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Was wird kommen? Leben mit der Ungewissheit
Gerd Altmann/Pixabay

Was wird kommen? Leben mit der Ungewissheit

Dr. Annegreth Schilling
Ein Beitrag von

Dr. Annegreth Schilling,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Eigentlich hatten wir für den Herbst ein großes Familientreffen geplant. Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins und dazu eine große Kinderschar – zusammen sind wir über 30 Leute. In diesem Jahr wird das wohl nicht gehen. Wir wissen es noch nicht, gehen aber davon aus, dass wir noch eine Weile bis zum nächsten Wiedersehen warten müssen.

Mit Ungewissheiten leben

Mit dieser Ungewissheit leben wir alle derzeit. Aufgrund der Corona-Pandemie müssen wir „auf Sicht fahren“. Das gilt für ein Familientreffen genauso wie für Großveranstaltungen: Wir wissen einfach nicht, wie sich die Situation weiterentwickelt, und können daher keine klaren Aussagen machen, ob und wann wieder echte Treffen in größerer Runde möglich sein werden.

Wann kann die Konfirmation stattfinden?

Für mich ist das eine große Herausforderung! Denn ich liebe es zu planen. Als Pfarrerin betrifft mich das vor allem bei der Vorbereitung für Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen. Die Konfirmation, die eigentlich im Mai hätte stattfinden sollen, haben wir auf Ende September verschoben. Aber ob wir die Jugendlichen dann wirklich konfirmieren können? Das steht noch in den Sternen.

Viele Menschen fragen sich jetzt, wie es weitergeht: Können wir in den Sommerurlaub fahren? Und werden unsere Kinder nach den Sommerferien wieder regelmäßig in den Kindergarten und in die Schule gehen können?

Wie kann man diese Ungewissheit aushalten?

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach: Wir wissen es nicht. Wir haben das nicht in der Hand. Doch so richtig diese Antwort ist: Mich macht die Ungewissheit zuweilen verrückt. Nicht zu wissen, was morgen ist. Oder in drei Wochen. Oder nach den Sommerferien. Wie können wir mit dieser Ungewissheit leben?

Mit den Ungewissheiten des Alltags leben. Ja, das gab es schon immer: Wir können nicht in die Zukunft sehen. Zwar gibt es Trends und Prognosen. Es gibt sogar eine Wissenschaft, die sich mit der Frage beschäftigt, wie die Welt von morgen aussieht. Das ist die Futurologie. Da komme ich schon beim Sprechen schnell ins Stolpern. Aber so ist das eben mit der Zukunft: holprig. Wie es genau ist, können wir erst sagen, wenn wir es erlebt haben. Das gilt für die Anzahl an Neuinfektionen ebenso wie für andere Hochrechnungen.

Wie ein verschwommener Spiegel

In der Bibel gibt es ein Bild, das mich besonders anspricht, wenn es darum geht, dass wir nicht in die Zukunft schauen können und von daher nicht in der Hand haben, wie sich unser Leben entwickelt. Und diese Bibelstelle stammt von Paulus. Der schreibt:
„Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir von Angesicht zu Angesicht schauen.“ (1. Korinther 13,12)

Ich finde, dieses Bild beschreibt gut, wie es uns in dieser Corona-Zeit geht: Wir sehen alles nur wie einem verschwommenen Spiegel. Etwa so, wie wenn ich morgens nach dem Duschen in den Spiegel schaue und der vom Dampf beschlagen ist. Dann sehe ich nur Umrisse. Ich muss – für jetzt – mit diesem verschwommenen, mit diesem nebligen Bild leben. Nicht für immer, aber fürs Erste.

Mich erinnert das an die Situation rund um meine erste Schwangerschaft. Da gab es so viele offene Fragen: Im Vorfeld wussten wir nicht, ob wir überhaupt Kinder kriegen können. Dann hat es geklappt, und neue Fragen tauchten auf: Welche Vorsorgetests lassen wir machen? Und wie werde ich die Geburt durchstehen?

Während der Schwangerschaft wurde mir sehr deutlich: Ich muss mit dieser Ungewissheit leben, die auf mich und meinen Mann zukommt. Ich muss aushalten, dass da etwas Neues kommt, von dem ich nicht weiß, wie es sein wird. Schön war es, das Kind im Bauch zu spüren, wie es strampelt und sich bewegt. Aber wenn ich auf das Ultraschallbild geschaut habe, dann war es für mich, als würde ich in einen verschwommenen Spiegel blicken. Und ich wusste: Erst mit der Geburt wird dieses Bild klar werden. Erst dann werde ich meinem Kind in die Augen sehen können. Von Angesicht zu Angesicht – wie Paulus das in der Bibel schreibt. Aber die Unsicherheit, nicht zu wissen, was kommt, war in manchen Momenten aufreibend und hat mich manche Nacht um den Schlaf gebracht. Was hat mir in dieser Zeit Kraft gegeben, diese Ungewissheit auszuhalten?

