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Worauf bauen wir?
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Worauf bauen wir?

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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Seit gut einem Jahr haben wir Hühner im Garten. Hühner liegen voll im Trend. Und das nicht erst seit Corona. Sie sind ausgesprochen unterhaltsam. Und eh man sich’s versieht, gehören sie zur Familie. Hühner brauchen nicht viel. Regelmäßig Futter, Wasser, ein bisschen Auslauf, einen Platz zum Scharren und natürlich einen Stall.

Ein Haus für die Hühner

Ein Haus für die Hühner. Wir in der Familie haben uns fürs Selberbauen entschieden. Anleitungen findet man jede Menge im Internet oder in Ratgeberbüchern. Für mich ein Glück, denn das einzige Haus, das ich bis dahin je gebaut habe, war aus Lego.

Beim Hausbau kommt es auf das Fundament an

Beim Bau eines Hühnerhauses ist einiges zu beachten. Es braucht ein Fenster für ausreichend Licht. Sitzstangen, damit die Hühner gut schlafen können und natürlich Nester zum Eierlegen. Ein Hühnerstall muss gut isoliert sein. Es dürfen weder Feuchtigkeit noch Parasiten hineingelangen. Bei Regen und Wind sollte er fest und sicher stehen. Ich habe gelernt: Bei einem Haus kommt es auf das Fundament an. Eine gute Grundlage ist wichtig. Das ist keine neue Weisheit, das steht schon in der Bibel. Dort erzählt Jesus eine Geschichte über zwei Menschen, die sich ein Haus bauen.

Eine Hausbaugeschichte in der Bibel

Zwei Menschen bauen ein Haus. So erzählt es Jesus in der Bibel. Der eine ist klug, der andere dumm. Der Kluge baut sein Haus auf festen Boden. Der andere baut auf weichen Sand. Als die Häuser fertig sind, kommt ein Sturm. Ein Wolkenbruch lässt die Flüsse über die Ufer treten. Das Haus des Dummen hat dem Unwetter nichts entgegenzusetzen. Der Sand unter dem Haus wird einfach weggespült. Es stürzt ein. Das Haus des Klugen aber bleibt stehen, denn der Boden unter ihm ist fest.

So weit, so gut. Eine klare Sache. Die Moral der Geschichte scheint einfach zu sein. Es liegt an mir. Bin ich klug und baue auf festem Grund oder bin ich dumm und baue auf weichem Grund? Sollte mir also der Boden unter den Füßen wegrutschen, tja, selber schuld. Hätte ich mal besser aufgepasst.

Auf Sand oder Felsen bauen? So einfach ist es nicht

Aber so einfach ist es nicht. Fachleute fürs Häuserbauen wissen: Ein schöner sandiger Boden ist nicht die schlechteste aller Grundlagen. Und Fels ist nicht so solide, wie es hier den Anschein hat. Es ist also manchmal gar nicht so einfach genau zu wissen, was klug ist und was dumm.

"Was gibt euch Sicherheit und Stabilität, wenn es darauf ankommt?"

Jesus ist kein Architekt und kein Bauingenieur. Ihm geht es nicht um Statik, um Tipps und Tricks für Heimwerker und Häuslebauer. Seine Geschichte ist ein Bild. Ein sogenanntes Gleichnis. Wichtig ist, worauf die Geschichte hinaus will. Nämlich: Jesus fragt seine Zuhörer und Zuhörerinnen nach ihrem Leben. Er fragt: Was gibt euch Sicherheit und Stabilität, wenn es darauf ankommt?

Ich kann mir vorstellen, was die Leute damals geantwortet haben. Nämlich genau das, was Menschen heute auch sagen. Ich habe zwei Frauen aus meiner Gemeinde gefragt. Was würdet ihr Jesus antworten? Spontan? Worauf baut ihr? Was gibt euch Halt?

Sich auf Familie und Freunde verlassen können, gibt Sicherheit

Die eine sagt: Ich verlasse mich auf meine Familie und Freunde und auf meinen gesunden Menschenverstand. Und das Singen im Chor ist mir wichtig. Es erdet mich und gibt mir Halt. Es ist wie ein Lebenselixier. Die andere sagt: Meine Kinder sind eine Grundlage in meinem Leben. Der Austausch mit ihnen und mit engen Freundinnen. Das ist mein Fundament. Aber ich weiß: Ich kann das sagen, weil ich gesund bin, ein Dach über dem Kopf habe und mir um Geld keine Sorgen machen muss. Ohne das würde mein Leben ganz schön ins Wanken geraten.

Was aber passiert, wenn mir der Boden unter den Füßen wegrutscht?

Ich stimme den beiden zu. Ich glaube, genau darum geht es in der Geschichte vom Hausbau. Solange die Lebensverhältnisse gut und stabil sind, mehr oder weniger, ist vieles in Ordnung. Aber was ist, wenn sich etwas grundlegend ändert? Wenn ein Sturm aufzieht, ein Unglück über mich hereinbricht? Das kann ja passieren. Egal wie freundlich, achtsam und vorbildlich ich durchs Leben gehe. Es kann passieren: Der sicher geglaubte Boden rutscht mir unter den Füßen weg. Ein geliebter Mensch stirbt. Die große Liebe zerbricht. Ich verliere meinen Job. Und trotz gewissenhafter Vorsorge und Lebensführung hat die Ärztin keine guten Nachrichten für mich.

