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Heute vor 30 Jahren

Heute vor 30 Jahren

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Pastoralreferentin im Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, Frankfurt
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Letzte Woche hatten die meisten von uns einen zusätzlichen freien Tag. Am Donnerstag, am 3. Oktober, war der Tag der Deutschen Einheit. Seit 1990 begehen wir ihn, 29 Jahre schon. In meiner Kindheit hatten wir in Hessen und den anderen westdeutschen Bundesländern am 17. Juni schulfrei. Und im Osten Deutschlands war der 7. Oktober staatlicher Feiertag, der sogenannte Tag der Republik: am 7. Oktober 1949, also genau vor 70 Jahren, wurde die DDR gegründet, die Deutsche Demokratische Republik. Und das wurde dann am Tag der Republik gefeiert, mit Militärparaden, einem großen Parteitag und staatlichen Demonstrationen.

Das war so bis zum 40. Jahrestag der Gründung im Jahr 1989, also heute vor genau 30 Jahren. An diesem Tag gingen neben den staatlich angeordneten Demonstrationen auch viele Menschen auf die Straße, die für Veränderung und Öffnung des Staates demonstrierten. Mit Polizeigewalt versuchte die Regierung, die Protestierenden zum Schweigen zu bringen. Heute wissen wir: Da war das Ende der DDR schon nahe. Beim großen Parteitag in Berlin war der damalige russische Präsident, Michail Gorbatschow zu Gast. Angeblich soll er bei dieser Gelegenheit gesagt haben: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dieser Satz wurde zwar oft zitiert, doch wahrscheinlich ist er genau so gar nicht gefallen. In einem Interview hat Gorbatschow damals gesagt: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Das klingt zwar weniger cool, aber auch differenzierter.

"Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Es gilt also, so sagt Gorbatschow, auf das Leben zu reagieren, auf das, was im Leben der Menschen dran ist, was notwendig ist und dem Leben dient. Und man könnte diesen klugen Satz auch heute immer wieder sagen, den Politikerinnen und Politikern, den Verantwortlichen in der Finanzwelt und Wirtschaft: Schaut, was jetzt dran ist, was dem Leben der Menschen dient! Reagiert auf das Leben. Klar, gibt es dann immer noch unterschiedliche Prioritäten, unterschiedliche Perspektiven. Aber vielleicht könnten wir uns darauf einigen, zu sagen: Ein menschenwürdiges Leben für alle ist wichtiger als der Profit von einigen wenigen. Schaut, was heute dran ist, damit das Leben heute und morgen gelingen kann.

Auch den Mächtigen in der Kirche dürfen wir das zurufen: Reagiert auf das Leben! Schaut, was heute dran ist. Kirchlich heißt das oft „die Zeichen der Zeit erkennen“ – und das bedeutet nicht, sich total irgendeinem Zeitgeist zu verschreiben, sondern anzuerkennen, dass auch die Kirche in jeder Zeit neue Aufgaben und Herausforderungen anzugehen hat. Weil die Welt sich verändert. Ja und ich finde, auch zu mir selbst kann ich das sagen: Reagier aufs Leben. Halte nicht an dem fest, was schon immer so war, nur weil du es schon kennst - und es bequem ist.

Schau, was jetzt möglich ist, auf was es jetzt und heute ankommt.

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