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Alte Wunden
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Alte Wunden

Alexander Matschak
Ein Beitrag von

Alexander Matschak,

Medienkoordinator des Bistums Mainz

Es gibt Begegnungen, die lassen mich nicht los. Vor ein paar Monaten bin ich in Wiesbaden auf dem Markt gewesen. Da habe ich, nur ein paar Meter von mir weg, einen alten Schulkameraden stehen gesehen. Mit ihm habe ich eine nicht ganz einfache Geschichte. Wir sind über viele Jahre sehr gut befreundet gewesen, haben viel Zeit miteinander verbracht. Und dann haben wir uns sehr verkracht – den Grund weiß ich heute gar nicht mehr so richtig. Wir haben uns aus den Augen verloren. Zu einer Versöhnung ist es nie gekommen.

Jedenfalls: Da stand er in Wiesbaden auf dem Markt. Ich bin auf ihn zugegangen. Wollte mit ihm sprechen, hören wie es ihm geht. Aber ich musste erfahren: Die Zeit halt eben doch nicht alle Wunden. Es war ein kurzes Gespräch. Er war kalt und abweisend zu mir. Schnell habe ich mich verabschiedet und war, ehrlich gesagt, ziemlich sauer. Da war sie wieder: die alte Wut auf ihn. Da war er wieder, der Streit, den ich eigentlich schon vergessen hatte. Ich habe mich über mich geärgert. Habe mich gefragt, warum ich ihn nicht einfach in Ruhe gelassen habe. Warum ich ihn denn überhaupt angesprochen habe. Natürlich: Zu einem Streit gehören immer zwei. Und auch ich habe sicher Fehler gemacht. Aber jetzt war ich wirklich enttäuscht: Schließlich habe ich doch den ersten Schritt versucht und da ist er so abweisend.

Aber, wie gesagt: Losgelassen hat mich die ganze Geschichte dann irgendwie doch nicht. Immer wieder habe ich über die Situation auf dem Wiesbadener Marktplatz nachgedacht. Mir ist da eine Stelle aus der Bibel eingefallen. Im Matthäus-Evangelium fragt Petrus Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“

Jesus meint damit: Ich muss immer wieder vergeben. Ich darf damit nicht aufgeben. Auch wenn es mir vielleicht verdammt schwer fällt. Und außerdem ist es ja auch so: Nicht nur der andere hat Fehler gemacht. Auch ich mache etwas falsch. Auch ich sündige. Und auch ich hoffe, dass mein Gegenüber mir meine Fehler vergibt. Denn ich glaube: Gott vergibt mir Tag für Tag meine Schuld und mein Versagen. Da bin ich mir ganz sicher. Warum sollte da nicht auch ich immer wieder anderen vergeben können?

Trotzdem: Das mit dem Vergeben, das mit der Versöhnung bleibt keine einfache Sache. Es ist echt schwer, über seinen eigenen Schatten zu springen. Aber ich habe mir vorgenommen: Beim nächsten Mal werde ich einfach wieder auf meinen alten Schulfreund zugehen. Mal sehen: Vielleicht nimmt das Gespräch ja dieses Mal eine andere Wendung. Vielleicht können wir uns wenigstens aussprechen. Und wenn es nicht klappt? Na, dann werde ich es beim übernächsten Mal wieder versuchen.

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