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Schwere Zeiten, heilige Menschen
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Schwere Zeiten, heilige Menschen

Reiner Jöckel
Ein Beitrag von

Reiner Jöckel,

Pastoralreferent, Frankfurt
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Ganz schön schwierige Zeiten sind das gerade! So höre ich es immer öfter, wenn ich mich mit Freunden unterhalte. Die politische Situation hierzulande macht vielen zu schaffen. Der immer stärker werdende Rechtspopulismus etwa. Oder prahlerische Staatschefs wie Trump oder Erdogan. Als ich vor kurzem eine Bibelstelle aus dem Neuen Testament in die Hände bekam, bin ich erschrocken, wie sehr sie zu unseren schwierigen Zeiten passt, obwohl sie schon im ersten Jahrhundert nach Christus geschrieben wurde.

Es heißt dort:

„In den letzten Tagen werden schwere Zeiten anbrechen. Die Menschen werden selbstsüchtig sein, habgierig, prahlerisch, überheblich, rücksichtslos und mehr dem Vergnügen als Gott zugewandt. Den Schein der Frömmigkeit werden sie wahren, doch die Kraft der Frömmigkeit werden sie verleugnen.“  (2 Tim 3,1-2)

Ohne jetzt grundsätzlich schwarz zu sehen: Viele finden: wir sind mittendrin in solchen schweren Zeiten. Sowohl im politischen Bereich wie auch im Bereich des kirchlichen Lebens. Auch, wenn ich die Überschriften in Zeitungen lese, gibt es immer wieder schreckliche Meldungen. Eine Überschrift vor etwa drei Wochen lautete:

„821 Millionen Menschen hungern. Kriege, Dürren, Missmanagement: die Zahl der Unterernährten weltweit steigt wieder – allen politischen Zielen zum Trotz.“
Das lässt mich wirklich erschrecken: Etwa jeder neunte Mensch auf unserer Erde hat also zu wenig zu essen. Und das hat nicht immer etwas mit dem Klimawandel zu tun. Eine solche Erfahrung habe ich Gott sei Dank noch nie gemacht.

Auch eine andere Zahl schockiert mich: Weltweit eine Viertel Million Menschen horten zurzeit ein Vermögen von mehr als 31 Billionen Dollar. (FAZ vom 10.9.2018). Das kann alles nicht mit rechten Dingen zugehen. In der Welt geht es wirklich immer noch im Kleinen wie im Großen oft furchtbar ungerecht zu. Und ich finde: Diese Ungerechtigkeit ist Absicht und Berechnung. Immer preiswerter muss es sein.

Billige Kinderarbeiter zum Beispiel werden mit Hungerlöhnen abgespeist, damit unsere Textilien möglichst wenig kosten. Die Weltmeere sind mit ungeheuren Mengen an Plastikmüll zugeschüttet. Und die Millionen Plastikbecher, die täglich für unseren „Coffee-to-go“ benutzen, tragen zu den 25 Millionen Tonnen Kunststoff-abfällen allein in Europa bei. So könnte ich fortfahren. Ich schwanke zwischen Trauer, Wut und Enttäuschung. Irgendwie ändert sich nichts; auch nicht beim Klima. Es ist wirklich 5 vor 12; mindestens.

Aber ich will auch nicht einfach nur untätig und ruhig zugucken. Die Bremer Lyrikerin Irmela Dening schreibt in einem ihrer wunderbaren Gedichte:

„Mir ist nicht erlaubt ruhig zu sein vor den Leiden, die wir den Kommenden an tun, vor den Schmerzen der Erde.“ (aus: Irmela.Dening, In dieser Stunde. Gedichte, Aachen 2008, S. 15)

Viele Menschen sind wirklich unruhig geworden und sind empört. Manche werden in ihrer Hilflosigkeit gewalttätig, suchen Sündenböcke für all das Schwierige und Schlechte auf dieser Welt. Andere erleben sich einfach ohnmächtig. Man möchte es laut hinausschreien: Warum gelingt der Wandel nicht? Wer verhindert hier etwas? Warum ist die Welt so aus den Fugen geraten? Oder bleibt am Ende nur noch das: „Herr, erbarme dich?“, weil uns die vielen Krisen über den Kopf gewachsen sind?

Musiktitel 1: „Miserere“, nach ca. 3:10 ausblenden (aus: Paul Schwarz and the Yoyful Company of Singer, in:  CD „Chill out in Paris“, Label: Wagram WAG 350)

Vor zwei Jahren starb Elie Wiesel. Er hat den Holocaust überlebt und 1986 den Friedensnobelpreis erhalten. Er schrieb einmal:

„Der Gegensatz, von Liebe ist nicht Hass, der Gegensatz von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, der Gegensatz von geistiger Gesundheit und von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn, und der Gegensatz von Erinnerung heißt nicht Vergessen, sondern es ist nichts anderes als jedes Mal die Gleichgültigkeit“.          

