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Mit einem Lächeln: Beethoven
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Mit einem Lächeln: Beethoven

Alexander Matschak
Ein Beitrag von

Alexander Matschak,

Medienkoordinator des Bistums Mainz
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Letztens habe ich sie dann doch weggeschmissen. Meine letzten Kassetten. Sie waren verstaubt, die alten Magnetbänder teilweise gerissen, die kleinen Booklets vergilbt. Und wenn ich sie doch noch einmal in einen Kassettenrekorder gelegt habe: Dann sind aus den Lautsprechern nur noch ziemlich verzerrte Geräusche gekommen. Mit dabei waren auch die Kassetten, die ich als Kind rauf und runter gehört habe: Lebensgeschichten von Komponisten wie Mozart oder Schubert, erzählt von dem Schauspieler Karl-Heinz Böhm. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Erzählungen heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen standhalten würden. Aber ich habe sie geliebt, diese Sammlungen biografischer Anekdoten, garniert mit einem musikalischen Best-of. Ich habe fast alle Kassetten aus dieser Reihe besessen.

Mit dabei: Eine Kassette über Ludwig van Beethoven. Die Erzählung über sein Leben hat dabei die Klischees über seine Persönlichkeit bedient, die es landauf und landab über diesen Komponisten so gibt. Ein ernster Mann, von seiner Taubheit gebeutelt. Und so sind ja auch die meisten bildlichen Darstellungen Beethovens: Meist blickt er einen ziemlich ernst, ja fast missmutig aus Bildern und von Denkmälern herab an. Sehr originell findeich deswegen eine Kunstaktion in Bonn, die demnächst startet. In der Geburtsstadt des Komponisten bereitet man sich ja auf dessen 250. Geburtstag im kommenden Jahr vor. Deswegen werden von Mitte Mai bis Anfang Juni auf dem Bonner Münsterplatz rund 700 Beethoven-Skulpturen aufgestellt. Der Clou: Alle diese Skulpturen lächeln und haben die Hände lässig in die Hosentasche gesteckt.

Ein ganz anderer Beethoven blickt einen da plötzlich an. Ein lächelnder Beethoven. Das ist für mich ein ganz irritierendes Bild. Aber vielleicht entspricht es dem Menschen Beethoven viel mehr als dem Bild, was ich seit Kindheitstagen von ihm hatte. Denn er wird ja nicht sein Leben lang mit grimmiger Miene durch die Straßen gezogen sein und darauf gewartet haben, dass das Schicksal an die Pforte klopft. Nein, er wird ein Mensch gewesen sein, der mit seinen Freunden gelacht und gescherzt hat. Der wütend war, der geweint hat. Der also ein Mensch mit ganz vielen Facetten gewesen ist. Und das wird ja nicht zuletzt an seiner großartigen Musik deutlich.

Jemanden einmal ganz anders sehen. Ich bin darüber ins Nachdenken gekommen und habe mich gefragt: Was für Bilder habe ich eigentlich über Menschen in meinem persönlichen Umfeld im Kopf? Bei der Arbeit, im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Familie. Was für Urteile habe ich über sie so nach und nach entwickelt? In was für Schubladen habe ich sie eingeordnet? Ich finde: Es ist sicher kein Schaden, diese Schubladen ab und zu einmal durchzusortieren und Überkommenes wegzuschmeißen – so wie meine alten Kassetten. Und sich dann sein Gegenüber noch einmal ganz neu und ganz anders anzuschauen. Ich bin überzeugt: Da gibt es sicher überraschende Erkenntnisse. Wie bei einem lächelnden Beethoven.

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