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Neue Perspektiven hinter verhüllendem Stoff
Bild: Pixabay

Neue Perspektiven hinter verhüllendem Stoff

Sebastian Pilz
Ein Beitrag von

Sebastian Pilz,

Katholischer Referent für Schülerseelsorge, Fulda
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„Na, wo hat sich denn bloß Matthäus versteckt?“ Diese Frage stelle ich laut in den Raum hinein und beginne zu suchen. Ich spiele mit meinem einjährigen Sohn verstecken. Er sitzt vor mir im Kinderstuhl, aus dem er alleine nicht rauskommt. Über seinem Kopf hat er ein Geschirrtuch und meint, er sei nun unsichtbar. Klar weiß ich, wo er ist, aber ich spiele mit, weil ich ihn nicht enttäuschen will. Ich suche nun intensiv weiter und rufe laut: „Ist er vielleicht unter dem Tisch. Nein. Vielleicht da, hinter der Tür. Auch nicht.“ Ich höre sein leises Kichern, stelle mich in gespielter Ahnungslosigkeit vor den Tisch und sage: „Vielleicht ist er ja hier?“ Dabei hebe ich ganz langsam sein Geschirrtuch hoch. Ein lautes Kinderlachen schallt durch die Küche, ich blicke in ein fröhliches Gesicht und in wunderschöne braune Augen. Einen Augenblick später ruft er „Verstecken“. Er fordert eine Neuauflage des Spiels. Dazu nimmt er wieder sein Geschirrtuch, legt es auf seinen Kopf und fertig. Er hat sich versteckt. Die nächste Suchaktion kann beginnen.

Ich kann mich an viele dieser Versteckspiel-Runden erinnern. Bei Matthäus ist das eher anders: Er kennt diese Art des Spiels nur aus Erzählungen, denn er ist mittlerweile zehn Jahre alt. Was mich in meiner Erinnerung daran noch immer fasziniert, ist die Freude und Ausdauer, die er bei diesem Verstecken hatte. Er verhüllte sich selbst und dachte: wenn ich nicht zu sehen bin, sieht mich auch kein anderer. Und doch wusste er, dass es um mehr ging als nur verhüllen und verstecken. Er liebte es, wie ich suchend durch die Küche irrte und er die Spannung aushalten musste, bald gefunden zu werden. Mir jedenfalls ist diese Szene aus seiner Kindheit deshalb so präsent, weil er so herzlich gelacht hat. Seine Freude und dieser begeisterte Blick unter dem Tuch hervor sind einfach unvergesslich.

Um ein Verhüllen ganz anderer Art geht es am heutigen Sonntag in katholischen Kirchen. Da bedecken Gemeindemitglieder die Kreuze im Altarraum mit einem violettem Tuch.  In manchen Pfarreien hängen von diesem Sonntag an auch große Tücher vor dem gesamten Hauptaltar. Auf diesen Tüchern befindet sich dann ein Bildmotiv, das Gläubige und Besucher zum Betrachten und Nachdenken einlädt. Was hat diese Form der Verhüllung für eine Bedeutung? Und was kann mir das heute sagen?

 

Die Tradition, Kreuze zu verhüllen, ist schon alt. Wann dieser Brauch beginnt, ist unklar. Historiker wissen aber, dass Kreuze schon im frühen Mittelalter mit einem violetten Tuch verhüllt werden. In der kirchlichen Symbolsprache steht die Farbe Violett dabei für die Fastenzeit. Das ist jene 40-tägige Besinnungszeit auf Osten, in der sich die Christen seit Aschermittwoch auch gerade eben befinden. Vom heutigen Sonntag an sind es nur noch zwei Wochen bis zum Osterfest. Das Verhüllen der Kreuze macht diese letzte Etappe der Vorbereitungszeit optisch sichtbar. Das Verhüllen will dabei einen besonderen Akzent auf das verhüllte Objekt legen: Im Mittelpunkt steht bis zum Karfreitag das Kreuz.

Historisch geht es am Anfang darum, Edelsteine und Schmuck zu verstecken, die auf Triumphkreuzen angebracht sind. Es handelt sich zunächst also um einen Akzent der Armut. Später entwickelt sich daraus dann eine Konzentration auf den Glauben allgemein. So werden nach und nach alle Kreuze, dann Heiligenfiguren und schließlich auch Bilder unter einem violetten Schleier verborgen. Mit dem Messbuch von 1570 wird all das für den 5. Fastensonntag sogar zur Pflicht. Vor rund 60 Jahren hebt das Zweite Vatikanische Konzil diese Pflicht wieder auf. Es räumt stattdessen das Verhüllen der Kreuze als eine Möglichkeit ein. Vielerorts ist dieser Brauch bis heute erhalten.

Zum Karfreitag werden dann die Kreuze im Gottesdienst wieder feierlich enthüllt. Bis spätestens zur Osternacht sind dann auch die großen Tücher verschwunden, die manchmal einen gesamten Altarraum verbergen können.

