem anders – und die Idee hat mich sofort begeistert, als ich von ihr gehört habe: Dort hat ein engagierter Bürger namens Christoph Busch den Kiosk in der U-Bahn-Station Emilienstraße gemietet. Und er hat ihn in einen Ort zum Zuhören umgewandelt. Ein Schild verkündet dort ein kostenloses Angebot: „Ich höre Ihnen zu. Jetzt gleich oder ein anderes Mal“. Und er selbst sitzt in seinem Kiosk und hört Menschen zu, die zu ihm hineinkommen. Sie erzählen von Problemen und von schönen Erinnerungen. Und er lässt sie zu Wort kommen. Er will sie nicht therapieren. Sondern ihnen einfach Aufmerksamkeit schenken.

Ich bin überzeugt: Das hat schon vielen Menschen gut getan. Nicht nur denen, die ihm ihre Geschichten erzählt haben. Sondern auch vielen Passanten, die am Kiosk zwar vorbeigeströmen, ihn aber im Augenwinkel wahrnehmen. Und merken: „Da nimmt sich jemand Zeit zum Zuhören.“

Ich finde, das ist eine wunderbare Idee: im Alltag Räume schaffen für positive Begegnungen. Und seit ich von dieser genialen Idee gehört habe, sehe ich zumindest ab und zu meine Bahnstation wirklich mit anderen Augen: Dann achte ich genauer auf die Menschen um mich herum. Und ich habe zwar noch keine intensiven Gespräche geführt, aber zumindest freundliche Blicke gewechselt, einen Gruß ausgetauscht, einem älteren Menschen beim Einsteigen geholfen. Alles Gesten, die in meinem normalen Pendler-Automatismus oft wohl nicht zustande gekommen wären. Übrigens wirkt die Inspiration aus Hamburg nicht nur morgens: Ich versuche seitdem auch tagsüber, immer wieder Zeit zum Zuhören zu schaffen. Und merke, wie gut das tut: den anderen um mich herum. Und auch mir selbst.

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