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Die Zehn Gebote
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Die Zehn Gebote

Dr. Fabian Vogt
Ein Beitrag von

Dr. Fabian Vogt,

Evangelischer Pfarrer in der Öffentlichkeitsarbeit, Darmstadt
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„Du sollst nicht töten!“ - „Du sollst nicht ehebrechen!“ – „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ – „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen!“ – „Du sollst nicht stehlen! – „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden!“ …

Wenn man Menschen nach dem christlichen Glauben fragt, dann fallen vielen als erstes die Zehn Gebote ein, diese zehn „Richtlinien“, die Gott dem israelischen Propheten Mose laut der Bibel vor rund 3000 Jahren auf dem Berg Sinai übergeben hat. Auf zwei Steintafeln gemeißelt. Während der Berg rauchte. Und es donnerte und blitzte.

Seit diesem Tag auf dem Sinai fragen sich Glaubende und Zweifelnde: Was hat sich Gott bei diesen Zehn Geboten eigentlich gedacht? Sind sie so etwas wie eine grundlegende Ethik? Geht es Gott darum, Leitplanken für moralisches Handeln festzulegen? Ist das Befolgen der Zehn Gebote ein besonderes Erkennungsmerkmal der Frommen? Oder gilt tatsächlich: Nur wer die Zehn Gebote perfekt befolgt, kommt eines Tages in den Himmel?

Zumindest wurde das viele Jahrhunderte genauso vermittelt … leider. Das hörte sich dann meist so an: „Die Zehn Gebote sind der absolute Maßstab für ein gottgefälliges Leben. Also halte dich gefälligst daran! Denn wenn du’s nicht tust, dann schmorst du für alle Ewigkeit in der Hölle und wirst von fiesen Teufeln gequält.“

Die Frage ist nur: Hat Gott die Zehn Gebote wirklich verkündet, um Menschen Angst zu machen? Um ihnen mit erhobenem Zeigefinger Sitte und Anstand einzupeitschen und ihnen drakonische Strafen anzudrohen, falls sie sich nicht daran halten? Klingt nicht überzeugend. Vor allem klingt das nicht nach dem liebevollen Gott, von dem das Alte Testament erzählt und von dem Jesus so leidenschaftlich schwärmt.

Ja, wenn Gott tatsächlich ein Freund der Menschen ist, dann könnte es doch sein, dass es bei den Zehn Geboten gar nicht um Verbote, sondern um AnGebote für ein befreites Leben geht? Also quasi um eine kluge Gebrauchsanleitung fürs Leben. Das würde zumindest erklären, warum der Reformator Martin Luther voller Überzeugung behauptet: Die Zehn Gebote sind „der höchste Schatz, den Gott den Menschen gegeben hat“. Luther hat die Zehn Gebote zu einem Herzstück seines Katechismus gemacht, sie also zu den Dingen gezählt, die man unbedingt über den Glauben wissen sollte.

Lassen Sie uns den Zehn Geboten ein bisschen nachspüren. Denn diese 3000 Jahre alten Ideen tragen auch noch im 21. Jahrhundert eine ungeahnte Kraft in sich.

Wenn ein Mensch sich nur deshalb an bestimmte Regeln hält, weil er Angst hat, sonst bestraft zu werden, dann sind diese Regeln offensichtlich nicht besonders überzeugend. Nun, immerhin kann das Leute davon abhalten, ein Verbrechen zu begehen. Das Strafgesetzbuch funktioniert so. Noch besser ist aber: Jemand erkennt, wie sinnvoll bestimmte Handlungsvorgaben sind. Dann wird er sich nämlich gerne und freiwillig daran halten. Einfach, weil er spürt: „Wenn ich diesen Rat befolge, dann geht es mir gut.“

Ich meine, wenn wir unseren Kindern sagen: „Fass nicht auf die heiße Herdplatte!“, dann wollen wir ihnen damit ja keine Angst einjagen, sondern sie schützen. Genauso waren und sind auch die Zehn Gebote gedacht. Nicht als Drohkulisse, sondern als ermutigende Anregung: „So funktioniert das mit dem Leben.“ Es geht in den Zehn Geboten deshalb nicht darum, dass Gott seinem Volk mal schnell ein paar gute Manieren beibringen möchte. Es geht darum, den zuweilen orientierungslosen Menschen die wesentlichen Perspektiven eines funktionierenden Miteinanders nahezubringen.