Das Coronavirus zeigt uns, was wir nicht im Griff haben

So ein Sturm kommt oft plötzlich. Er wirbelt durcheinander, was bisher fest und sicher schien. Wie das ist, das erleben viele seit gut einem Jahr. Das Coronavirus hat einiges auf den Kopf gestellt. Es verändert uns, unsere Gesellschaft und die Art, wie wir leben. Manchen zieht es den Boden unter den Füssen weg. Das Virus zeigt uns schmerzlich, was wir alles nicht im Griff haben.

Das Leben mit Corona fällt mir nicht leicht, aber ich komme zurecht. Mal besser, mal schlechter. Denn es gibt Menschen, die mir helfen. Mit dem, was sie tun und mit dem, was sie sagen. Und es gibt Gott.

Musik

Jesus sagt: Hört auf mich, meine Worte sind ein gutes Fundament für Euer Leben

Das Coronavirus ist für mich wie ein Sturm, der das Leben ins Wanken bringt. Worauf baue ich in meinem Leben? Was gibt mir Halt? In der Geschichte vom Hausbau gibt Jesus seine Antwort. Er beginnt die Erzählung mit einem guten Rat. Er sagt: Hört auf meine Worte. Richtet euch danach. Nehmt sie euch zu Herzen. Sie sind ein gutes Fundament für euer Leben.

Welche Worte meint er? Mir fallen Worte von Jesus ein, die Mut machen. Besonders denen, denen es nicht gut geht. Die leiden und Angst haben. Nicht wissen, wie sie den nächsten Tag, die nächste Woche überstehen sollen. Er sagt: Ihr seid selig. Ihr könnt euch glücklich schätzen, sagt Jesus. Nicht weil ihr leidet, arm, traurig oder ohnmächtig seid. Sondern weil ihr nicht allein seid. Ihr gehört zu Gott, und Gott gehört zu euch. Auch in den Stürmen des Lebens. Daran können weder Wolkenbrüche noch Pandemien etwas ändern. Darauf könnt ihr euch felsenfest verlassen. Das zu hören, tut mir gut. Gerade in diesen schwierigen Zeiten. Auch wenn der Sturm nicht an mir vorüberzieht, Gott ist an meiner Seite.

Es hilft auch, zu schauen, was andere machen

Um wieder festen Boden unter die Füßen zu bekommen, hilft es mir auch zu schauen, was andere machen. Bei mir in der Straße zum Beispiel gibt es ein kleines Café. Der Besitzer hat es im Frühjahr des vergangenen Jahres eröffnet. Noch vor dem ersten Lockdown. Er hat das Café übernommen. Es ganz neu gestaltet. Es gibt eine große, glänzende Espressomaschine. Der Ladentisch ist mit wunderschönen marokkanischen Kacheln geschmückt. Darauf stehen Gläser voller Schoko-Cookies und anderem Gebäck. Gemütliche Sitzecken laden zum Bleiben ein. Seit einem Jahr gehe ich fast jeden Tag daran vorbei. Und jeden Tag sehe ich, wie der junge Mann sein Café herrichtet. Er deckt die Tische liebevoll ein. Zündet Kerzen an. Steckt frische Blumen in die Vasen. Und dann wartet er auf die Gäste. Die dürfen sein Café zwar nicht besuchen, aber immerhin Kuchen und Mittagessen mit nach Hause nehmen.

Ausdauer, Zuversicht und Widerstandskraft helfen durch die Krise

Ich bewundere ihn. Für seine Ausdauer, seine Zuversicht und sein Widerstandskraft. Er macht sich bestimmt Sorgen, um sich, um die Zukunft seines Cafés. Aber ich habe den Eindruck, er hat trotzdem einen Weg gefunden, mit der Krise umzugehen. Sein Fels scheint die tägliche Routine zu sein. Die Hoffnung auf bessere Zeiten und die Unterstützung der Anwohner. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes. Der junge Mann ist nur einer unter vielen, deren Leben im Moment schwankt. Sie müssen aufpassen, dass es nicht wie Sand unter ihnen zerrinnt.

Irgendwann ist die Pandemie vorbei ...

Irgendwann ist diese Pandemie vorbei. Für den jungen Mann und uns alle. Das Leben wird sich wieder ändern. Und das Gute ist: Auch dann wird Jesus mir etwas zu sagen haben, woran ich mich halten kann. Etwas, das mir hilft, den festen Boden unter den Füßen zu spüren.

Um noch mal auf den Hühnerstall zurückzukommen: Genau wie im Leben muss übrigens auch beim Hühnerstall das Fundament hin und wieder überprüft werden. Hat sich etwas verändert? Trägt es noch? Wenn nicht, dann braucht der Stall einen neuen Boden. Nur dann fühlen sich die Hühner wohl. Und ich? Ich kann mich darauf verlassen, dass sie mich mit einem frischen Frühstücksei belohnen.

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