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Die Wahrheit macht uns frei
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Die Wahrheit macht uns frei

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von Claudia Rudolff, Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

Michael ist ein Pfundskerl. Mit ihm gibt es immer was zu lachen und oft steht er auf Festen im Mittelpunkt. Seinen Freunden macht aber eine Sache seit langer Zeit Sorge. Michael trinkt zu viel. Schon oft mussten die Freunde ihn nach einem Treffen nach mehreren Gläsern Wein davon abhalten, sich ans Steuer zu setzen. Natürlich reden sie darüber, aber leider nicht mit ihm, obwohl sich alle um seine Gesundheit sorgen. Einer muss mit ihm mal ein ernstes Wort reden. Freundschaften müssen das aushalten. Das sehen alle aus dem Freundeskreis so, aber jeder fragt: warum ich? Mach du das doch! Du kennst ihn doch besser und viel länger. Einer nach dem anderen versucht, dieses unbequeme Gespräch dem anderen aufzubürden. Und warum ? Man hat Angst es sich mit Michael zu verscherzen. Außerdem glaubt keiner, dass Michael für so ein Gespräch dankbar wäre. Niemand vertraut darauf, dass es einen guten Ausgang nimmt und Michael sein Problem auch erkennt bzw. dass es ihm bewusst wird.
Uns so lassen sie die Dinge laufen.

Ja, jemandem die Wahrheit zu sagen, ist unbequem und erfordert vor allem Mut. „Hätte ich den gehabt?“
Ich denke an ein Wort von Jesus: Die Wahrheit macht euch frei. (Joh 8,32)
Ehrlich zu sein und auch Verantwortung für Menschen zu übernehmen, die uns wichtig sind, gehört doch zu Freundschaften dazu. Ich kann die Angst verstehen, von Michael ausgelacht zu werden und vor allem Angst, dass die Beziehung danach im Eimer ist. Oder gesagt zu bekommen: „Kehr lieber mal vor deiner Tür“.
Ich weiß aus ähnlichen Situationen: Die Geschichte und das schlechte Gewissen lassen mich nicht in Ruhe. Die Wahrheit macht frei. Das stimmt auf jeden Fall für mich. Wäre sie ausgesprochen, würde ich mich als Freundin besser fühlen, auch wenn ich nicht weiß, wie die Beziehung jetzt weiter geht.

Die Wahrheit macht frei, könnte auch für Michael gelten. Nur wenn er zu seinem Alkoholproblem steht, kann sich etwas ändern. Vielleicht bringt es Michael zur Besinnung. Wie das Gespräch mit ihm ausgehen würde, ist ungewiss. Dennoch wünsche ich den Freunden den Mut zur Wahrheit und Michael den Mut, zu hören und sich selbst zu prüfen.

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