Vorfreude auf das Danach

Es ist schwer, mit einem unklaren, verschwommenen Bild von der Zukunft zurechtzukommen. Als Mutter von drei Kindern war für mich die ungewisse Situation ein paar Wochen vor der Geburt jedes Mal herausfordernd. Da kreisten viele Fragen in meinem Kopf, und ich war unsicher. Ich erlebe das zurzeit ähnlich: Viele Menschen – und auch ich - machen sich Sorgen: Wann endet diese Pandemie endlich und werden wir heil aus der Krise kommen? Mir hilft, mich daran zu erinnern, dass es auch schon in früheren Zeiten Situationen gegeben hat, in denen ich nicht wusste, was auf mich zukommt. Als Schwangere hat mir geholfen zu wissen: Ich lebe nicht allein in dieser Ungewissheit. Mein Partner ist bei mir. Meine Familie unterstützt mich, Freundinnen rufen an. Da gibt es viele Hände, die mich tragen. Ich gehe nicht allein durch diese Zeit.

Und dann hat mich natürlich die Vorfreude auf das Danach beflügelt. Ich habe mir vorgestellt, wie das sein wird, wenn ich bald ein kleines Kind in den Händen halten darf. Dass ich dabei sein kann, wenn es beginnt zu lächeln. Dass ich mein Kind begleiten kann, wenn es laufen lernt.

"Wir gehen hier zusammen durch"

Auch in der jetzigen Ausnahmesituation ist mir der Gedanke wichtig: Wir gehen hier zusammen durch. Ich lebe nicht allein in dieser Ungewissheit, sondern alle anderen auch. Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ich beobachte, wie unterschiedlich Menschen mit der Angst vor einer Ansteckung umgehen: Die einen belächeln die strikten Hygienevorschriften und knüpfen bedenkenlos an ihr Leben vor Corona an, während andere sich nicht einmal vors Haus trauen und in Einsamkeit versinken. Wir gehen hier zusammen durch. Mich bestärkt das darin, Solidarität im Alltag zu praktizieren. Das Wir vor das Ich stellen und nicht zulassen, dass der Umgang mit dem Virus unser Zusammenleben spaltet. Das Wir vor das Ich stellen:  Das bedeutet für mich zum Beispiel: Aus Rücksicht auf andere lieber einmal mehr die Maske aufzusetzen oder den Kochabend im Freundeskreis doch noch mal ein paar Wochen zu verschieben.

Und außerdem: Es gibt schon jetzt Dinge, die mich fröhlich machen. Die Hoffnung auf das Danach strahlt schon jetzt aus. Ich bin mir ganz sicher: Wir werden uns wieder unverhüllt und ohne Masken von Angesicht zu Angesicht sehen können. Wir werden uns wieder umarmen können. Wir werden wieder Konfirmationen, Hochzeiten und Familienfeste angstfrei feiern können. Und diejenigen, die zu weit weg wohnen, um anzureisen, die schalten sich dann per Video zu. Denn das haben wir ja gerade gelernt, dass das sehr gut funktioniert.

Positives aus der Zeit der Ungewissheit mitnehmen in das Leben danach

Das ist mein Traum: Wir nehmen auch Positives aus der Zeit der Ungewissheit mit in das Leben danach. Die gute Nachbarschaft, die bei vielen entstanden ist, Videokonferenzen mit Freunden an anderen Orten, Online-Gottesdienste für Menschen, die nicht aus dem Haus kommen. Das sind für mich Zeichen der Hoffnung, die aus der Ungewissheit herausführen.

Natürlich ist da noch genügend, was verschwommen und rätselhaft bleibt. So wie Paulus in der Bibel schreibt: „Wir sehen jetzt alles wie in einem verschwommenen Spiegel.“ Als Christin glaube ich: Dieser verschwommene Spiegel wird nicht für immer neblig sein. Ich vertraue darauf, dass Gott uns durch die ungewisse Zeit begleitet. In mancher Nacht, wenn mich die Sorgen überrumpeln, dann hilft mir ein Stoßgebet: Gott, ich sehe gerade alles nur wie in einem trüben Spiegel. Ich weiß nicht, was kommt. Hilf mir beim nächsten Schritt.

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