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Tafel der Vielfalt

Tafel der Vielfalt

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Berlin im Herbst 2016. Auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs ist ein Zelt aufgebaut. Während Reisende aus dem Bahnhofsgebäude herausströmen oder andere sich beeilen, ihren Zug noch zu bekommen, sitzen etwa hundert Menschen in dem Zelt an einer langen Tafel. Eine bunte Mischung an Leuten, die zusammen Mittag isst, an der Tafel der Vielfalt. Da finden sich Flüchtlinge, Ehrenamtliche und Mitarbeitende der beiden christlichen Wohlfahrtsverbände und viele andere.

Es ist eine Veranstaltung der Initiative „Offene Gesellschaft“. Der Gründer Harald Welzer sagt: „Vier Fünftel der Wählerinnen und Wähler in Deutschland sind demokratisch eingestellt. Mehr als die Hälfte engagiert sich im Ehrenamt und trägt zum Gemeinwohl bei. Das ist das gelebte Gegenteil von Hass, Gleichgültigkeit und Ausgrenzung. Die Initiative Offene Gesellschaft bündelt die vielen prodemokratischen Aktionen und Engagements, und macht sichtbar, wer die Mehrheit in diesem Land ist.“

Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert ist an die Mittagstafel im Zelt gekommen. Er bedankt sich für das Engagement bei allen, die den Flüchtlingen geholfen haben. Lammert sagt: „Nichts bleibt immer so, wie es war. Eine Gesellschaft verändert sich andauernd. Und der schlechteste Versuch, damit umzugehen, ist zu versuchen, dass alles beim Alten bleibt.“

Mir gefällt der Ansatz. Vielfalt und Veränderung sind nicht bedrohlich. Und es bringt nichts, den alten Zeiten hinterher zu trauern. Aber einfach finde ich das trotzdem nicht. Ich lebe im Westen von Frankfurt, wo Kopftücher, türkische Reisebüros und marokkanische Supermärkte das Erscheinungsbild prägen und wo auf den Spielplätzen nur noch selten Deutsch gesprochen wird. Meine Tochter ist gerade in die erste Klasse gekommen. Dort ist sie das einzige Kind ohne Migrationshintergrund. Was die Lehrerinnen und Lehrer dort leisten, ist nicht mit Geld zu bezahlen. Sie bringen den Kindern bei, dass alle in ihrer Vielfalt voneinander profitieren.

Ich will es den Lehrerinnen und der Initiative Offene Gesellschaft nachmachen. Ich gehe auf die Eltern der Klassenkameraden meiner Tochter zu. Heute kommt ein marokkanischer Junge zu Besuch. Er ist sehr schlau und spricht perfekt Deutsch. Nächste Woche kommt ein kurdisches Mädchen. Die Familie gehört zu den Aleviten, einer muslimischen Glaubensrichtung. Das kurdische Mädchen wird auch beim Krippenspiel mitmachen.

Ich weiß viel zu wenig über alle diese Menschen, darüber, was sie beschäftigt und was ihnen Sorgen macht. Klar, dass ich dabei auch ehrlich bleiben will und auch sagen muss, was mir nicht gefällt. „Wir sind alle Gast auf Erden“, sagt die Bibel. Die Tatsache, dass ich an einem bestimmten Fleck dieser Erde geboren bin, lässt mich diesen Ort noch lange nicht besitzen. Wir alle leben zusammen in Deutschland, auch die, die noch nicht so lange hier sind. Abgrenzung und Misstrauen sind keine guten Ratgeber, wenn es um unser Zusammenleben geht. Auf andere zugehen – das ist mutig.

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