(aus: Erich Loest, „Wider die Gleichgültigkeit“, in: Dichter predigen. Reden aus der Wirklichkeit, Hrsg. Günter Kunert, Stuttgart 1989, S. 37)

Und diese gefährliche Gleichgültigkeit hat viele Gesichter. Ich glaube: Gleichgültigkeit heutzutage wächst zum Beispiel dadurch, dass man Wahrheit und Lüge immer schwerer voneinander unterscheiden kann. Und wenn man halbe Wahrheiten als ganze ausgibt, dann ist das zumindest nicht wahrhaftig genug. Alternative Fakten nennen das einige. Auch fake-news gibt es ja immer öfter. Gleichgültig können Menschen auch dann werden, wenn sie den Eindruck haben: Ich kann an der ganzen Misere ohnehin nichts ändern. Schlimmstenfalls denken sie dann: Nach mir die Sintflut.

Auch der raue und unbarmherzige Ton im täglichen Miteinander; die Reduzierung der Menschen auf bloßes Funktionieren und Konsumieren lässt viele Menschen auf Dauer abstumpfen. Und dann erlebe ich diese Spannung in mir selbst: Einerseits muss ich manchmal einfach abschalten, weil manche Nachrichten mich einfach überfordern. Andererseits möchte ich aber auch nicht abstumpfen, denn ich bin ja schließlich ein Teil unserer Gesellschaft. Ich spüre diese Ohnmacht und gleichzeitig will ich mich aufregen und empören.

Der französische Schriftsteller Stéphane Hessel hat ja sine berühmte Streitschrift vor einigen Jahren so genannt: „Empört euch!“ Darin schreibt er:

 „Ohne mich, ist das Schlimmste, was man sich und der Welt antun kann. Den ‚Ohne mich-Typen‘ ist eines abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement und zum Widerstand“.                                                                            (aus: Stéphane Hessel, Empört euch!, Berlin 2011, S. 13)

Widerstand - das ist für mich nicht nur eine politische Handlung. Er kommt zustande, wenn seine Kraft aus einer geistigen und zuverlässigen Quelle gespeist wird. Ich möchte sagen: Ich persönlich brauche für diesen Widerstand eine geerdete Spiritualität, die sagt: Du kannst dir angesichts der Welt, wie sie ist, so viel Hoffnungslosigkeit eigentlich nicht mehr leisten. Und gleichzeitig muss ich mir eingestehen: Ich kann diese Hoffnung nicht auf Knopfdruck herstellen. Echte Spiritualität fängt für mich eigentlich erst da an, wo ich den tieferen Sinn unseres Daseins gerade nicht mehr am Leben selbst und meinem eigenen Vermögen ablesen kann. An Gott glauben, bedeutet dann für mich: Ich muss mich nicht von meinen Schwächen und von meinem Unvermögen her definieren. Denn das lähmt mich eher. Ich muss und kann die Welt nicht erlösen. Aber ich kann entdecken, wo mein Engagement mit anderen erforderlich und auch möglich ist.

Der indische Dichter Rabindranath Tagore formuliert es in einem Gebet so:

„Zeit, Gott, ist nur in deinen Händen endlos. Aber wir haben keine Zeit zu verlieren und müssen jede Chance zur Veränderung ergreifen. Wir sind arm, wenn wir zu spät kommen.“  Der litauische Komponist Vytautas Miskinis hat es im folgenden Lied in englischer Sprache vertont:

Musiktitel 2: „Time is endless“, 6:32  (kürzen nach 3’39), aus: Vytautas Miskinis, Choral Works, © Label: Hyperion CDA A67818.

„Wir haben keine Zeit zu verlieren und müssen jede Chance zur Veränderung ergreifen. Wir sind arm, wenn wir zu spät kommen“; so hieß es in diesem Lied von Vytautas Miskinis.

Wie spät ist es eigentlich für notwendige Veränderungen? Wie können sie gelingen? Woher kommt Kraft und Ausdauer oder ist es schon zu spät? Diese Fragen stelle ich mir immer wieder.

Ich finde: Es ist wichtig, Probleme und ihre Ursachen deutlich zur Sprache zu bringen. Aber es ist auch notwendig, von positiven Beispielen gelungenen Lebens zu sprechen. Von Menschen, die sich z.B. gewaltfrei für andere eingesetzt haben. Ich brauche Menschen, die mir Mut machen, Dinge zu verändern, damit ich kein überforderter oder sogar gleichgültiger Mitläufer werde.

Es gibt und gab diese Menschen, die keine Mitläufer sind und Zivilcourage zeigen. Papst Franziskus wird am kommenden Sonntag in Rom einige von ihnen heilig sprechen. Heilige deshalb, weil sie in besondere Weise die Nachfolge Jesu gewagt und sich selbstlos für ihre Mitmenschen eingesetzt haben.

