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Schokokuss und Johannes-Passion
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Schokokuss und Johannes-Passion

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Der Boden ist eine kreisrunde Waffel. Darauf kommt schneeweißer Schaumzucker. Das Ganze wird mit brauner Schokolade überzogen. Fertig ist der … Früher hätte ich gesagt: Negerkuss. Oder Mohrenkopf. Das sagt man nicht mehr. Heute heißt das Schokokuss oder Schaumkuss. Ich finde das richtig. Ich kann nicht ignorieren, dass Schwarze jahrhundertlang als Neger beschimpft und versklavt wurden. Und in einen Mohrenkopf will ich auch nicht beißen. Worte sind nicht harmlos. Sie bewirken etwas. Im Guten, aber auch im Schlechten.

Das merken viele, die jetzt in der Woche vor Karfreitag ins Konzert gehen und die großen Passionen von Johann Sebastian Bach hören. Das ist fantastische Musik. Aber bei einigen Texten, die der Chor singt, stockt mir der Atem. Jede Aufführung von Bachs Passionen stellt die Geschichte so dar: Auf der einen Seite stehen die Juden, die angeblich den Tod von Jesus fordern. Auf der anderen Seite steht der sympathische Römer Pilatus, der sich sträubt, Jesus zum Tod zu verurteilen. So war es historisch nicht.

Wie kann man die Passionen von Johann Sebastian Bach heute nach dem Holocaust aufführen? Und wie finden es Jüdinnen und Juden, wenn sie darin als Jesus-Mörder dargestellt werden? Viele Kirchenchöre machen sich deshalb intensiv Gedanken, wie sie die Passionen von Bach aufführen. Sie erklären im Programmheft, welche Wirkung die judenfeindlichen Worte in der Geschichte hatten. Oder der Chor singt einzelne Stücke zweimal. Einmal so wie Bach es notiert hat. Und dann noch einmal mit einem neuen Text.

Ich finde das gut. Es bringt mich zum Nachdenken darüber, ob ich Worte aus einer vergangenen Zeit einfach nachspreche und unkommentiert stehen lassen kann. Und es bringt mich zum Nachdenken darüber, was die Worte, die ich verwende, bei anderen bewirken. Das fängt bei den Süßigkeiten an. Schokokuss finde ich ein wunderbares neues Wort. Das schmeckt schon süß, wenn ich es nur sage.
 

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