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Lebst du schon oder shoppst du noch?
Bild: Peter Weidmann / Pfarrbriefservice.de

Lebst du schon oder shoppst du noch?

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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Wissen Sie, wie ich mir die Hölle vorstelle? Wie einen Adventssamstag im Kaufhaus einer großen Stadt: Gedränge, Menschen, die sich anrempeln, vordrängeln und so tun, als gäbe es morgen nichts mehr zu kaufen, dazu nervtötende Musik, Lautsprecherdurchsagen und überall grelle Farben und Glitzer.

Ich weiß, die Geschmäcker sind verschieden – aber ich finde diese Situation einfach nur furchtbar. Deshalb vermeide ich auch so gut es geht, mich meiner persönlichen Hölle auszusetzen. Wenn irgendwie möglich, nehme ich mir im November einen Tag frei und gehe in Ruhe einkaufen, was ich für die Festvorbereitungen und an Geschenken brauche. Falls ich dann was vergessen habe und doch noch mal los muss, dann hoffentlich nicht samstags.

Mir fällt da ein Werbespruch einer Möbelhauskette ein, den ich leicht verändere: Lebst du schon oder shoppst du noch? Vielleicht ist ein Adventssamstag der falsche Zeitpunkt, diese Frage zu stellen, vielleicht aber auch genau der richtige.

Die Werbung verspricht ja oft, dass wir glücklich werden, wenn wir etwas kaufe. Das ist ja auch der Sinn des Werbespruchs „Wohnst du noch oder lebst du schon“, dass ich mir nur die richtigen Einrichtungsgegenstände kaufen muss, damit es mir gut geht.

Daran muss ich denken, wenn ich die vielen Menschen in den Kaufhäusern sehe – und auch mich selbst beobachte, wie ich hektisch nach dem perfekten Geschenk für jemanden suche, der eigentlich alles hat und sich nichts wünscht.

Jesus hat einmal gesagt: „Ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben in Fülle haben“ (Joh 10,10) – ich denke nicht, dass er damit die Fülle an Dingen gemeint hat, die die meisten von uns so um uns herum haben. – Ich glaube, er hat eine Art von Erfülltsein gemeint, die ich nicht durch Einkäufe erreichen kann. Eine Zufriedenheit, die sich einstellt, wenn ich das tue, was mir entspricht, was mir gut tut.

Leben in Fülle ist für mich da, wo sich Menschen begegnen und wirklich auf einander achten. Wo ich jemandem etwas Gutes tun kann, weil ich weiß, was ihm gerade fehlt oder womit ich helfen kann. In meinem Alltag sind das oft Kleinigkeiten: ein nettes Wort oder auch mal ein schöner Blumenstrauß, der mir sagt: Ich will dir eine Freude machen! Dieses Wohlwollen, diese offene Freundlichkeit – das hat für mich etwas vom „Leben in Fülle“. Das hat ganz sicher nichts mit der Fülle in einem Kaufhaus im Advent zu tun.

Trotzdem gehe auch ich Weihnachtsgeschenke kaufen – weil ich meinen Lieben eine Freude machen will. Dabei ist mir aber bewusst: Meistens macht nicht das Geschenk an sich die Freude, sondern die Liebe mit der es ausgesucht wurde. Die Aufmerksamkeit für die Wünsche und Bedürfnisse des anderen sind das Entscheidende.

Geschenke sollen Freude machen, indem sie zeigen: Da hat jemand an mich gedacht. Ich glaube, wenn es mit Liebe ausgesucht ist, ist auch ein ganz scheußliches Paar Socken nah dran am Sinn des Schenkens. Denn es erinnert daran, dass Gott seinen Sohn auf die Welt geschickt hat, weil er die Menschen liebt und ihnen einen Weg zum Leben in Fülle zeigen will. Das ist letztlich der Zweck aller Geschenke: Hinweisen auf die Liebe, die in der Welt ist. Dabei kommt es weder auf den finanziellen Wert noch auf die spektakuläre Verpackung an. Ich werde also heute leben und nicht shoppen.

 

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