Woher wir das wissen? Ganz einfach: Die Zehn Gebote stehen in der Bibel nicht einfach für sich. Sie sind Teil einer großen Geschichte. Und wer diese Geschichte kennt, der ahnt sofort, dass die Zehn Gebote zu einem umfassenden Befreiungsprozess gehören. Schauen wir uns das mal etwas genauer an.

Als Gott seinem Volk die Zehn Gebote übermittelt, sind die Israeliten erst wenige Wochen zuvor aus der Sklaverei in Ägypten geflohen. Der Pharao hatte sie jahrzehntelang gezwungen, unter übelsten Bedingungen Ziegel für seine Großbauten herzustellen. Das heißt: Eben noch waren diese Leute rechtlose, geknechtete Leibeigene. Jetzt ziehen sie plötzlich als befreite Menschen durchs Land. Was offensichtlich gar nicht so einfach ist.

Einige Israeliten sind von dieser Situation so heillos überfordert, dass sie sich ernsthaft zurück nach Ägypten in die Gefangenschaft wünschen. Da gab’s wenigstens regelmäßig was zu essen. Sie jammern und nörgeln, schimpfen und drohen. Und plötzlich wird klar, wo das Problem liegt: Bislang hat diesen Leuten noch niemand gesagt oder gezeigt, wie man Verantwortung für das eigene Leben übernimmt.

In dieser herausfordernden Zeit gibt Gott seinem Volk eine Art „Leitfaden“ an die Hand. Nämlich einen „Leitfaden für das Leben in Freiheit“. Nach dem Motto: „Liebe Leute, wenn ihr eure frisch erkämpfte Freiheit bewahren wollt, dann helfen euch die folgenden zehn Anregungen, auf dem richtigen Weg zu bleiben und euch nicht wieder ungewollt in neue Abhängigkeiten zu begeben.“

Übrigens steht diese Erklärung genauso in der Bibel, im 5. Buch Mose. Da heißt es: „Wenn dein Kind dich morgen fragt: ‚Was sind das eigentlich für Gebote, die Gott uns gegeben hat?‘, dann sag ihm: ‚Wir waren Knechte des Pharaos in Ägypten, und Gott hat uns mit mächtiger Hand aus der Sklaverei geführt. Und dann gab er uns die Gebote, damit es uns gut gehen soll.“

„Damit es uns gut gehen soll!“ Das ist der entscheidende Satz. Die Zehn Gebote wollen helfen, lebensfähig zu werden – sie sind Teil eines Befreiungserlebnisses und sie wurden formuliert, um die frisch gewonnene Freiheit der Israeliten dauerhaft zu ermöglichen … nicht, um ihre Freiheit in irgendeiner Form einzuschränken. Wer das weiß, der kommt auch nicht auf die Idee, bei den Zehn Geboten ginge es um disziplinierende Maßnahmen oder um einen Verhaltenskodex. Nein, die Zehn Gebote wollen zeigen, wie es Menschen gut geht. Wie eine Gemeinschaft gut zusammenleben kann.

Die Zehn Gebote gehören zur Geschichte vom Exodus, dem Auszug der biblischen Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten. Also zu einer Rahmenhandlung, die erzählt, was es bedeutet, von der Gefangenschaft in die Freiheit zu ziehen. Und dabei machen die Israeliten eine verblüffende Erfahrung: Freiheit ist sinnlos, wenn man nicht weiß, wo man hinwill. Es geht nicht nur darum, „frei von etwas“ zu sein, sondern vor allem, „frei zu etwas“ zu sein. Zu wissen, was man mit seiner Freiheit anfangen möchte.

Deshalb ist auch der so gerne kolportierte Satz „Freiheit heißt, von nichts und niemandem abhängig sein“ ziemlicher Quatsch. Jede und jeder von uns ist von anderen abhängig. Absolute Freiheit gibt es nicht. Weil jede Entscheidung andere ausschließt: Wenn ich mich entscheide, Kinder zu bekommen, dann schließe ich damit eine Menge anderer Freiheiten aus – zum Beispiel die, weiterhin jede Nacht durch die Kneipen zu ziehen. Oder: Wenn ich mich entscheide, jemanden zu heiraten, dann bedeutet das, dass ich für diesen Menschen und unsere Beziehung Verantwortung übernehme.

