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Mit Popsongs auf Sinnsuche: Adele - Turning Tables

Mit Popsongs auf Sinnsuche: Adele - Turning Tables

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Die Welt verändert sich schnell. Da wünschen sich viele einen Gegenpol. Etwas Festes, das einfach da ist und immer gleich bleibt. Kann das der Partner sein – oder die Partnerin? Die gemeinsame Liebe als ein Fels in der Brandung? Ich bin da skeptisch, denn die beiden Liebenden verändern sich im Lauf der Jahre – und ihre Beziehung auch. Dazu gehören Meinungsverschiedenheiten. Und manchmal sogar ernsthafte Krisen, die die ganze Beziehung in Frage stellen. Wenn das passiert, tun die gemeinsamen Gespräche nicht mehr gut, sondern weh. Argumente werden zu Attacken. Diese Situation kennen viele.

Auch die englische Sängerin Adele. Über die Höhen und Tiefen ihrer Liebesbeziehung hat sie etliche Songs geschrieben. Sehr erfolgreich. Denn sie findet dafür nicht nur die passenden Worte, sondern sie bringt das Gefühls-Chaos auch mit ihrer großartigen Stimme gut zum Klingen. Ein Song von ihr heißt „Turning Tables“ – wechselnde Standpunkte. Er beschreibt ihre Beziehung als Ringkampf, bei dem sich der Gegner nicht packen lässt. Er entwindet sich mit immer neuen Argumenten. Mit immer neuen Angriffen will er sie klein machen.

Musik: Ausschnitt von Adele, „Turning Tables“

"Nah genug, um einen Krieg zu beginnen. Alles, was ich habe, liegt am Boden. Gott allein weiß, wofür wir kämpfen. Egal was ich sage, du sagst immer mehr. Ich komme mit deinen ständig wechselnden Standpunkten nicht zurecht. Unter deinem Daumen kann ich nicht atmen."

Adele singt vielen aus der Seele. Die 27-Jährige steht seit fünf Jahren in den internationalen Hitparaden ganz oben und bricht einen Rekord nach dem anderen. Adeles Lieder stecken voller Energie und intensiver Gefühle. Ganz stark singt sie von ihren Schwächen. Sie will sich nicht unterkriegen lassen, will etwas verändern, will es besser machen.

Der Song „Turning Tables“ beschreibt einen zermürbenden Nahkampf. Geführt von zwei Leuten, die einander doch eigentlich lieben. Adele trägt darin bruchstückhafte Gedanken zusammen, die vielen vertraut sind: „Er ist einfach nicht der Richtige für mich! Oder ich nicht die Richtige für ihn? Ich will die Trennung, aber ich will nicht schuld daran sein! Er soll den ersten Schritt tun. Aber schaffe ich das Alleinsein?

Musik: Ausschnitt von Adele, „Turning Tables“

"Also lasse ich dich nicht nah genug heran, um mich zu verletzen. Nein, ich werde dich nicht fragen, dich, mich einfach zu verlassen. Ich kann dir nicht geben, was du denkst, was du mir gabst. Es ist Zeit, den ständigen Wechseln auf Wiedersehen zu sagen."

Spätestens wenn man es nicht mehr aushält, ist es Zeit etwas zu tun. Wenn es aber so schlimm steht: Was lässt sich dann noch verändern? Zunächst einmal: Nur sich selbst. Eine Beziehung kann man in der Regel nicht verbessern, indem man dem Partner sagt, was er alles anders machen soll. Das Einzige, was man verändern kann, ist man selbst.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man dem anderen immer nachgeben muss. Es geht vielmehr darum, die Situation zu verändern, indem man sich selbst anders verhält: Raus aus den Teufelskreisen endloser Debatten. Raus aus dem eigenen Standpunkt, der doch immer nur dasselbe erwartet und dann auch bekommt. Wenn man das schafft, dann kann es passieren, dass sich auch der Partner verändert. Das hat Adele verstanden. Beim nächsten Mal will sie es besser machen.

Musik: Ausschnitt von „Turning Tables“

„Das nächste Mal werde ich mutiger sein. Ich werde mein eigener Erlöser sein, wenn der Donner nach mir ruft. Das nächste Mal werde ich mutiger sein. Ich werde mein eigener Erlöser sein und auf meinen eigenen Füßen stehen.“

Adele meint es sehr ernst. Wie ernst, das zeigt ihre Wortwahl. Erlöser und Retter will sie für sich sein – im Englischen: Savior und Redeemer. Diese Begriffe stehen in der christlichen Sprache für Jesus Christus, den Sohn Gottes. Geboren, um die Welt umfassend zu verändern. Geboren, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. In diesen religiösen Horizont stellt sich Adele mit ihrem Song.

Offenbar hat sie gemerkt, dass sie von ihrem Partner zu viel erwartet hat. Er sollte ihr Erlöser und Retter sein. Damit steht Adele nicht alleine. Viele empfinden ihre Beziehung als zentralen Lebensinhalt. Ihr Partner soll all das bieten, woran es sonst im Leben mangelt: Sinn und Erfüllung. Aber das ist eine glatte Überforderung. Nun zieht Adele die Konsequenzen. Retter und Erlöser – das soll künftig nicht mehr der Partner sein, sondern sie selbst. Auch damit steht Adele nicht alleine, denn das wollen viele.

