Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Auch Ohren können mittragen
gettyImages/Slphotography

Auch Ohren können mittragen

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
Beitrag anhören:

Von der Schriftstellerin zur Fußpflegerin

Sie ist Mitte Vierzig und sucht etwas Neues. In ihrem Beruf als Schriftstellerin läuft es nicht gut. Darum folgt sie dem Tipp einer Freundin, schult um und wird Fußpflegerin. Nicht irgendwo, sondern in Berlin Marzahn, einer Siedlung mit vielen Hochhäusern. Dort arbeitet Katja Oskamp in einem Studio - und findet darüber auch zu ihrem ursprünglichen Beruf der Schriftstellerin zurück. Sie schreibt ein Buch mit dem Titel: Marzahn mon amour - Geschichten einer Fußpflegerin.

"Marzahn mon amour - Geschichten einer Fußpflegerin"

Das Buch ist ein kleines Wunder - an Wärme und Zuneigung. Ehrlich und ohne Schnörkel erzählt Katja Oskamp von Menschen, die in ihre Praxis kommen: die Ehefrau, die immer ihren Mann mitbringt, weil der nicht alleine zu Hause bleiben kann; ein ehemaliger Offizier der Staatssicherheit, der unbelehrbar ist; ein junges Mädchen, das meint, sie habe keine schönen Füße, was nicht stimmt. Das sind so Geschichten, äußerlich.

Ein Buch voll Wärme, Zuneigung und Witz

Schön wird das Buch wegen der Wärme und dem Witz, mit der Frau Oskamp von Menschen erzählt. Sie versteht längst nicht alle, aber sie urteilt nicht, macht sich nicht lustig über sie. Die Autorin erkennt, wie sehr alle mit dem Leben zu kämpfen haben.

"Ich erschrecke manchmal über den Kampf, den andere kämpfen müssen"

Das ist bei vielen so, oft auch bei mir. Wenn ich Menschengeschichten höre, erschrecke ich manchmal über den Kampf, den andere kämpfen müssen. Ich sage das Wort Kampf absichtlich. Sie kämpfen mit Behörden; mit oder gegen eine Krankheit; sie sorgen sich um ihre Zukunft, ob die Rente genügen wird oder ob Kinder und Enkelkinder ein Auskommen haben. Das ist harte Arbeit.

Zuhören, und Sorgen und Ängste ernst nehmen

Viele tragen Lasten, die ich mir nicht vorstellen konnte. Oft wollen sie keine Hilfe; wollen nicht, dass ich ihnen Lasten abnehme. Sie möchten Verständnis. Sie hoffen, dass ich höre und nicht urteile. Es wird ihnen leichter ums Herz, merke ich, wenn ich ihre Lasten einfach ernst nehme. Ernstnehmen ist auch mittragen. Ein Mensch wird leichter, wenn er Verständnis findet. Ich muss nicht alles verstehen oder richtig finden. Ich höre, nehme Sorgen und Ängste ernst. Auch Ohren können mittragen; erfüllen das Gesetz Christi. Lasten werden etwas leichter, wenn jemand da ist, der sie hört. 

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren