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Hochzeitskuss und Judaskuss
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Hochzeitskuss und Judaskuss

Dr. Ansgar Wucherpfennig
Ein Beitrag von

Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt

Vor einigen Wochen flimmerte der königliche Hochzeitskuss von Harry und Meghan über unzählige Bildschirme auf der ganzen Welt. Sicher war das für die beiden ein sehr emotionaler Moment, aber ob sie ihn vor der großen weiten Weltöffentlichkeit auch genießen konnten? Eines der Bücher der Bibel beginnt auch mit einem royal wedding kiss: „Mit den Küssen seines Mundes küsse er mich, denn süßer als Wein ist deine Liebe.“ So beginnt das Hohelied der Liebe. Der Geliebte ist König Salomo und seine Geliebte Schulamit.

Schön an diesem biblischen königlichen Hochzeitkuss finde ich, dass dort die Frau die Initiative hat. Das kommt in der Bibel nicht allzu oft vor. Viele biblische Schriften sind ja in einer Welt entstanden, in der Männer das Sagen hatten. Hier wünscht sich aber die Frau die Küsse ihres Mannes. Und sie sagt nicht einfach: Ich küsse dich! Vielmehr lädt sie ihn ein, sie zu küssen. Er kann ihrer Einladung folgen oder auch nein sagen. Ein Lied von Sting fällt mir dazu ein: „If you love somebody, set them free“, hat er vor vielen Jahren gesungen: „Wen auch immer du liebst, lass ihn frei!“ In dem Kuss zwischen Salomo und Schulamith finde ich solche Freiheit wieder.

Heute ist der internationale Tag des Kusses. Dazu hat die Bibel leider nicht nur romantische Küsse beizutragen, sondern auch den Judaskuss. Küsse können auch verräterisch, übergriffig oder geheuchelt sein. Was beim Judaskuss genau passiert ist, ist allerdings gar nicht so klar. Die vier Evangelien berichten nämlich alle unterschiedlich davon. Offenbar haben sich Jesus und seine Jünger gewöhnlich mit einem Kuss begrüßt, so taten es auch jüdische Schriftgelehrte und ihre Schüler. Der Kuss war vielleicht nicht mehr als ein Erkennungszeichen, das Judas mit den Leuten verabredet hat. Es war also nicht ein besonders verlogenes Zeichen für seinen Verrat. So erzählt es jedenfalls Markus.

Matthäus erzählt ganz anders von dieser letzten Begegnung zwischen Jesus und Judas. Jesus erwidert Judas Kuss und fragt ihn: „Freund, dazu bist du hier?“ Ich stelle mir vor, dass Jesus ihn dabei liebevoll und traurig angeblickt hat. Seine Frage hilft Judas noch einmal, in sich zu gehen. Jesus hat sein Vertrauen in Judas immer noch nicht verloren. Freundinnen und Freunde, die ihr Vertrauen in mich nicht verloren haben, auch wenn ich mich verrannt habe, waren mir schon oft wichtig in meinem Leben. Sie haben mir keinen Kuss gegeben, um mich wieder wachzurütteln, sondern mich in den Arm genommen, mich freundlich angeschaut oder sie haben einfach nur klar aber gütig mit mir gesprochen. Ohne solche Nähe von Freunden wäre ich heute sicher nicht der, der ich geworden bin.

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