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Lenny Kravitz: "Fly away"
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Lenny Kravitz: "Fly away"

Thomas Zels
Ein Beitrag von

Thomas Zels,

Pastor, Freie evangelische Gemeinden Marburg
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hr1 Sonntagsgedanken-Sommerreihe "Mit Popsongs auf Sinnsuche: Aufbruch"

Bei der Hochzeitsfeier einer Cousine saß ich zwischendurch mit der Braut an einem Tisch. Zusammen mit anderen. Es war schon recht spät. Das Büffet und viele lustige Beiträge waren vorbei. Vor dem Mitternachtskuchen war jetzt Chillen und Small-Talk angesagt. Oder vielleicht tanzen?

Der Familien-DJ sorgte für Stimmung. Auf einmal auch mit diesem Song.

„Au ja!“ sagte die Braut bei den ersten Takten, stand auf, packte sich ihren Bräutigam und zog ihn Richtung Tanzfläche. Der lachte und kam gerne mit. Ich dachte: Ist auch wahr, jetzt ist echt mal abtanzen dran! Und ich war wohl nicht der Einzige. Auf einmal kam Bewegung in die Feier. Ich fand meine Frau und wir gingen zur Tanzfläche.

Es war toll zu sehen, wie die Braut tanzte. Mit ausgebreiteten Armen, geschlossenen Augen, den Kopf im Nacken, drehte sie sich in ihrem Hochzeitskleid begeistert im Kreis. Fast so wie ein tanzender Derwisch. Viele klatschten dazu, allen voran der Bräutigam. Drumherum fingen viele an, begeistert zu tanzen.

„Fly Away“ von Lenny Kravitz – toll gemacht, DJ! Der Funke war übergesprungen. Das war der Auftakt zu einer beflügelten Feier durch die halbe Nacht. Es war toll, sich wieder mal mitreißen zu lassen und aus sich raus zu gehen. Der Song fährt einem ja auch wirklich in die Beine. Auch der Text.

Ich wünschte, ich könnte fliegen - In den Himmel -
So ganz hoch - Wie eine Libelle

Ich würde über die Bäume fliegen - Über die Seen - überall hin -
Wo immer es mir gefällt

Oh, ich möchte weg gehen - Ich möchte weg fliegen - Yeah, yeah, yeah

Mit seinem fünften Album, es heißt auch so: „five“, gelang es Lenny Kravitz 1998, an die Erfolge seiner ersten Alben anzuschließen. Die Singleauskopplung Fly away wurde Nummer 1 in mehreren Ländern. Für dieses Lied bekam Kravitz ein Jahr später seinen ersten von vier Grammys.

Musikalisch sind die Stücke des Albums von den 1970er-Jahren inspiriert, die Kravitz mit seinen typischen Funk-Rock-Elementen kombiniert. Ein bisschen erinnert das Yeah-yeah-yeah an die Beatles. Die Synthesizer und Loops, also die wiederholenden Schleifen, verleihen dem Song dann den typischen Klang am Ende der 90iger Jahre.

Kravitz wuchs auf mit verschiedenen Musikeinflüssen: Jazz, Soul, Blues und Gospel, auch mit klassischer Musik. Sein Vater war Promoter für Jazzkonzerte. Nachdem die Familie nach Los Angeles umgezogen war, kam er auch mit Rockmusik in Kontakt. Schon früh entstand bei Kravitz der Wunsch, selbst Musiker zu werden. Anfang der 90iger kam sein großer Durchbruch. Seither arbeitet er gern mit bekannten Showgrößen zusammen, wie Madonna oder Stevie Wonder. Kravitz tourt bis heute durch die großen Konzertarenen der Welt. Vor fünf Jahren veröffentlichte er sein zehntes Musikalbum.

Aber er ist seit rund zehn Jahren auch Schauspieler und schreibt Filmmusik  Und wie in einem wunderschönen eigenen Film, wie in einem Traum fühle ich mich auch beim Song Fly-away. Er kombiniert genial den uralten Menschheits-Traum vom Abheben und Fliegen mit Musik, die ebenfalls abheben lässt. Der Song zieht mich zum Tanzen und in meine eigenen Fly-Away-Träume.