Wesentlich ist: Ich bin frei, meine Entscheidungen zu fällen. Aber mit jeder Entscheidung begrenze ich meine eigene Freiheit. Freiwillig. Zudem endet so manche meiner Freiheiten ohnehin an der Freiheit der anderen. Das bedeutet: Auch und gerade, wenn ich möglichst viel Freiheit haben will, gibt es selbstgewählte Bindungen … und Werte, die helfen, die Freiheit möglichst gut zu gestalten.

Und genau hier kommen die Zehn Gebote ins Spiel. Sie ermutigen, in einem Miteinander jeder und jedem einen möglichst hohen Grad an Freiheit zu gewähren. Und weil dem so ist, sind sie im Eigentlichen auch keine Gebote. Das Wort „Gebot“ kommt in den dazugehörigen Bibelstellen ohnehin nicht vor. Und sie sind auch keine Gesetze. Ein Gesetz funktioniert ja meist nach dem Wenn-Dann-Muster: Wenn du das machst, dann passiert das. Sowas gibt’s in der Bibel auch: „Wer einen Mann erschlägt, der soll getötet werden.“ Das ist ein Gesetz.

Mit dem Satz „Du sollst nicht töten!“ könnte aber kein Richter Recht sprechen. Das ist nämlich kein Gesetz, sondern eine Maxime, eine kluge Handlungsanweisung, eben wie bei „Fass nicht auf die heiße Herdplatte!“. Insofern geht es bei den Zehn Geboten eher um Haltungen als um Regeln. Ja, mehr noch: Sprachforscher sind sogar überzeugt, dass im hebräischen Urtext gar nicht „Du sollst …“ oder „Du sollst nicht …“ steht, sondern etwas viel Tiefgründigeres, das man etwa so übersetzen könnte: „Wenn du wirklich innerlich frei bist, dann wirst du niemanden töten.“

Ganz klar: Wer mit sich, mit Gott und mit der Welt im Reinen ist, hat überhaupt keinen Grund, andere zu belügen, zu betrügen oder zu missachten. Anders ausgedrückt: Wer die Dinge tut, die in den Zehn Geboten genannt werden, also lügt, stiehlt, das begehrt, was ein anderer hat, der zeigt vor allem, dass er den wahren inneren Frieden noch finden muss. Und plötzlich wird aus einem vermeintlichen Regelwerk eine echte Lebensschule.

In den Zehn Geboten geht es vor allem um Freiheit. Das zeigt schon das erste Gebot – obwohl es erstmal ganz anders klingt: „Ich bin der Gott, der dich aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. Du solltest neben mir keine anderen Götter haben.“

Gott stellt sich höflicherweise noch einmal vor und erinnert die Menschen daran, dass er sie aus der Gefangenschaft befreit hat. Und er macht das mit einer ganz individuellen Ansprache, nämlich einem „Du“: „Dich habe ich befreit. Und du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

Gott stellt also klar, wer er ist, dass er mit seinem Volk schon einiges erlebt hat, und unterbreitet jedem Menschen dann einen persönlichen Vorschlag: „Halte dich in Zukunft an mich – und nicht an irgendwelche anderen Gottheiten. Schließlich weißt du schon, dass ich ein Befreier bin.“ Wie bei einer Liebesbeziehung macht Gott den Menschen quasi einen Heiratsantrag: „Es ist deine Entscheidung, du bist frei, aber wenn du dich an mich bindest, dann sei bitte auch treu.“

Dahinter steckt eine Erkenntnis, die der Apostel Paulus später so formuliert: „Mir ist alles erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ Ein kluger Gedanke: Mensch, lebe so, dass dich nichts gefangen nimmt. Und Gott verspricht, dass eine Bindung an ihn der beste Schutz ist, um sich nicht an Dinge zu binden, die einen gefangen nehmen könnten. Martin Luther hat das später so formuliert: „Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott.“

Man könnte also auch sagen: Wir Menschen suchen immer Dinge, an die wir unser Herz hängen können. Die nehmen aber schnell die Rolle einer Gottheit ein, weil sie Macht über uns bekommen. Gottes Warnung vor anderen Gottheiten meint deshalb nicht nur andere Himmelsgestalten, sondere alle Kräfte, die uns gefangen nehmen wollen – das kann auch die Lust an der Macht, der Anerkennung oder dem Geld sein.