Auch eine Ordensschwester aus unserer Region wird am 14. Oktober von Papst Franziskus heilig gesprochen. Sie hat in Dernbach gelebt; einem kleinen Ort im Westerwald in der Diözese Limburg. Es ist Maria Katharina Kasper. Sie hat sich zu ihrer Zeit im 19. Jahrhundert ganz besonders um kranke Menschen gekümmert. Und die Schwesterngemeinschaft, die sie gegründet hat, tut das bis heute. Ein Krankenhaus in Frankfurt ist sogar nach ihr benannt.

Ein anderer Mensch, der heiliggesprochen wird, ist Bischof Arnulfo Romero aus El Salvador. Ich habe sehr oft in den neunziger Jahren den Spielfilm über ihn und sein Leben gesehen. Es ist ein Film, der mir unter die Haut gegangen ist. Er hat das Leid des salvadorianischen Volkes schonungslos gezeigt und wie Bischof Romero sich für dieses Volk eingesetzt hat. Ich war sehr beeindruckt von seiner Persönlichkeit.

„Ich komme aus einer Welt der Bücher“; so  hat er sich am Anfang noch seinen Gläubigen vorgestellt, als eher konservativer und klerikaler Bischof. Dann aber hat er sich immer mehr auf die Seite der Armen und Verfolgten gestellt - und wurde damit den Machthabern und Militärs zum Ärgernis. Auch vielen Mächtigen in der Kirche hat sein Engagement nicht gepasst. Er hat damals den amtierenden Regierungschef von El Salvador öffentlich als einen Lügner bezeichnet.

In einer seiner letzten Predigten hat er gesagt:

„Die Kirche kann vor diesen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ungerechtigkeiten nicht schweigen. Das ist eine Frage von Leben und Tod für das Reich Gottes auf der Welt. Und wir wollen, dass die Regierung dies ernst nimmt: Wenn die Reformen so von Blut getränkt sind, nützen sie gar nichts. Im Namen Gottes und dieses leidenden Volkes bitte ich euch, flehe ich euch an, befehle ich euch: Stoppt die Unterdrückung!“ (zitiert aus: Misereor Bausteine 2018 zur Person Romeros; S.3)

Kurz nach dieser Predigt wurde Bischof Oskar Romero von einem bezahlten Killer am 24. März 1980 ermordet, während eines Gottesdienstes. Er wurde nur 62 Jahre alt.

Musiktitel 3: „Parce mihi domine“, nach ca. 3‘ ausblenden; aus: Officium defunctorum von Christóbal de Morales, CD: „Officium“ (Garbarek, Hilliard Ensemble, Label: ECM LC 2516).

Das Leben Oskar Romeros beeindruckt mich bis heute. Und er hat vielen Menschen in seinem Land Hoffnung auf ein besseres Leben gegeben. Sie bestärkt in ihrem Kampf für Gerechtigkeit. Und dieser Kampf ist weltweit auch heute noch nicht beendet. Aber ich bin ehrlich: Sein Vorbild war und ist großartig; seine Nachfolge Jesu bis hin zum Martyrium – da komme ich nicht mehr mit. Das überfordert mich. Ich muss es mir eingestehen: Ich tauge nicht zum Martyrium. Aber andererseits will ich auch nicht gleichgültig bleiben. Ich will nicht den Kopf in den Sand stecken.

Es gibt da eine kleine Meditation, die Bischof Oskar Romero einmal geschrieben hat. Es ist ein Text, der mir persönlich geholfen hat, mich in meinem Alltag nicht entmutigen zu lassen für das, was ich selbst vor Ort mit Gottes Hilfe tun kann.

Ich möchte seine Gedanken an das Ende dieser Morgenfeier stellen:

„Es hilft, dann und wann zurückzutreten und die Dinge aus der Entfernung zu betrachten. Das Reich Gottes ist jenseits unserer Bemühungen und auch jenseits unseres Sehvermögens. Dies ist eine andere Weise zu sagen, dass das Reich Gottes immer über uns hinausgeht. Kein Vortrag sagt alles, was gesagt werden könnte. Kein Gebet drückt vollständig unseren Glauben aus. Kein Programm führt die Aufgabe und Sendung der Kirche zu Ende. Keine Zielsetzungen beinhaltet alles und jedes. Dies ist unserer Situation. Wir bringen das Saatgut in die Erde, das eines Tages aufbrechen und wachsen wird. Es mag unvollkommen sein, aber es ist ein Beginn, ein Schritt auf dem Weg, eine Gelegenheit für Gottes Gnade den Rest zu tun. Wir mögen nie das Endergebnis zu sehen bekommen, doch das ist der Unterschied zwischen Baumeister und Arbeiter. Wir sind Arbeiter, keine Baumeister. Wir sind Diener, keine Erlöser. Wir sind Propheten einer Zukunft, die nicht uns allein gehört.“

(aus: Oskar Romero, Nicht Schweigen. Texte in deutscher Erstausgabe, Stuttgart 2015.)

Musiktitel 4:  „Cachua Serranita“, 3:27; aus: CD „Bailar Cantando, Fiesta Mestiza en el Perú“, La Capella Reial de Catalunya, Jordi Savall, Label AliaVox AVSA 9927.

 

 

 

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