Es ist geradezu ein Grundbaustein des modernen Lebensgefühls. Man will dem eigenen Leben aus sich selbst heraus einen Sinn geben. Ich fürchte: Das ist auch eine Überforderung. Klar, jeder sollte sich für sich selbst verantwortlich fühlen, und jeder muss sein Leben aktiv gestalten. Doch dabei stößt man irgendwann an seine Grenzen. Aus eigener Kraft kann man nicht sicherstellen, dass das Leben gelingt. Nicht einmal, dass eine Beziehung gelingt. Für eine Weile mag das so scheinen oder – mit etwas Glück – sogar gelingen.

Aber es wird auch andere Zeiten geben. Spätestens dann wird klar, dass man im Leben nicht alles selbst machen kann. Manches gelingt nur, weil es einem geschenkt wird – und wenn es einem geschenkt wird. So kann zum Beispiel niemand die Liebe erzeugen. Sie ereignet sich – oder nicht. Woher sie kommt, ist ein Geheimnis. Das Leben hat eine Tiefendimension, die rätselhaft bleibt. Ihr kann man sich nur als Nehmender nähern. Diese rätselhafte Tiefendimension nennen religiöse Menschen Gott. Und die Liebe ist ein Teil davon. Deshalb sagt die Bibel. Gott ist die Liebe. An diese Tiefendimension wagt sich die Sängerin Adele heran. Gleich am Anfang ihres Songs „Turning Tables“ klagt sie: „Alles, was ich habe, liegt am Boden. Gott alleine weiß, wofür wir kämpfen.“

Musik: Adele, „Turning Tables“

Adele rechnet mit Gott, aber sie bringt ihn nicht mit der Liebe in Verbindung. Eher erlebt sie ihn als eine unbestimmte Macht, die mehr weiß als sie, aber nichts tut. So empfinden es viele. Verständlich – im Angesicht von Gewalt und Elend auf der Welt. Wo ist Gottes starker Arm, der die Welt verändert? Wo ist Gottes sanfte Hand, die den Liebesschmerz heilt?

Diese zwei Fragen gehen allerdings von zwei falschen Voraussetzungen aus. Die erste falsche Voraussetzung ist, dass das Leben nur gelingt und richtig ist, wenn alles reibungslos verläuft. Denn das stimmt nicht und davon kann gerade Adele ein Lied singen. Ist sie doch ausgerechnet mit den Songs besonders stark und erfolgreich, die von den Schmerzen ihrer Liebe handeln!

Die zweite falsche Voraussetzung ist, dass Gott ein Reparaturbetrieb für emotionale oder soziale Schadensfälle wäre. Richtig ist: Gottes Liebe kann überall stark sein und stark machen: Wenn ich krank bin oder gesund, arm oder reich. Gottes Nähe kann ich sowohl in den Höhen als auch in den Tiefen des Lebens erfahren. Seine Liebe ist mir sicher. Sie ist vermutlich der einzige Ruhepunkt, den ich im Leben wirklich finden kann. Alles andere verändert sich. Ich brauche mich also weder selbst zu retten noch zu erlösen, denn ich bin bereits gerettet und erlöst. Das hat Gott in Jesus Christus für mich bereits getan. Er entlastet mich von der Angst um meine Existenz. Das tut gut. Es erspart mir allerdings nicht die Aufgabe, mich um mein Leben zu kümmern. Doch es kann dabei helfen. Denn: Wenn man sich von Gott geliebt und getragen weiß, fällt es einem leichter, sich zu verändern.

Leider hat Adele das offenbar noch nicht erlebt. Sie hatte alles von ihrer Beziehung erwartet und ihren Partner damit überfordert. Aber in einer Beziehung kann man sich nicht verkriechen. Groß und stark werden muss man trotzdem. Das, so bekennt Adele in ihrem Song, hat sie nun verstanden. Beim nächsten Mal will sie mutiger sein und fest auf ihren eigenen Füssen stehen. Gut so!

Beim nächsten Mann wird also alles anders?! Vorsicht: So einfach ist das nicht. Man ändert sich nicht automatisch durch einen neuen Partner. Denn in die nächste Beziehung nimmt man sich selbst immer mit. Und dort erlebt man dann oft dasselbe wie in der vorherigen Beziehung. Von alleine bleibt eben doch vieles bei Alten. Auch das, was man eigentlich verändern wollte. Sich zu verändern ist schwer, sogar dann, wenn man das wirklich will. Zu verlockend und vertraut sind die alten Gewohnheiten, selbst wenn sie wehtun.

Adele scheint es jedoch geschafft zu haben. Übrigens nicht mit einem anderen Mann, sondern mit demselben. Inzwischen haben sich die beiden zusammengerauft. Sogar ein Kind haben sie zusammen bekommen. Und das dürfte ihr Leben dann noch einmal erheblich verändert haben.

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