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Als Mama weinte
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Als Mama weinte

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Mama weint. Vor Freude. Sie steigt aus dem Zug und sieht ihren Jungen, elf Jahre alt. Ganz allein ist er zum Bahnhof gekommen und holt Mama ab. Die sieht ihn und weint. Drei Wochen war sie weg, eine kleine Kur. Das ist lang für eine Mutter. Jetzt ist sie erholt und froh. Wieder beim Jungen. Ihrem Ein und Alles.
Leicht ist das nicht, wenn man allein ist mit einem Kind. Der Vater ging, als der Junge klein war. Dann geh’ doch, hat Mama gesagt. Und wusste nicht, was es heißt, alleine zu erziehen. Immer da zu sein, immer verantwortlich. Oma und Opa sind weit weg; Nachbarn helfen, ja. Aber nicht immer und nicht immer gern. Also Mama, Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. Das strengt an. Strengt auch die Liebe an. Kindergarten, Einschulung, Schulwechsel – dann ging es nicht mehr. Die Kur musste her. Der Junge zu Opa und Oma. Die haben ihn gestern nach Hause gebracht. Jetzt steht er auf dem Bahnsteig. Und ist ganz cool.
Mama aber weint. Vor Freude. Und auch vor Traurigkeit. Alles kam so anders als gedacht. Der Lebensplan ist durcheinander, wie durchgeschüttelt. Mama denkt eher von Woche zu Woche als auf lange Sicht. Es geht nicht anders. Dem Jungen zuliebe. Der kann für nichts, ist einfach da. Und sie für ihn. Irgendwann kommt dann der Moment, wo man den Plan aufgibt. Er war schön, ging aber nicht auf. Also nimmt man, was ist. Und macht es gut. Mama macht es richtig gut. Deswegen steht der Junge am Bahnhof. Sieht Mama jetzt weinen. Hält sie ganz fest. Und Mama ihn. Und Gott schaut sie freundlich an. Weil sie füreinander da sind. Das Beste, was wir tun können, wenn ein Plan nicht aufgeht.

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