Zwei Dinge nehme ich aus diesem Brauch für mich mit: Zum ersten ist da einen Appel zur Armut. Den greift auch ein bischöfliches Hilfswerk, nämlich Misereor, auf. Es bringt jedes Jahr ein Fastentuch von einem Künstler der Gegenwart heraus. Das Motiv macht auf Menschen aufmerksam, die nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich am Hungertuch nagen. Dieses Wort „am Hungertuch nagen“, kommt auch vom mittelalterlichen Brauch mit dem Verhüllen der Kreuze. Denn in einigen Regionen wurde der gesamte Altarraum mit einem großen Tuch vom Rest der Kirche abgetrennt. Das Tuch nähte die Gemeinde selber. Später wurde aus dem Wort „am Hungertuch nähen“, dann „nagen“, wahrscheinlich weil die Gläubigen fasteten und auch den Gottesdienst nur akustisch, nicht optisch mitverfolgen konnten. Denn hinter diesem großen Tuch verborgen feierte der Priester bis zum Osterfest den Gottesdienst.

Interessant finde ich, dass die deutsche Sprache mit diesem Sprichwort einen direkten Bezug zum Verhüllen der Kreuze und damit zu diesem Sonntag kennt. Menschen, die am Hungertuch nagen, also arm sind und um ihren Lebensunterhalt kämpfen, stehen oft im Abseits. Solche Menschen nicht zu vergessen, daran erinnert mich der heutige Sonntag mit den Tüchern.

 

Neben einem Appell für die Armen betont ein verhülltes Kreuz für mich auch Jesus und seinen Tod am Kreuz. Das ist das zweite, das ich aus diesem Brauch mitnehme. Beim Thema Verhüllen und Jesus Christus denke ich dabei sofort an den Künstler Christo. Der Zusammenhang stimmt nicht, da sich kein Beleg findet, dass der 83-jährige Künstler überhaupt an Jesus glaubt. Der Name Christo ist tatsächlich einfach nur sein Vorname.

Christos Verhüllungskunst hilft mir im Folgenden aber weiter. Dazu brauche ich sein Projekt, das ihn hierzulande bekannt macht. 1995 verhüllt Christo das Berliner Reichstagsgebäude mit silberfarbenen Stoffbahnen. Die Planungen für das beginnen bereits in den 70er Jahren, doch erst 1995 klappt es mit dem künstlerischen Großprojekt. Persönlich bin ich froh, dass es da erst klappte, denn ich finde – das war der passendste Moment. Warum? Das Reichstagsgebäude war für mich bis dahin negativ besetzt: Es stand für mich für das Kaiserreich, die Wirren der Weimarer Republik, für den Nationalsozialismus, wo das Gebäude brannte, und für die deutsch-deutsche Teilung. Denn schließlich verlief die Berliner Mauer direkt hinter dem Gebäude. Erst als diese ganze Last von Monarchie und zwei Diktaturen zu Ende ist, zieht der Künstler Christo die weltweite Aufmerksamkeit nach Berlin. Er fesselt die Blicke von fünf Millionen Besuchern in wenigen Wochen, indem er den Reichstag verhüllt. Aber nicht nur das: Mit seiner Verhüllungskunst schafft Christo für mich ein Bild für den später folgenden historischen Neuanfang des Gebäudes im wiedervereinigten Deutschland. Seine Verhüllung hilft mir, Altes und Negatives zurückzulassen und eine neue Perspektive auf den Reichstag einzunehmen. Als die silbernen Hüllen wieder fallen, ist für mich auch die historische Last des Gebäudes abgelegt.

Das Verhüllen, egal ob von Kreuzen oder ganzen Gebäuden, schafft also neue Perspektiven. Ganze Wirtschaftszweige haben sich diese Erkenntnisse zu Nutze gemacht. So verhüllen manche Autohäuser ihre neuen Modelle mit einem dünnen Stofftuch, nur damit spannende neue Perspektiven entstehen. Beim Reichstagsgebäude passiert das dann ja auch: Nach dem Kunstprojekt von Christo wird der Bau saniert und 1999 vom Bundestag bezogen. Es wird deutlich: Verhüllen hilft, altes zurück zu lassen und neue Perspektiven zu eröffnen.

Diese neuen Perspektiven hinter verhüllendem Stoff will ich in den nächsten zwei Wochen auch im Glauben entdecken. Ich will aus dem Gewohnheitstrott aussteigen, mehr mit der Familie unternehmen und so einfach aufmerksam für Menschen sein. Denn in jedem von ihnen ist auch Jesus verborgen zu finden. Dann ist da auch noch das persönliche Gebet, wo ich neue Perspektiven suche. Was mein Kreuz daheim an der Wand anbelangt: Das werde ich ebenfalls verhüllen.

Auf jeden Fall soll diese Zeit voll froher Erwartung sein. Denn, wenn die Kreuze wieder enthüllt werden, stelle ich mir das wie bei meinem Sohn Matthäus vor. Bei seiner Art sich beim Versteckenspielen zu verhüllen, offenbarte er beim Enthüllen sein herzliches Lachen und seine süßen Augen. Und Offenbaren ist hier eine großartige Vokabel. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet sie nämlich enthüllen. Beim Enthüllen der Kreuze zu Ostern offenbart sich dahinter auf den ersten Blick oft ein leidender Jesus. In meinen Herzen stelle ich mir dann aber den Blick von Gott so vor, wie bei meinem Matthäus: Da lächelt Gott mich voll fröhlich lachender Liebe, voller Leben, Kraft und Freude an. Wenn das mal nicht ein schöner Blick auf Ostern hin ist.

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