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Mose will die Herrlichkeit Gottes schauen

Mose will die Herrlichkeit Gottes schauen

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Ein Freund von mir muss in seinem Beruf viele Menschen treffen, auch international. Trotz Skype, Email und Telefon muss er dauernd für Konferenzen in der Weltgeschichte rumfliegen. Dort kann er persönlich mit Kollegen und Konkurrenten reden. Oft viele tausend Kilometer ist er unterwegs, zum Beispiel letztes Wochenende: von Kuala Lumpur über Dubai und Frankfurt nach Boston. Das ist schon irre. Aber wenn er von Angesicht zu Angesicht mit jemandem spricht, bekommt er viel mehr mit: Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Stimmungen, Zwischentöne.

Mir geht das genauso: Ich brauche den persönlichen Kontakt, um Vertrauen zu fassen. Sicher bin ich mir trotzdem nie ganz. Zwischen Menschen gibt es eine letzte Unsicherheit, die man nicht wegbekommt. Die Gefahr, dass ich falsch verstehe oder falsch verstanden werde, ist immer mit dabei. Aber immerhin: Sie ist geringer, wenn ich jemanden persönlich begegne. Der Wunsch, des Anderen ganz sicher zu sein, der steckt ganz tief in uns drin. Zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Gott.

Eine Geschichte aus der Bibel erzählt davon. Mose befreit mit großer Mühe im Auftrag Gottes das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten. Aber der Weg in die Freiheit ist mühevoll. Das Volk jammert und ist unzufrieden. Unterwegs kommen sie an den Berg Sinai. Dort empfängt Mose die Gesetzestafeln mit den zehn Geboten. Aber das Volk will einen handfesten Gott haben. Einen, den man auch sehen und berühren kann. So gießen sie ein Kalb aus Gold und beten es an. Mose sieht das und ärgert sich über sein Volk. Er dreht um, steigt wieder auf den Berg und bittet den unfassbaren und unsichtbaren Gott um Gnade für seine Leute.

Ich vermute: Irgendwie hatte Mose auch Verständnis für sie. Einem Gott zu vertrauen, ohne ihn gesehen zu haben, das ist viel verlangt. Ihm geht es nämlich ganz ähnlich. Auch Mose will Gott sehen. Der Unterschied ist: Er bittet Gott darum und macht sich nicht selbst ein Bild. Gott antwortet und sagt „nein“: Niemand kann mein Angesicht sehen! (Ex 33,20)

Aber ein Zugeständnis macht Gott dann Mose doch: Mose darf Gott sehen, wenn Gott an ihm vorübergezogen ist. So sieht Mose Gott von hinten. Aber eben nur von hinten. Die biblische Geschichte ist ursprünglich in Hebräisch aufgeschrieben. In dieser Sprache gibt es eine Besonderheit: Angesicht und Rücken – vorne und hinten – können auch zeitlich verstanden werden, also vorher und nachher. Das heißt: Man kann Gott sehen, nur nicht direkt. Gott gibt sich zu erkennen, aber erst im Nachhinein.

Mose erkennt Gott an den Spuren, die er hinterlässt. Die Spuren Gottes sind überall in der Natur zu erkennen, aber besonders sind sie den Menschen eingeprägt. Die Spuren, die Gott in meinem Leben hinterlässt, die können andere sehen. Deswegen ist es so wichtig, dass Menschen sich von Angesicht zu Angesicht begegnen. Manchmal muss man dafür dann eben tausende von Kilometer reisen.

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