Das erste Gebot entpuppt sich also als freundliche Einladung, sich bewusst an den Gott der Befreiung zu halten – und dabei zu prüfen, ob sich das eigene Herz nicht insgeheim doch wieder an andere Dinge hängen möchte: „Ich, Gott, habe dich aus der Gefangenschaft geführt. Wenn du das erkennst, dann wirst du keine anderen Götter haben wollen. Bist du bereit, dich darauf einzulassen?“

Und tatsächlich erzählt die Bibel, dass die Israeliten auf dieses Angebot Gottes klar und in aller Freiheit gemeinsam antworten: „Ja, das wollen wir!“

Die Zehn Gebote sind ein Maßnahmen-Katalog zur Freiheitssicherung. Und wenn man sie so liest, erkennt man das auch gleich. Dann wird aus „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen“: „Glaube niemals, du könntest Gott verstehen oder ihn gar in eine Form pressen.“ Aus „Du sollst den Feiertag heiligen“ wird: „Finde eine gesunde Lebensbalance!“ „Du sollst nicht töten“ heißt dann: „Achte und fördere das Leben!“ „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ meint: „Sei achtsam mit deinen Worten!“ Und „Du sollst nicht ehebrechen“ ermutigt: „Sei ein treues und zuverlässiges Gegenüber!“ All diese Dinge tragen dazu bei, deine Freiheit und die Freiheit der anderen zu fördern.

Insofern durchweht eine Grundbotschaft die Zehn Gebote in jeder Zeile: Handle bei allem, was du tust, so, dass du die Freiheit voranbringst. Außerdem wird ein solches Handeln immer eines sein, das aus Liebe geschieht. Weil der Gott der Befreiung ja auch aus Liebe zu den Menschen handelt. Freiheit und Liebe sind Geschwister.

Der Kirchenvater Augustinus hat deshalb die Zehn Gebote schon im 5. Jahrhundert ganz frech komprimiert. In dem wunderbaren Satz: „Liebe und tu, was du willst.“ Ja, wer aus Liebe handelt … also so, dass er die Freiheit fördert … der braucht eigentlich überhaupt keine Gebote mehr. Der hat so grundsätzlich verstanden, worum es bei den Zehn Geboten geht, dass ihm deren Ausführungen längst in Fleisch und Blut übergegangen sind. „Liebe und tu, was du willst.“ Weil liebevolles Handeln immer das Beste für den anderen im Blick hat.

Zu Zeiten der Israeliten, die gerade erst der Sklaverei in Ägypten entkommen waren, war es sicher noch hilfreich, die Anwendungsfelder der Liebe genauer zu skizzieren. Aber schon damals war allen Beteiligten klar: Die Zehn Gebote präsentieren eine Grundeinstellung zum Dasein.

Dass man sie trotzdem schon früh fälschlicher Weise als diktatorische Norm verstanden hat, hat auch Jesus gestört. Und er verwehrt sich dagegen. Zum Beispiel, indem er selbst regelmäßig die Gebote bricht und am Sabbat Dinge tut, die damals in Anlehnung an das Sabbatgebot als verboten galten – etwa am heiligen Feiertag Ährenausreißen oder Kranke heilen. Doch seine Antwort an die Kritiker war eindeutig: „Der Mensch ist nicht für die Gebote da, die Gebote sind für den Menschen da.“

Die Zehn Gebote sind für den Menschen da! Wenn man sie aus dieser Perspektive liest und sie im Rahmen der mit ihr verbundenen Freiheitsbewegung der Israeliten betrachtet, dann kann man sagen: Die Zehn Gebote sind auch heute für die Menschen da. Weil sie nach wie vor gegen jede Form von Unfreiheit vorgehen. Und natürlich hat das Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ auch etwas mit „Fake News“ zu tun. So, wie in dem Gebot „Du sollst nicht töten“ zugleich die Aufforderung steckt, die Umwelt zu schützen und Menschen nicht auf der Flucht ertrinken zu lassen.

Mose würde vermutlich sagen: Wenn sich alle an die Zehn Gebote halten, dann ist sie da … eine Gesellschaft freier und befreiter Menschen. Er könnte Recht haben

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