Lass uns gehen und die Sterne sehen - Die Milchstraße oder sogar den Mars - Einfach, als ob sie uns gehören.
Lass uns zur Sonne verschwinden - Lass deinen Geist fliegen - Wo wir eins sind - Nur für ein bisschen Spaß - Oh yeah!
Ich möchte weg gehen - Ich möchte weg fliegen - Yeah, yeah, yeah

Fliegen können – ein uralter Kindertraum. Schwerelos sein, unabhängig und frei. Machen können, was man will. Spaß haben. Begeistert sein, zusammen mit anderen Gleichgesinnten. Eins mit ihnen. In etwas Wunderbares eintauchen, das mich vom Alltag löst, weil es Körper und Geist ergreift.

Nicht nur Kinder beflügelt sowas, auch Erwachsene haben diese Sehnsucht in sich. Ich spüre das zum Beispiel, wenn ich auf der Besucherterrasse des Frankfurter Flughafens stehe. Wenn diese riesigen, tonnenschweren Maschinen auf einmal abheben in die Luft. Ein paar Kinder um mich herum haben das sehnsüchtige und beeindruckte Staunen in ihren Gesichtern, und auch Erwachsene. Weg fliegen können – wundervoll

Technisch ist das in der Menschheitsgeschichte ja noch nicht lange möglich.
Und immer begeistert es. Vielleicht, weil es diesen Traum immer schon gab.
Joseph von Eichendorff schrieb Anfang des 19.Jahrhunderts ein Gedicht. Am Ende heißt es:

Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.


Auch das ist eine Stimme der uralten Sehnsucht nach Freiheit und Einklang. Ähnlich wie der Song von Kravitz.

Für mich ist das mehr als eine Flucht vor der Realität. Mehr als das Abtauchen in eine Wunschwelt, oder schlicht das „high“ sein. Ich meine: Die Schwere des Lebens fordert sogar zu solchen Träumen heraus. Ohne Träume, zu denen Menschen aufbrechen wollen, wäre für mich das Leben trostlos.   

Deshalb faszinieren mich auch in der Bibel die Menschen, die „abheben“ Die so von einer unsichtbaren Wirklichkeit ergriffen werden, dass andere das befremdlich finden. Ekstase ist ja auch nichts Alltägliches. Wie bei Paulus, den man auch den Apostel der Völker nennt, weil er mehrfach weit gereist ist, um vielen den Glauben nahezubringen. Er berichtet von einer Erfahrung, bei der er, so wörtlich, einmal bis in den sogenannten „dritten Himmel“ entrückt wurde und dort unaussprechliche Dinge sah und hörte (2.Korinther 12,2-4). Da hat er schon etwas von der Unendlichkeit und dem Glück erlebt, auf das er hoffte. Auch wenn es nur Momente sind: Wenn jemand außer sich ist vor Glück und Begeisterung, das hat das was vom Himmel auf Erden.

Die irische Folklore ist voll von christlichen Motiven und Bildern für die Sehnsucht nach Glück. Dort wird Jesus manchmal als „Lord of the Dance“ bezeichnet, als Herr des Tanzes und der Lebensfreude.

Begeistert sein können ist wichtig. Denn es gibt Dinge, die wirklich mitreißend sind und meine Sehnsucht erfüllen. Für mich ist das tatsächlich Gott. Ich weiß, dass ich ihn mir nicht einbilde. Ich brauche auch keine speziellen Substanzen oder Events, die mich dahin bringen. Manchmal, wenn ich ein schönes Lied im Gottesdienst singe, stehe ich dazu auf. So, wie in meiner Gemeinde Gottesdienst gefeiert wird, manchen das die Leute, wie sie es möchten. Ich schließe meine Augen und gebe mich der Wahrheit hin, dass Gott mich liebt. Ich fliege in meinen Gedanken in die Zukunft. Ins Paradies. Ich bin froh: Das ist die Aussicht der Christen. Dahin bin ich aufgebrochen.

Diese begeisterten Momente zeigen mir, wohin ich unterwegs bin. Beim Tanzen oder im Gottesdienst. Sie sind wie Leuchttürme in meinem Alltag. Wenn mal eine harte Landung kommt, bleibt doch das Feuer im Herzen. Die innere Gewissheit, dass es mehr gibt.

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