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Heimat

Heimat

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von Michael Tönges-Braungart, Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Am 07. Juli 1855, heute vor 160 Jahren, wurde Ludwig Ganghofer geboren, der wohl populärste bayrische Heimatdichter. Manche kennen die Titel seiner Werke: „ Der Herrgottschnitzer von Ammergau“, „Das Schweigen im Walde“ oder „Schloss Hubertus“. Viele sind verfilmt worden. Die Bergwelt und das Leben der Menschen im dörflichen Bayern werden in ihnen stark idealisiert und zum Idyll verklärt, soziale oder politische Konflikte einfach ausgeklammert.

Ich weiß nicht, ob Ganghofers Werke heute noch viel gelesen werden – das Genre der Heimatromane und –filme gibt es aber immer noch, Heimatsendungen im Fernsehen sind beliebt, und die volkstümliche Musik gehört zu den umsatzstärksten in der Musikbranche.

Irgendwie scheint das Thema „Heimat“ immer aktuell zu sein – gerade in einer globalisierten Welt. Offenbar haben viele Menschen eine Sehnsucht nach Heimat.

Dabei kann Heimat ja vieles bedeuten: eine Landschaft, die einem vertraut ist; eine Region, der man sich verbunden fühlt; eine Sprache oder ein Dialekt, den man versteht oder auch spricht; eine Mentalität, die man auch bei sich selber erkennt. Und natürlich auch Menschen, die sich mit dem Bild von Heimat verbinden: Familie, Freunde, Nachbarn.

Dem gegenüber steht heute die Anforderung an Menschen, mobil zu sein, z.B. für einen Arbeitsplatz auch den Wohnortwechsel in Kauf zu nehmen. Aus den ländlichen Regionen pendeln deshalb viele zur Arbeit – weil die Wohnungen auf dem Land billiger sind; aber auch, weil die Menschen dort verwurzelt sind. In den Ballungsräumen sind Menschen nicht so ortsgebunden. Etwa alle 10 Jahre tauscht sich im Rhein-Main-Gebiet rein statistisch in manchen Städten die Bevölkerung komplett aus. Das bedeutet doch: Viele Menschen leben nur wenige Jahre an einem Ort. Ich erinnere mich noch an die Worte der erwachsenen Tochter eines Diplomaten, die als Kind immer wieder mit den Eltern umziehen musste, von einem Land ins andere: „Ich habe keine Heimat, aber ich habe gelernt, überall zu Hause zu sein.“

Eine ungestillte Sehnsucht habe ich da herausgehört: „Mir fehlt etwas, was andere ganz selbstverständlich haben.“

Aber auch Stolz und Selbstbewusstsein: „Ich kann es überall schaffen; und ich kann, wenn ich will, überall heimisch werden.“

Wie müssen ihre Situation erst die empfinden, die ihre Heimat aufgeben mussten und als Flüchtlinge zu uns kommen. Die meisten haben ihre Heimat unwiederbringlich verloren, dazu auch Angehörige und Freunde. Da brauchen sie unsere Hilfe, um bei uns eine neue Heimat zu finden.

Natürlich ist Heimat keine Idylle wie in Ganghofers Romanen. Das war sie auch nie. Und das wissen auch alle, die eine Sehnsucht nach der Heimat in sich verspüren. Offenbar brauchen die meisten Menschen einen Ort, vom dem sie sagen können: Da gehöre ich hin. Oder zumindest Menschen, von denen sie das sagen können.

In der Bibel ist nicht oft vom Begriff „Heimat“ die Rede. Aber es finden sich viele Geschichten von Menschen, die aufbrechen und vertrautes zurücklassen. „Unsere Heimat aber ist im Himmel…“ (Phil 3, 20), das hat einer geschrieben, der viel herumgekommen ist in seinem Leben: der Apostel Paulus.

Ich finde diesen Gedanken ermutigend: Ganz gleich, ob ich da bleibe, wo ich herkomme, oder ob mich das Leben an ganz andere Orte verschlägt – bei Gott bin ich Zuhause. In dieser Gewissheit kann ich getrost bleiben – oder mich auf den Weg machen.

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