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Frau Gering hat eine neue Aufgabe
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Frau Gering hat eine neue Aufgabe

Andrea Seeger
Ein Beitrag von

Andrea Seeger,

Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Die Frau ist Anfang 60. Sie macht einen gepflegten Eindruck, oft trägt sie ein buntes Halstuch. Sie hat feste Termine – zumindest zwei Mal in der Woche. Dienstags und donnerstags zwischen 10 und 14 Uhr öffnet die Tafel in ihrem Stadtteil.

Schmale Rente, teure Miete

Nicht, dass sie sich freut, dort hingehen zu müssen. Nur bleibt ihr nichts Anderes übrig. Sie war Übersetzerin, selbstständig. Lange hat sie sich um ihre schwer kranke Mutter gekümmert, bis diese starb. Nun steht sie da mit einer schmalen Rente und einer teuren Miete. 

Auf dem Weg zur Tafel im Stadtteil

Heute ist Dienstag. Frau Gering, so nenne ich sie jetzt mal, zieht sich sorgfältig an und macht sich auf den Weg zur Tafel. Sie hofft, niemanden zu treffen, den sie kennt. Sie schämt sich.

Eine freundliche Begrüßung macht den Anfang

Aber der Tafelladen ist noch relativ leer. An der Theke begrüßt sie die Tafelmitarbeiterin, die immer so freundlich lächelt. "Guten Morgen, Frau Gering". Ihren Namen kennt sie von der Berechtigungskarte. Heute bleibt es nicht wie sonst bei der knappen Begrüßung. "Sie wohnen doch ein paar Straßen weiter, nicht wahr?" Frau Gering nickt. "Und Sie haben als Übersetzerin gearbeitet, oder?" Wieder nickt Frau Gering. 

Jemand braucht Hilfe von einer, die Hilfe braucht

Die Tafelmitarbeiterin setzt nach: "Mein Sohn möchte gerne in Frankreich studieren, er beherrscht die Sprache aber nicht so gut. Können Sie ihm vielleicht Nachhilfeunterricht geben?" Frau Gering verschlägt es die Sprache. Jemand bittet sie, die Bittstellerin, um Hilfe.

Die Letzten werden die Ersten sein

Sprachlos haben die Menschen auch oft auf Jesus reagiert, wenn er mal wieder die Verhältnisse auf den Kopf gestellt hat - wenn er sich zum Beispiel mit Leuten immer und immer wieder an einen Tisch setzte, die als wenig gesellschaftsfähig galten – mit Geldeintreibern, Huren und Menschen, die nichts hatten, außer dem, was sie am Leib trugen.

Wer gebraucht wird, richtet sich auf

Die Tafelmitarbeiterin setzt nach: "Das bezahle ich selbstverständlich." Frau Gering überhört diesen Satz. Denn sie ist gerade voll und ganz damit beschäftigt, innerlich zu prüfen, ob das Angebot wirklich ernst gemeint ist. Dann streckt sie sich, schaut die Mitarbeiterin an und sagt: "Ja, das mache ich gerne."

Zeit und Lust für was Neues

Frau Gering fühlt sich zum ersten Mal seit langer Zeit beschwingt. Sie läuft nach Hause und geht an ihr Bücherregal. Die französischen Lehrbücher stehen ganz unten. Sie muss sich einarbeiten, denkt sie. Aber das schafft sie schon. Zeit hat sie und Lust darauf auch. Was soll da schiefgehen?

 

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